Den Bruch mit der gesellschaftlichen Männlichkeit schaffen – Deniz Boran

Die Tradition aller toten Geschlechter lastet wie ein Alp auf dem Gehirne der Lebenden. (Marx)

Die Tradition der Ungleichheit zwischen den beiden Geschlechtern und die erste große gesellschaftliche Niederlage der Frau, durch die der Mann seine Herrschaft begründete, ist mit der gesellschaftlichen Arbeitsteilung die Älteste dieser Traditionen.

Der Status der gesellschaftlichen Geschlechterrollen und die ihr zugesprochenen Grenzen des Verhaltens dienen zur problemlosen Reproduktion der Herrschaft des Mannes über die Frau* durchgehend in allen Formen in den Klassengesellschaften.

Diese Geschichte der Unterdrückung der Frau* ist die Geschichte der Entmenschlichung des männlichen Geschlechts: Denn diese Herrschaft ist aufgebaut auf reiner Erniedrigung, Gewalt und Ausbeutung. Und sie ist älter als jede andere Form der aktuellen Unterdrückung.

Auch wir sozialistischen Männer sind oft – bewusst oder unbewusst – Teil dieser Herrschaft.

Kapitalismus ist die Entfremdung des Menschen von seiner Menschlichkeit. Revolutionär*innen sind Menschen, „die im Hause der Nacht ein Feuer entfachen“. Das tun sie, indem sie alle Werte des Menschseins ins Zentrum ihrer politischen Existenz setzen und für diese Werte kämpfen. Auch wenn die Menschwerdung, das heißt die Aufhebung jeglicher Entfremdung, kategorisch/gesamtgesellschaftlich erst mit dem Übergang zu einer Produktionsweise möglich ist, in der die produzierten Waren nicht den Produzent*innen entfremdete Gegenstände sind, kann der Mensch mit dem Bruch aller entmenschlichenden Lebensarten und –formen, das heißt mit der Entwicklung der revolutionären Persönlichkeit zu einem Menschen werden – auch in der kapitalistischen Welt.

Für den sozialistischen Mann ist dies vor allem der Bruch mit der gesellschaftlichen Männlichkeit.

Ümit Yetik (Baran Munzur), kommunistischer Guerillakämpfer der MLKP, der in Dersîm fiel, schrieb in seinem Bericht zur Frauen*befreiung nach einem Workshop über seine Gefühle und Gedanken:

Wenn ich meine Realität aus einer kritischen und selbstkritischen Perspektive in die Hand nehme, komme ich zu einem Schluss: Es ist meine Pflicht, die Frauen zu verstehen und mich von meinen patriarchalen Verhaltensweisen zu befreien. Man kann sich nicht schnell von ihnen befreien, so träumerisch gehe ich nicht an die Sache heran. Ich weiß nun, dass diese Befreiung ein Ergebnis eines langfristigen Kampfes ist. Der zentrale Punkt, der mich von ihnen befreien wird ist, dass ich mir dessen bewusst geworden bin. Dies [ein Männer-Workshop] sollte zu einem Ausgangsweg für mich werden. Ich muss mich weiterentwickeln mit diesem Verständnis, das ich gewonnen habe. Ich denke auch, dass mein Revolutionärsein keine Bedeutung haben wird, wenn ich mich nicht weiterentwickle. Wir sagen ja immer, dass wir eine neue Welt ohne Ausbeutung schaffen, in der Gleichheit herrscht und geteilt wird. Das zu schaffen bedeutet, schon von heute Veränderung in mir zu bewirken. Ich bin mir nun dessen bewusst geworden. Erst, wenn ich und meine männlichen Genossen sich von diesen patriarchalen Verhaltensmustern befreien können, werden wir unserem Ziel näher kommen. Diese Anschauungsweise ist nun mein grundlegender Gedanke.“

Die Frage, ob die Herangehensweise an die Frauen*befreiung ein Hindernis meiner revolutionären Entwicklung werden konnte, habe ich lange Zeit mit „Nein“ beantwortet. Es hat sich aber für mich herausgestellt, dass jeder revolutionäre Mann einen bestimmten Augenblick erreicht, in dem er sich mit der Frauen*befreiung auseinandersetzen muss und dass diese Auseinandersetzung seine Entwicklung zentral mitbestimmt.

Wie konnte es sein, dass ich als sozialistischer Mann nicht in der Lage war, meine Genossin, die neben mir steht, gleich entschlossen ist und den gleichen Weg geht, zu verstehen? Wie konnte ich mich als Revolutionär immer noch von den Vorteilen ernähren, die sich mir als ein Mitglied des unterdrückenden Geschlechts ergaben?

Und diese Vorteile ergaben sich nicht nur in den Räumen außerhalb „unserer“ Hegemonie. Niemand kann bezweifeln, dass du es als revolutionärer Mann einfacher hast als als revolutionäre Frau. Du wirst ernster genommen, du wirst als eine Adresse der Lösungsfindung betrachtet, du hast das letzte Wort… Und aus dieser Widerspiegelung der männlichen Herrschaft in den revolutionären Organisationen entsteht ein Typ des männlichen Revolutionärs, der sich in das Zentrum seines Arbeitsbereichs setzt, verantwortliche Genossinnen nicht ernst nimmt, seine persönliche „männliche“ Herrschaft und Hegemonie ausbaut und dafür mit seinen männlichen Genossen konkurriert.

Ist es denn denkbar, dass ein solcher revolutionärer Mann zu einer Miniatur des „neuen Menschen“ der kommunistischen Welt wird? Oder ist dieser Mann nicht vielmehr ein Repräsentant der Tradition aller toten Geschlechter und würde immer wieder in den bürgerlichen Horizont zurückfallen?

Die Antwort liegt auf der Hand.

Wenn irgendwo auf dieser Erde eine Frau* ermordet oder vergewaltigt wird… Was für Gefühle erweckt dies in uns? Schämen wir uns für die Taten der Männer, werden wir wütend und setzen uns als erstes Ziel, diese Männlichkeit zu töten? Oder sehen wir diese Taten als etwas, was mit uns nichts zu tun hat, eine Tat von einzelnen, degenerierten und psychisch erkrankten Männern?

Der Schädling eines jeden Baums steckt in ihm selber

Der Schädling eines jeden Baums steckt in ihm selber“ heißt es in einem Sprichwort. So ist es auch mit der Männlichkeit im sozialistischen Mann. Was ist das Gegengift?

Ich habe mir diese innere Auseinandersetzung nun als Aufgabe gestellt. Um ein Teil des neuen Lebens zu werden, muss ich mich früh von diesen Verhaltensweisen befreien. Ich bin hoffnungsvoll, denn ich weiß, dass diese Verhaltensweisen mir vom bürgerlich-kapitalistischen System eingetrichtert wurden und nicht zu meinem Charakter gehören. Und deswegen kämpfe ich nun dafür, die Verhaltensweisen, die mir ohne meinen Willen gegeben wurden, willentlich an sie zurückzudrängen. Jetzt ist die Zeit, aufzustehen und nach vorne zu gehen. Durch Warten wird sich nichts verändern. Das Richtigste ist, an der Hoffnung festhaltend voranzuschreiten. Und das wird auf meinem Weg zu einem „neuen Menschen“ mein erster Schritt zum Revolutionärsein sein. Und erst, wenn ich den neuen Menschen geschaffen habe, kann ich ein entschlossener Revolutionärer sein.“

Das sind nicht die Worte eines Mannes, der erst anfängt, Revolutionär zu werden, am Anfang des Weges steht. Ümit Yetik schreibt dies nach einem Workshop, nachdem er „jahrelang von sich dachte, er hätte die gesellschaftliche Männlichkeit schon überwunden.“ Er habe sich „jahrelang selbst angelogen“, schreibt er. Und wie sieht es aus mit uns sozialistischen Männern hier? Inwieweit haben wir die gesellschaftliche Männlichkeit in unserer revolutionären Persönlichkeit, im Alltag, in der Wohnung, in der Beziehung, auf den Treffen, bei den Aktionen überwunden? Lehnen wir tatsächlich jegliche Form von Vorteilen ab, die uns lediglich wegen unseres natürlichen Geschlechts geboten werden? Wie aufrichtig sind wir, wenn wir von uns behaupten, dass wir patriarchale Verhaltensweisen schon größtenteils aufgegeben haben? Oder belügen wir uns und unsere Genoss*innen nur, obwohl unsere Realität ein offenes Geheimnis ist?

Die Antworten auf diese Fragen liegen gleichfalls auf der Hand.

Einen Willen zum Ablegen der gesellschaftlichen Männlichkeit muss der sozialistische Mann haben. Aber das reicht nicht. Allein, dass wir uns diese Frage stellen, ist ein Kampf unserer Genossinnen. Die Herausbildung eines solchen Willens ist das Ergebnis eines regelrechten ideologischen Krieges sozialistischer Frauen mit den Männern.

Der Bruch mit der gesellschaftlichen Männlichkeit ist nichts, was wir nach einem Workshop schaffen können. Aber wenn wir uns verändern wollen, werden wir uns und unsere Verhaltensweisen hinterfragen müssen. Das heißt auch, dass wir erst einmal zugeben, dass wir den Bruch mit der gesellschaftlichen Männlichkeit eben noch nicht geschafft haben. Das heißt auch, dass wir aufhören, allgemeine und abstrakte Artworten auf die kritischen Fragen unserer Genossinnen zu geben und anfangen, uns konkret zu diskutieren und diskutieren zu lassen.

Wie kann diese Entwicklung konkret aussehen?

Der kommunistische Kämpfer der MLKP, Halil Aksakal (Mazlum Aktas), beschreibt in seinem „Bericht zur Frauenbefreiung“ an einem konkreten Beispiel seine Entwicklung: „Früher habe ich Widerstand geleistet bei der (gerechten oder ungerechten) Verteilung von Aufgaben an meine Genossinnen, aber das hat sich verändert. Zum Beispiel war ich bei der Operation in Hasakê ein Kommandant eines Arms in der offensiven Gruppe. Meine Verteidigung war eine Freundin von der PKK. Ich war dagegen und hab es geschafft, alle davon zu überzeugen, dass die Freundin in der offensiven Gruppe ist und ich ihre Verteidigung übernehme. Der Grund, warum ich das gemacht habe, war die Praxis, die theoretischen Gedanken und Perspektiven der Partei in der militärischen Front umzusetzen und ich habe auch somit einen Kampf gegen mich selbst geführt.

Welche Lehren können wir sozialistischen Männer aus diesem Beispiel für uns hier ziehen?

Unsere Genossinnen sind dabei, die Welt auf den Kopf zu stellen. Wir werden uns fragen, wo wir ihnen zu Hindernissen werden. Denn jedes Mal, wenn wir ihnen auf die Füße treten, werden wir zu den Mitträgern der Herrschaft des Mannes über die Frau. Wenn wir aufrichtig das Ende der Herrschaft des Mannes über die Frau wollen, werden wir unsere Genossinnen in ihrem und unserem Krieg gegen diese Herrschaft unterstützen. Wir müssen mehr allgemeine Aufgaben übernehmen, damit sie die Aufgaben der Frauenbefreiung umsetzen können. Wir müssen sie logistisch und technisch unterstützen und an der einen oder anderen Stelle (meistens) müssen wir uns einfach zurückhalten, damit sich der Wille der Frau entfalten kann.

Wenn wir wieder zu Menschen werden wollen, die nicht die Tradition aller toten Geschlechter in sich tragen und reproduzieren, sondern das „Neue“ repräsentieren, müssen wir uns ernsthaft mit der Frage der Frauenbefreiung auseinandersetzen, die Veränderung wollen und den Spuren von Ümit und Mazlum folgen.

Dann werden wir unsere Gehirne von diesem Alp befreien können.