„Isolationshaft bedeutet verlangsamte Exekution“

Seit dem 17.12. befinden sich 18 KurdInnen in einem unbegrenzten Hungerstreik in Solidarität mit Leyla Güven. Wir haben ein Gespräch geführt mit Andok Welat, Aktivist der revolutionären Jugendbewegung (TCŞ) zum Hungerstreik und zur Situation von Abdullah Öcalan geführt.

Momentan werden in verschiedenen Städten der Türkei, Kurdistan und jetzt auch in Deutschland Hungerstreiks organisiert. Könnt ihr uns mehr darüber erzählen? Welche Form hat der Hungerstreik? Welche Forderungen stehen dahinter?

Am 7. November ist die HDP Abgeordnete und gleichberechtigte Vorsitzende der DTK (Kongress der demokratischen Gesellschaft) Leyla Güven im Gefängnis in den Hungerstreik eingetreten. Mit ihrem Hungerstreik möchte sie ein Zeichen setzen gegen die totale Isolation gegen unseren Vorsitzenden Abdullah Öcalan. Seit dem 5.April 2015 gibt es kein Lebenszeichen von ihm. Dies besorgt die Kurden und alle demokratischen Kräfte in der Türkei natürlich. Das faschistische Erdogan-Regime versucht mit Unterstützung von imperialistischen Kräften und ihren Legitimationssorganen wie CPT (KKK) oder dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte den Repräsentanten des kurdischen Volkes auszulöschen. In der Person von Öcalan soll nicht nur der Freiheitswille des kurdischen Volkes endgültig zerschlagen werden, sondern auch ein für alle mal gezeigt werden, dass jeder, der für demokratische und sozialistische Werte eintritt, grausamste Folter und Tod zu spüren bekommt. Dies soll nicht nur die KurdInnen, die seit 100 Jahren erbittert um Anerkennung kämpfen einschüchtern, sondern auch die Botschaft unterstreichen, die die kapitalistischen Großmächte schon 1990 nach dem Zerfall der realsozialistischen Staaten stolz deklariert haben: „Das Zeitalter der Ideologien ist vorüber“, „wir sind am Ende der Geschichte angelangt“ „der Kapitalismus hat sich als einzig überlebensfähiges System bewiesen“. In solch einer Atmosphäre sind Menschen wie Öcalan ein Dorn im Auge der Mächtigen, denn sie setzen Utopien in die Welt, neue Ideen, die Hoffnung geben und den Menschen zeigen, dass eine andere Welt möglich ist. Öcalan hat unter grausamster Folter ein Modell entwickelt, wie ein ökologisches, basisdemokratisches Leben in der Führung der Frau errichtet werden kann. Welche Angst die Herrschenden vor diesem Modell haben, haben wir in Afrin gesehen. In seiner Person soll diese Idee ein für alle mal ausgelöscht, die letzte Festung der Revolution zerschlagen werden. In diesem Zusammenhang sollte der Hungerstreik verstanden werden. Nach Leyla Güven haben sich auch die PKK und PAJK­-Häftlinge in allen Gefängnissen der Türkei und Nordkurdistans dem Widerstand angeschlossen. Auch in Europa haben in vielen Großstädten befristete Hungerstreiks begonnen. Am 17.Dezember wird dann der unbefristete Hungerstreik in Straßburg losgehen. Dies wird natürlich parallel zu den Kämpfen in den Gefängnissen von Nordkurdistan und der Türkei eine komplett neue Situation schaffen.

Was war für euch als Jugendorganisation und vor allem als Jugendliche der Grund für die Teilnahme an dem Hungerstreik?

Als revolutionäre Jugend Kurdistans und generell sozialistisch-demokratische Jugendliche sehen wir es als unsere erste Pflicht, für die Freiheit des Vorsitzenden Abdullah Öcalan zu kämpfen. Dies hat mehrere Gründe. Als erstes kämpfen wir in der Person unseres Vorsitzenden für die Befreiung all unserer gefangenen GenossInnen in den türkischen Gefängnissen. Zehntausende unserer GenossInen sind heute Kriegsgefangene in den Knästen des faschistischen Regimes. Einige von ihnen sitzen seit 20-30 Jahren unter unmenschlichen Folterbedingungen. Die Freiheit des Vorsitzenden Öcalan würde faktisch für sie alle Freiheit bedeuten. Denn sie sitzen alle mit der Anschuldigung, für die „Sache von Öcalan“ gekämpft zu haben. Als revolutionäre Bewegung ist es unsere moralische Pflicht, für unsere gefangenen GenossInnen zu kämpfen und uns gegen die Folter an ihnen einzusetzen. Dies gilt natürlich auch und besonders für unseren Vorsitzenden, der seit 50 Jahren (wenn wir die zeit vor der PKK mit berechnen) für ein freies Kurdistan und einen sozialistischen mittleren Osten ununterbrochen arbeitet und kämpft. Ihm haben wir heute zu verdanken, dass wir als Freiheitsbewegung existieren und Widerstand leisten. Wenn wir noch vor Augen halten, dass dieser Mensch heute 70 Jahre alt ist und seit 20 Jahren fast komplett alleine in einer isolierten Gefängniszelle lebt, doch keinen Zentimeter von seiner ideologischen Linie und Entschlossenheit abweicht, wird deutlich, was für eine moralische Verantwortung wir ihm gegenüber haben, der nicht nur Vorsitzender unserer Bewegung, sondern gleichzeitig unser Genosse und Weggefährte ist.

Zweitens ist es sehr wichtig, die Frage zu stellen, warum Öcalan durch einen internationalen Komplott, angeführt von CIA-MOSSAD gefangen genommen wurde und mit Zustimmung von international anerkannten Institutionen heute gefoltert wird. Wie wir oben bereits erwähnt haben, versuchen globale Mächte Öcalan zum Schweigen zu bringen um dadurch die ideologische Linie der kurdischen Freiheitsbewegung zu liquidieren. Die realsozialistischen Revolutionen und hunderte revolutionäre Kämpfe in der Geschichte haben gezeigt, dass die herrschenden Klassen, wenn sie eine Revolution nicht physisch zerschlagen können, versuchen, sie zu reformieren und in sich zu integrieren. Dafür muss als erstes die Führung ausgelöscht werden. Etliche revolutionäre Organisationen wurden über Jahre marginalisiert, entwaffnet, ins parlamentarische System gezogen und letztendlich komplett ausgelöscht. Die revolutionären Kämpfe in Irland und im Baskenland geben uns unzählige Beispiele dafür. Auch die Revolution in Europa und vor allem in Deutschland wurde so aufgehalten. Die revolutionäre Führung wird getötet, die Überbleibenden verhaftet und verfolgt, der Verrat innerhalb der Sozialdemokratie gestärkt und letztendlich die Revolution durch die Hand von Parteien und Gewerkschaften, die angeblich die Interessen der ArbeiterInnen vertreten, zerschlagen. Die Ermordung von Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg und der Verrat der SPD, der sogar bis zum NS-Faschismus führte, sind das beste Beispiel dafür.
Um zurück zur kurdischen Bewegung zu kommen. Was sehen wir heute? Die USA setzt Kopfgeld auf die Führungskader unserer Bewegung, das internationale Gericht für Menschenrechte erklärt die Haftbedingungen von Öcalan für gerechtfertigt, die konterrevolutionäre Barzani-nahe Organisation ENKS kriegt Millionen-Spenden von der BRD, die südkurdische Peshmerga wird von USA und türkischem Geheimdienst aufgerüstet und gegen die PKK, die nach ihrem Kampf gegen DAESH internationale Legitimität bekommen hat, wird eine dreckige Medienkampagne geführt. All das läuft auf das gleiche alte Prinzip hinaus. Liquidiere physisch die Führung, marginalisierte die Bewegung, fördere konterrevolutionäre Gruppen und unterstütze den Reformismus von kleinbürgerlichen Kreisen innerhalb der Bewegung. Fidan Dogan (zusammen mit Sakine Cansiz und Leyla Saylemez ermordet in Paris) fasst diese Strategie mit den Worten zusammen: „Alle wollen ihre eigenen Kurden erschaffen. Die Türkei, USA und auch Deutschland. Doch wir beharren darauf, nicht die Kurden zu sein die sie wollen, sondern die Kurden von Rêber Apo.“
Aus diesem Grund wollen wir gegen die globale Liquidierungsstrategie auf unsere Führung, die konkret die verlangsamte Ermordung des Vorsitzenden Öcalan durch Isolationshaft bedeutet, aus menschlich-moralischen aber auch ideologisch-politischen Gründen, die wir erläutert haben, Widerstand leisten und schließen uns dem Widerstand in den türkischen Gefängnissen und Straßburg an. wir werden nicht zulassen, dass Öcalan durch Totalisolation politisch vernichtet wird. Denn Öcalan ist heute keine Person, sondern eine Idee und diese Idee verkörpern wir alle.

Was erhofft ihr euch durch einen Hungerstreik mitten in Europa? Wen wollt ihr erreichen?

Sehr wichtig ist zu sagen: wir appellieren mit unserem Hungerstreik nicht an das Gewissen der herrschenden Klassen, sondern der unterdrückten Völker. Wir wissen ganz genau, dass es den herrschenden egal ist, wenn hunderte KurdInnen heute vor ihren Augen verhungern. Denn „die erfrorenen Herzen der Klassengesellschaft“, wie Öcalan sie nennt, werden niemals das Leid der Unterdrückten spüren. Milliarden Menschen hungern heute als Ergebnis ihrer Ausbeutungspolitik. Doch der Gesellschaft und allen gewissensvollen Menschen wird es nicht egal sein, wenn hunderte KurdInnen und InternationalistInnen vor ihren Augen hungern. Sie sollen durch diese Aktionsform wachgerüttelt werden, in dem sie hautnah mitbekommen, wie unsere Völker leiden. Wir sollten nicht vergessen, dass eine starke Reaktion der Massen die Herrschenden dazu zwingen wird, Schritte zu gehen, die sie sonst nicht gehen würden. Solch eine Aktion wird sie dazu drängen, entweder auf die Forderungen einzugehen oder ihr wahres Gesicht zu enthüllen und dadurch die gesellschaftliche Anerkennung ihrer Legitimität zu verlieren. Wenn wir den sich stärkenden Rechtsruck in Europa, die konservative Entwicklung des Kapitalismus weltweit und die aktuelle Kurdenpolitik der Großmächte in Betracht ziehen, müssen wir sagen, dass es nicht leicht sein wird, unsere Forderungen durchzusetzen. Das vorherrschende Klima in Europa zeigt heute eine autoritäre Politik, die im keinen allzu großen Wert mehr auf ihre gesellschaftliche Legitimität legt. Doch wenn wir eine starke Reaktion der Massen gut organisieren können, werden sie keine andere Wahl haben als den Hungerstreikenden zuzuhören. Trotzdem sollte uns, wenn wir das aktuelle politische Klima in Betracht ziehen, klar sein dass auch große Opfer gebracht werden können. In allen Fällen wird der Hungerstreik ein Schritt sein, der den Konflikt in den Zentren der kapitalistischen Moderne aufheizt.

Was kann die revolutionäre Bewegung in Deutschland und Europa tun, um euch zu unterstützen?

Es ist wichtig zu sehen, dass der Hungerstreik im Knast nur Erfolg haben kann, wenn er sich mit revolutionärem Widerstand draußen vereint. Die Herrschenden haben keine Angst vor den Hungerstreikenden selbst, sondern vor der Reaktion, die sie draußen durch ihre Aktion hervorrufen werden. Das gleiche gilt auch für die Hungerstreikenden in Straßburg. Egal, wie heldenhaft ihre Aktion sein mag, kann sie nur wirkungsvoll sein, wenn wir ihre Stimme zum Aufstand verwandeln und den Widerstand organisieren. Im Gegensatz zu Afrin oder anderen Angriffen der Besatzer, bei denen wir unvorbereitet in eine intensive Phase hineingeraten sind, haben wir beim Hungerstreik die Möglichkeit, uns vorzubereiten.

Wir betonen ausdrücklich, dass der Kampf um die Befreiung des Vorsitzenden Öcalan und allen politischen Gefangenen in der Türkei nicht nur eine nationale Angelegenheit der KurdInnen ist. Heute, in einer Zeit, in der die Folter gegen Öcalan Teil einer internationalen imperialistischen Strategie zur Liquidierung der revolutionären Linie in Kurdistan geworden ist, ist auch der Widerstand dagegen eine internationale Angelegenheit. Es geht darum, dass die Linie, die Öcalan im Mittleren Osten vertritt, ausgelöscht werden soll. Dafür wird nicht nur Öcalan gefoltert, sondern ganze Städte wie Cizre, Sur, Nusaybin, Gewer, Sirnex oder Afrin, die versuchen, sich nach den Ideen von Öcalan basisdemokratisch selbst zu verwalten, werden dem Erdboden gleich gemacht. Dieselben Kräfte, die hinter der Isolation stehen, stehen auch hinter diesen Massakern.

Unsere Erwartung von revolutionären Organisationen ist daher, dass sie nicht nur die kurdische Bewegung in dieser Phase solidarisch unterstützen, sondern es als ihre eigene innere Angelegenheit sehen, den Widerstand mit zu organisieren. Die kapitalistischen Großmächte haben über Abdullah Öcalan durch die Akzeptanz der Isolationshaft ein Todesurteil gefällt. Sie wollen ihn langsam aber sicher vernichten, während sie seine engsten GenossInnen mit Kopfgeldern ausschalten.Diesen Plan und das internationale Schweigen dazu können nur revolutionäre Kräfte durchbrechen.

Gibt es noch etwas was ihr uns mitteilen möchtet?

Als Jugendbewegung werden wir in kurzer zeit mit einer starken Aktionswelle auf den Hungerstreik reagieren. Jede/r ist gefragt, bei unseren Aktionen mitzumachen und selbst mit Aktionen in seiner Region den Hungerstreik zu unterstützen. Egal welche ideologische Ausrichtung man hat;solange man die Revolution in Rojava grundsätzlich für ein Projekt hält,welches verteidigt werden sollte und dagegen ist, dass politische Häftlinge gefoltert werden, kann man den Hungerstreik mit breiten Aktionen unterstützen.Wir glauben, dass wir als revolutionäre Bewegungen in Europa viel aus Afrin gelernt haben und einen noch stärkeren Widerstand anlässlich des unbefristeten Hungerstreiks organisieren werden. Wir wünschen allen GenossInnen und solidarischen Gruppen viel Erfolg in dieser schweren Phase, die uns erwartet und allen tapferen GenossInnen im Hungerstreik und ihren Angehörigen Kraft und Geduld. Euer Wille wird siegen!