Vereinter Widerstand und Solidarität im Gezi-Park

Im Mai und Juni 2013 wurde der Gezi-Park, der im Rahmen eines Innenstadt-Umbaus abgerissen werden sollte, zunächst von linken und revolutionären Aktivist*innen und dann von immer mehr Istanbuler Bürger*innen besetzt. Hunderttausende bevölkerten den Park und den angrenzenden Taksim-Platz. Weder die Polizei noch ihre Panzerwagen mit Tränengas und Wasserwerfern konnten die Parkbesetzer*innen dauerhaft vertreiben. Tausende lebten und wohnten zeitweise im Park; Hunderttausende demonstrierten auf den Straßen der Türkei, bis mit einem riesigen Polizeiaufgebot am 15. Juni 2013 der Park gewaltsam geräumt und abgerissen wurde.

Mit der Besetzung des Gezi-Parks wurde Istanbul Schauplatz einer öffentlichen Inbesitznahme, die mit einer außerordentlichen Beharrlichkeit gegen den brutal vorgehenden faschistischen türkischen Staat verteidigt wurde.

Bereits länger waren die Pläne der Regierung zum Umbau des Taksim-Geländes von vielen Bürger*innen und NGOs sowie der parlamentarischen Opposition kritisiert worden. Das auf dem Gelände des Gezi-Parks ein historisierender Nachbau einer dort früher stehenden Kaserne mit einem darin liegenden Einkaufscenter erbaut werden sollte, bestätigte die These einer absichtsvollen Inszenierung eines vormodernen „osmanischen“ Stadtcharakters unter dem Deckmantel  eines grundlegenden Umbaus der Stadt.

Ausgerechnet den Taksim-Platz mit einem Moscheebau und Einkaufszentrum im osmanischen Gewand zu planen, wurde von den Aktivist*innen und Stadtplaner*innen als skandalöser Eingriff in die Stadtgeschichte gewertet.

Der Taksim-Platz war stets ein Symbol für politische Meinungsäußerung und Demonstrationen, die Organisierung der Arbeiterklasse und Gewerkschaft.

Hier fand 1976 eine riesige 1.Mai-Demonstration statt. 1977 endete die riesige Demonstration in einem Blutbad.

Seit der Militärdiktatur von 1981 wurden immer wieder Versammlungen und Demonstrationen am Taksim verboten. Bis heute ist es bei drohenden Unruhen oder Regierungskritik ein übliches Mittel, den Taksim-Platz und die Straßen zu sperren.

Gegen den geplanten Umbau des Taksim hatte sich eine Initiative gebildet, die seit einigen Jahren aktiv war. Erste Abbrucharbeiten am Taksim und die langfristige Sperrung der Straßen zum Platz blieben ohne breite öffentliche Proteste. Dass sich an dem weit weniger symbolträchtigen kleinen Park am Taksim, dem Gezi-Park, eine große Revolte entzünden würde, ahnte noch niemand.

In der Nacht auf den 28. Mai fingen Abbrucharbeiten an einer Mauer des Gezi-Parks an, der von einigen Aktivist*innen bewacht wurde. Über soziale Netzwerke wurden Freunde alarmiert, die Bagger zunächst aufgehalten. Als am nächsten Tag die Abbrucharbeiten fortgesetzt werden sollten, stellte sich der kurdische Abgeordnete Sirri Süreyya Önder den Baggern entgegen, nutzte seine Immunität als Parlamentsmitglied und brachte die Arbeiten zum Stoppen. Eine weitere Parlamentsabgeordnete der CHP, Gülseren Onanc, stellt sich ebenfalls den Maschinen entgegen. Es kam zu ersten Tränengaseinsätzen der Polizei. Am Abend des 28. Mai befanden sich bereits Hunderte Menschen im Park.

Am 29. Mai eröffnete Erdogan bei der Grundsteinlegung zur dritten Bosporusbrücke, dass diese Brücke den Namen des Herrschers Yavuz Sultan Selim tragen wird, der sich im 16. Jahrhundert einen Namen als Eroberer und Alevitenschlächter machte (Beiname „der Grausame“). Diese Namenswahl brachte große Teile der alevitischen und fortschrittlichen Bevölkerung gegen Erdogan auf, sodass hunderte weitere Menschen sich im Gezi-Park versammelten.

Am 30. und 31. Mai kam es jeweils in den Morgenstunden zu massiven Angriffen durch die Polizei, die mit Wasserwerfern, Tränengas und Knüppeln die Menschen aus dem Park vertreiben wollte.

Im Morgengrauen des 30. Mai überfiel die Polizei das Camp, trieb die dort schlafenden Menschen aus ihren Zelten, türmte Zelte und Habseligkeiten der Besetzer*innen auf einen Haufen und verbrannten sie. Die darauf einsetzenden Abbrucharbeiten wurden wiederum von Parlamentsabgeordneten gestoppt, die sich vor die Bagger setzten. An diesem Abend versammelten sich Tausende im Park. Viele wichtige Oppositionsgruppen zeigten sich vor Ort. Im Park herrschten Wut, aber auch Volksfeststimmung. Lachen, Musik, Slogans und Plakate waren überall. Es gab ein erstes Bewusstsein über die Kollektivität der Menschen, die hier protestieren – von der LGBT-Bewegung über kurdische Freiheitskämpfer bis hin zu antikapitalistischen Moslems. Ein weiterer Polizeieinsatz in den frühen Morgenstunden des 31. Mai führte nicht nur im Gezi-Park, sondern auf der großen Geschäftsstraße Istiklal-Caddesi und auf dem Taksim-Platz selbst, zu großen Demonstrationen die alle mit großer Gewalt niedergeschlagen wurden. Das brachte nur noch mehr Menschen dazu, sich in Richtung Gezi-Park aufzumachen, um Solidarität zu zeigen.

Am 1. Juni kam es in 40 großen und insgesamt 90 türkischen Städten zu Solidaritätskundgebungen, häufig entgegnet mit brutalen Polizeieinsätzen, die einige Todesopfer zur Folge hatten.

Ab dem 11. Juni schlug die Polizei erneut mit gewaltiger Brutalität zu.

Angriffe mit Tränengas, Wasserwerfer mit Chemikalien versetzt, flüchtende Familien und Einzelpersonen, die Zuflucht in Hotels und Privatwohnungen fanden – dazwischen Ruheinseln wie ein Klavierkonzert, Gebete, Tanz, Unterstützung durch besuchende Mütter, Unterstützung durch abendliches Töpfeschlagen in ganz Istanbul. Vernehmungen und Verhaftungen fanden statt. Ärzt*innen, die während der Wasserwerfer- und Tränengas-Attacken erste Hilfe leisteten, wurden in einem Disziplinarverfahren bei der Ärztekammer angezeigt. Am 15. Juni wurde der Park mit beispielloser Brutalität geräumt – Bagger zerstörten alles, was den Besetzer*innen gehörte und der Park wurde eingerissen.

Trotz allem, steht der Gezi-Park heute noch als Symbol vereinten Völkeraufstandes, für Solidarität und für Widerstand. Im Gezi-Park kamen tausende Menschen zusammen, von Umweltsaktivist*innen bis hin zu Politiker*innen, um den historisch bedeutenden Park zu verteidigen, die Diktatur zu zerschlagen und politische Freiheiten zu gewinnen. Nieder mit der faschistischen Diktatur Erdogans! Die Straßen gehören uns!

Berkin Elvan lebt!

Ali İsmail Korkmaz lebt!

Ahmet Atakan lebt!

Ethem Sarısülük lebt!

Medeni Yıldırım lebt!

Mehmet Ayvalıtaş lebt!

Hasan Ferit Gedik lebt!

Ayşe Deniz Karacagil lebt!