Ein Überbewusstsein suchen und finden – Deniz Boran

Auf der einen Seite:

„Den IS hat der US-Imperialismus geschaffen“, „die Huthis in Jemen sind Schachfiguren des Iran“, „der arabische Frühling ist ein Spiel des Westens, um seinen Einfluss im Mittleren Osten zu stärken“, „Die Rebellen in der Ukraine sind russische Nationalisten“.

Auf der anderen Seite:

„Die PKK ist eine Organisation, die von Griechenland, dem Iran und Russland gegen die Türkei gegründet wurde“, „der Gezi-Aufstand wurde von der jüdischen Zinslobby organisiert“, „Die Rebellen in der Ukraine sind russische Nationalisten“, „die Huthis in Jemen sind Schachfiguren des Iran“.

Wie der faschistische Diktator Erdogan die Aufständischen des Gezi-Protests aufklärte: „Ihr werdet von einem Überbewusstsein geleitet“.

Auf der einen Seite die Sozialisten, auf der anderen die Herrschenden. Zwei Seiten, die sich in keinem Punkt einig sind, sagen plötzlich das gleiche. „Die Huthis im Jemen sind Schachfiguren des Iran“. Die Sozialisten fügen noch hinzu, dass auf der anderen Seite die Regierung und Saudi Arabien dagegen für die Interessen des US-Imperialismus auf dem Schlachtfeld des Mittleren Osten stehen. Aber ist es denn so einfach, wie wir es uns erklären?

Der Begriff des „Stellvertreterkriegs“ hat die sozialistische Bewegung vor allem in der Zeit des Kalten Kriegs ständig begleitet. Er fiel bei jeder Diskussion und jeder geopolitischen Analyse. Damit machten wir klar, dass wir die Entwicklungen nicht auf das bestimmte Land beschränkt verstehen, sondern als Teil der Entwicklungen auf der Erde. Der Vietnam-Krieg gilt von jeher als ein Stellvertreterkrieg zwischen den zwei Weltblöcken. Es kämpften Vietnamesen im Namen des Westens und des revisionistischen Blocks gegeneinander. So lehrt es auch die bürgerliche Bildung. Die Vietnamesen sind nur Soldaten der Politiker, die in Washington und Moskau sitzen – mit Erdogans Worten: sie wurden von einem Überbewusstsein geleitet.

Den Imperialisten eine Macht zuschreiben, die sie nicht haben

Gehen wir zeitlich weiter in der Geschichte. „Die politisch-islamischen Kräfte wurden vom US-Imperialismus aufgebaut, um seinen Einfluss im Mittleren Osten auszubauen und ist Teil seines Projekts im Mittlerer-Osten“, sagen einige linke Gruppen. Nach dieser Logik können die Imperialisten machen, was sie wollen. Sie bauen Organisationen auf, bekämpfen diese, leiten Millionen von Unterdrückte, haben alles unter Kontrolle. Dieser Ansicht zufolge kann die CIA oder der Mossad eine politisch-islamisch faschistische Terrororganisation im Mittleren Osten aufbauen, die hunderttausende von Kämpfer von überall auf der Erde organisiert und von Millionen Unterdrückten unterstützt wird. Wenn wir uns aber näher mit der Gründung des IS beschäftigen, erkennen wir, dass die Wurzeln des IS in der Besetzung des Iraks durch den US-Imperialismus liegen. Zu der Zeit ist der IS als reaktionäre Reaktion auf die Besetzung entstanden. Millionen von unterdrückte Sunniten entschlossen sich, den IS (damals noch ISI) zu unterstützen um die Besetzer aus dem Irak zu jagen.

Warum versuchen wir, die Gründung einer solchen Organisation mit Geheimorganisationen imperialistischer Staaten zu erklären. Wenn wir uns näher mit den Entwicklungen in der jeweiligen Region beschäftigen, können wir die Fragen auch aus der konkreten Situation heraus erklären.

Kein Vertrauen in die Unterdrückten

Schauen wir uns die Volksaufstände in Nordafrika und Arabien an. Es gibt Sozialisten, die davon ausgehen, dass die „Volksaufstände ein Spiel des US-Imperialismus“ waren. Oder der Volksaufstand in der Ostukraine: „Der Bürgerkrieg in der Ukraine ist stellvertretend für die sich vertiefenden Interessen der Imperialisten und die Aufständischen  im Osten vertreten die Russen“. Haben die Unterdrückten denn gar kein Interesse, für die sie kämpfen? Das heißt nicht, dass die Imperialisten nichts mit den Konflikten zu tun haben. Sicherlich werden sie und die reaktionären Staaten in der Region versuchen, die Volksaufstände und jeden neuen Zustand im Hinblick auf ihre eigenen Interessen zu beeinflussen. So kommt es auch nicht selten vor, dass in einem Gebiet imperialistische Interessen entgegenkommen. Wenn sie nicht in der Lage sind, direkt einzugreifen, werden sie versuchen, lokale Akteure zu beeinflussen oder direkt paramilitärische Organisationen zu schaffen. Der Begriff dafür ist in der politischen Literatur aber Kollaborateur.

Warum suchen die Marxisten denn bei den verschiedenen Konflikten überall auf der Erde nach einem positiven Interesse der USA? Geht es in dem ganzen Konflikt in Syrien um Öl, das sich Amerika und Russland nicht teilen können? Warum suchen wir nach einem „strategischen Ziel“, nach Rohstoffen, strategisch wichtigen Häfen oder nach Öl-Rohren unter den umkämpften Gebieten? Es stimmt, dass die Ökonomie die letztlich bestimmende Kategorie ist. Aber davon auszugehen, sie sei die einzige, würde uns in die Reihen des ökonomischen Determinismus schleudern. Der ökonomische Determinismus leugnet die Idee und mit ihr auch den Willen der Menschen in der Geschichte. Und wenn: Haben die Massen der ArbeiterInnen, Bauern, Werktätigen und Unterdrückten denn keine ökonomischen Interessen?

Sie können glauben, dass die arabischen Revolutionen von einigen Jugendlichen organisiert wurden, die im US-Konsulat Kurse zur Nutzung von Sozialen Medien bekommen haben… Können  die Millionen verarmten Massen, die durch die Angriffe der imperialistischen Globalisierung alles verloren haben, keinen Grund haben, auf die Straße zu gehen und sich gegen die Finanzoligarchie aufzulehnen?

Idealismus in der sozialistischen Bewegung

Der Materialismus ist die Weltanschauung der Marxisten. Charakteristisch für einen Materialist ist die Analyse von Entwicklungen ausgehend von den inneren Dynamiken. Die Materialisten suchen die Antworten für Entwicklungen und Zustände nicht in den möglichen äußeren Einflüssen. Diese ist die Herangehensweise der Idealisten. Äußere Einflüsse können eine Entwicklung zwar beeinflussen, sind letztendlich aber nicht ursächlich.

Der dialektische Materialismus lehrt uns, dass die Verhältnisse und Entwicklungen immer komplizierter werden. Die Produktionsverhältnisse und mit ihr alle Bereiche des menschlichen Lebens entwickeln sich vom Tiefen zum Höheren, vom Einfachen zum Komplizierten. In der existenziellen Krise des Imperialismus können die sich immer verändernden Zustände nicht konsequent durch die Interessen der imperialistischen Monopole und deren Staaten erklärt werden.

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So einfach ist es nicht. Säubern wir unsere Analysen und uns selbst von der idealistischen/bürgerlichen Art und erkennen somit die Wahrheit. Suchen wir nicht nach einem Überbewusstsein.

Das Fenster, aus dem wir blicken ist das Unterbewusstsein der Unterdrückten, der Massen und das des konkreten Klassenkampfs.