Was nun? (II) – Kollektives und aktives Individuum

Nachdem wir die Form und den Inhalt des „praktischen und legitimen Kampfes“ im Lichte der aktuellen Aufgaben geklärt und diskutiert haben, möchten wir uns dem einzelnen Individuum im Kampf widmen.

Eine strategische Aufgabe des aktuellen Kampfes und seiner Entwicklung ist die Schaffung und die Weiterentwicklung von kollektiven aktiven Individuen.

Die Definition des „kollektiven und aktiven Individuums“ möchten wir versuchen, indem wir die einzelnen Bestandteile einzeln erklären.

„Kollektiv“ definiert eine Arbeitsweise und beschreibt gedankliche und praktische Gemeinschaftlichkeit. Kollektiv arbeiten bedeutet – auch wenn man alleine nachdenkt – gemeinsam zu diskutieren, um eine gedankliche Zirkulation zu schaffen, gemeinsam Beschlüsse zu fassen und sie durch revolutionäre Aufgabenteilung gemeinsam umzusetzen.

„Aktiv“ bezieht sich auf gedankliche und praktische Aktivität. Im Gegensatz zu einer „passiven“ Rolle im Kampf greift ein aktives Individuum in das Geschehen ein. Ein aktives Individuum zeichnet sich aus durch aktive Produktivität: Ein lösungsorientiertes Denken, das ständig die Beantwortung der aktuellen Fragen des Kampfes im Hinterkopf hält.

Nun könnte man sich natürlich fragen, ob jene Definition einer revolutionären Persönlichkeit des „kollektiven aktiven Individuums“ nicht in sich widersprüchlich ist. Schließen sich „Kollektivität“ und „aktives Individuum“ nicht gegenseitig von vornherein aus?

Auf der einen Seite sagen wir: „seid kollektiv, also stärkt gedankliche und praktische Gemeinschaftlichkeit“ und auf der anderen Seite sagen wir: „seid aktiv als Individuen, also greift als Individuen in das Geschehen ein“.

Wir werden erkennen, dass diese beiden Seiten keinesfalls sich widersprechende Eigenschaften sind. Ganz im Gegenteil stärken sich beide charakteristischen Züge gegenseitig und schaffen eine neue revolutionäre Qualität.

Kein Revolutionär wird uns widersprechen, dass sich in einem Kollektiv – von der Zentrale bis hin zu einer Zelle in einer Fabrik oder einem Aktionskomitee – diejenigen Ideen durchsetzen, die durchdacht und argumentativ überzeugend sind. Wenn ein*e Revolutionär*in vorbereitet auf ein Treffen kommt, wird er/sie die gedankliche Zirkulation im Kollektiv (mit-)bestimmen und die Diskussionen in eine bestimmte Richtung lenken können. Das Kollektiv – bestehend aus vielen Individuen – kann natürlich auch ein anderes Ergebnis fassen. Dies ändert aber nicht die Realität, dass die Ideen in der gedanklichen Zirkulation mitgewirkt haben. Eine Organisation, die mit demokratischen Prinzipien arbeitet lässt aber auch nach der Beschlussfassung offiziell Einsprüche und Diskussionen zu. Der kollektive Beschluss ist aber gültig und bindend für jedes Mitglied.

An dieser Stelle ein ideologischer Einschub: Die Abgrenzung von „aktiver Individualität“ und „Individualismus“ ist für diese Diskussion besonders wichtig. Individualistische Arbeitsweise heißt – im Gegenteil zur oben beschriebenen kollektiven Arbeitsweise – alleine nachdenken, für sich selbst Beschlüsse fassen und diese dann selbst umsetzen. Individualismus ist also widersprüchlich zum Kollektivismus, ein „aktives Individuum“ nicht. Ganz im Gegenteil ernähren sich das Kollektiv und die kollektive Entwicklung von einem kollektiven und aktiven Individuum.

Ohne Zweifel sind die Grenzen zwischen individualistischer Arbeitsweise und dem aktivem Individuum im Kollektiv nicht immer klar und auch Revolutionär*innen, die kollektiv arbeiten, werden  in ihrer Arbeitsweise immer wieder mal individualistisch. Aber es geht bei unseren Diskussionen immer um eine Richtung, in die wir uns ständig weiterentwickeln wollen.

Das Kollektiv ist für ein revolutionäres Individuum nicht nur ein Ort, dem er/sie seine/ihre Gedanken „gibt“, sondern vor allem „nimmt“. Eine kleine Anekdote zum Schluss. Ein Guerillero in Kurdistan wird verletzt und erreicht die Medienverteidigungsgebiete. Er wird behandelt. Er stammt aus Amed und das einzige, was er will, ist es, nach Amed zurückzukehren. Ein Kommandant scherzt mit ihm: „Du immer mit deinem Amed. Wenn die Partei sagt, du sollst nach Agirî, wirst du nicht hin?“. Der junge Guerillero antwortet: „Ich vermisse Amed, aber ich gehe überall hin. Nicht die Partei ist mir beigetreten, sondern ich bin der Partei beigetreten.“ An dieser Stelle wollen wir für uns nur den Grundgedanken übernehmen: „Nicht das Kollektiv tritt dem Individuum bei, sondern das Individuum tritt dem Kollektiv bei.“ Die Stärkung des kollektiven und aktiven Individuums ist die Stärkung des Kollektivs, was wiederum das Individuum stärkt.

Die Anzahl der kollektiven und aktiven Individuen ist nicht nur Ausdruck, sondern auch Grund für die Entwicklung einer Organisation. Je mehr Revolutionär*innen produktiv sind, also über die aktuellen Aufgaben des Klassenkampfes nachdenken und Lösungen zur Umsetzung ausfindig machen, je mehr Ideen und Vorschläge in die gedankliche Zirkulation einfließen, von denen die „richtigste“ beschlossen wird, je mehr aktive und produktive revolutionäre Individuen durch revolutionäre Aufgabenteilung Aufgaben und Verantwortungen übernehmen, desto größer, stärker und bedeutender werden wir im Kampf zwischen Revolution und Konterrevolution.