Die Zeit der Monster – Deniz Boran

„Die alte Welt liegt im Sterben, die neue ist noch nicht geboren:

Es ist die Zeit der Monster.“ (A. Gramsci)

Stellt euch vor, es ist 1910 und ihr steht auf einem Markt irgendeiner europäischen Stadt. Es sind „normale“ Zeiten; Händler verkaufen, Menschen kaufen. Alles wie immer. Ein Mensch kommt, spricht euch an und sagt: „In 10 Jahren wird es keinen einzigen Staat geben, so wie sie heute existieren. Das Zarenreich, das Deutsche Reich, Ungarn-Österreich, das Osmanische Reich… keins dieser großen Herrscher des europäischen Kontinents werden existieren.“ Wie würdet ihr reagieren? Ich bin mir sicher, dass ich als normaler Mensch erst einmal fragen würde, ob diese Person betrunken wäre. Denn all diese Staaten sind zu dieser Zeit noch stabil, herrschen sogar über Europa hinaus und haben Heere in der Größe ganzer Staatsbevölkerungen.

Aber wie sah es 10 Jahre später, 1920, aus?

Genau das, was dieser Mensch vorhergesagt hatte, war eingetreten. Keine der großen Monarchien und Reiche existierte. Der Status quo des europäischen Kontinents war zerschlagen.

Es war eine Zeit, in der die „alte Welt im Sterben [lag], die neue […] noch nicht geboren“ war.

Solche Zeiten können zwei Veränderungen im Schoße der bürgerlichen Gesellschaft hervorbringen. Entweder die revolutionäre Situation verwandelt sich in eine Revolution, so wie 1917 in Russland oder eine noch barbarischere Form der kapitalistischen Ausbeutung wird aufgebaut, so wie nach 1922  in Italien oder 1923 in Deutschland.

In Russland wurde eine neue Welt geboren. In den anderen Gebieten der Welt sind Monster auf die Bühne der Geschichte getreten. Es war ihre Zeit.

Die Zeit, in der wir leben, können wir mit jenen Jahren vergleichen. Der Kapitalismus steckt in einer tiefen ökonomischen, politischen und ideologischen Krise. Dies zeigt sich im Mittleren Osten in einer regionalen revolutionären Situation. Hätte jemand 2008 auf dem Tahrir-Platz in Kairo gesagt: „In 10 Jahren wird der syrische, irakische, jemenitische, tunesische, ägyptische, lybische Staat nicht mehr so existieren wie bisher. In Westkurdistan wird es eine volksnahe-demokratische Revolution geben und die Kurden werden einen Status bekommen. Eine politisch-islamisch faschistische Organisation wird einen Staat in der Größe Syriens gründen und dieser wird dann wieder besiegt.“ Wer hätte es geglaubt?

Aber genau das passierte.

Wir leben in einer Zeit, in der „die alte Welt im Sterben [liegt], die neue […] noch nicht geboren“ ist. Der Islamische Staat und die faschistische Erdogan-Diktatur, Trump und die AfD, Le Pen und Orban… Sie sind die Monster unserer Zeit. Sie entstehen, weil die alte Welt im Sterbebett liegt. Die alte Welt schickt sie, um die Geburt der neuen Welt zu verhindern.

Nachdem die revisionistische Sowjetunion 1990 zusammengebrochen ist, haben die bürgerlichen Ideologen das „Ende der Geschichte“ gefeiert. Jede Form des Status Quo dachte von sich, dass sie ewig und unsterblich sei. Aber auch das sogenannte Tausendjährige Reich Hitlers hat nur 12 Jahre gelebt. Die Geschichte und alle aktuellen Entwicklungen zeigen uns immer wieder, dass jeder “Zustand”, in dem die Gesetze des Kapitalismus herrschen, zum Scheitern verurteilt ist.

Rojava zeigt, dass die neue Welt im Schoße der Nacht liegt und darauf wartet, geboren zu werden. Die Monster toben sich ein letztes Mal aus. Wie sagt man so schön: Der Morgen ist am nächsten, wenn die Nacht am tiefsten ist. Am Horizont macht sich schon die Morgenröte des Kommunismus sichtbar.

Die, die Hoffnung und Entschlossenheit nicht verlieren, werden von ihr schon geblendet.