Revolutionärer Umweltschutz (I)*

1. Der Mensch und seine Umwelt

a. Natur, Einheit des Menschen mit seiner Umwelt

„Die Natur ist der unorganische Leib des Menschen, nämlich die Natur, soweit sie nicht selbst menschlicher Körper ist. Der Mensch lebt von der Natur, heißt: Die Natur ist sein Leib, mit dem er in beständigem Prozess bleiben muss, um nicht zu sterben. Dass das physische und geistige Leben des Menschen mit der Natur zusammenhängt, hat keinen anderen Sinn, als dass die Natur mit sich selbst zusammenhängt, denn der Mensch ist ein Teil der Natur.“


Marx, Ökonomisch-philosophische Manuskripte, MEW 40, 516.

Um die Beziehung des Menschen mit seiner Umwelt zu verstehen, unterscheidet Marx zwischen„Natur, soweit sie nicht selbst menschlicher Körper ist“ und Natur, die „mit sich selbst zusammenhängt“, bzw. mit dem Menschen zusammenhängt. Die Natur umfasst nach der ersten Definition den Menschen nicht, nach der zweiten Definition schon. Um diese Doppeldeutigkeit zu vermeiden, unterscheiden wir im Folgenden zwischen Natur und Umwelt, wobei die Natur aus dem Menschen und seiner Umwelt besteht. Zur Umwelt des Menschen gehört nicht nur der „natürliche“ (z.B. Lamas, Ozeane, Urwälder), sondern auch der „künstliche“, von ihm bewusst verarbeitete Teil der Umwelt (z.B. Hochhäuser, Gummistiefel, Lippenstift).

Der Mensch und seine Umwelt bilden eine Einheit von Gegensätzen. Der Unterschied zwischen dem Menschen und seiner Umwelt besteht darin, dass der Mensch über Bewusstsein verfügt:

„Das Tier ist unmittelbar eins mit seiner Lebenstätigkeit. Es unterscheidet sich nicht von ihr. Es ist sie. Der Mensch macht seine Lebenstätigkeit selbst zum Gegenstand seines Wollens und seines Bewusstseins.“


K. Marx, Ökonomisch-philosophische Manuskripte, MEW 40, 516.

Da der Mensch sowohl Bewusstsein hat als auch Teil der Natur ist, ist er bewusst gewordene Natur, also Natur, die sich selber begreift.

In der Einheit von Mensch und Umwelt ist die Umwelt der bestimmende Gegensatz. Die Natur braucht sich nicht zu begreifen, um zu existieren, aber sie muss existieren, um begriffen werden zu können. Der Mensch braucht seine Umwelt, seine Umwelt braucht ihn nicht.

b. Die gesellschaftliche Arbeit zwischen Mensch und Umwelt 

„Die Arbeit ist zunächst ein Prozeß zwischen Mensch und Natur, ein Prozeß, worin der Mensch seinen Stoffwechsel mit der Natur durch seine eigne Tat vermittelt, regelt und kontrolliert. Er tritt dem Naturstoff selbst als eine Naturmacht gegenüber. Die seiner Leiblichkeit angehörigen Naturkräfte, Arme und Beine, Kopf und Hand, setzt er in Bewegung, um sich den Naturstoff in einer für sein eigenes Leben brauchbaren Form anzueignen. Indem er durch diese Bewegung auf die Natur außer ihm wirkt und sie verändert, verändert er zugleich seine eigene Natur.“


Marx, Das Kapital

Die gesellschaftliche Arbeit vermittelt den Stoffwechsel des Menschen mit seiner Umwelt. Im Produktionsprozess setzt der Mensch mithilfe der Naturkräfte seinen Körper und die Produktionsmittel (z.B. Maschinen, Computer, Werkzeuge) in Bewegung, um die Form von Gegenständen zu ändern, damit sie brauchbar werden. Aus einer unbrauchbaren Kuh werden schicke Ledergürtel und argentinischer Asado, aus einem unbrauchbaren Baum werden Wörterbücher und Klopapier.

Die Arbeit ändert nicht nur die Umwelt, sondern auch den Menschen. Als Beispiel nutzt Engels in seinem Aufsatz „Anteil der Arbeit an der Menschwerdung des Affen“ die menschliche Hand:

„So ist die Hand nicht nur das Organ der Arbeit, sie ist auch ihr Produkt. Nur durch Arbeit, durch Anpassung an immer neue Verrichtungen, durch Vererbung der dadurch erworbenen besonderen Ausbildung der Muskel, Bänder, und in längeren Zeiträumen auch der Knochen, und durch immer erneuerte Anwendung dieser vererbten Verfeinerung auf neue, stets verwickeltere Verrichtungen hat die Menschenhand jenen hohen Grad von Vollkommenheit erhalten, auf dem sie Raffaelsche Gemälde, Thorvaldsensche Statuen, Paganinische Musik hervorzaubern konnte.“

Da die menschliche Arbeit innerhalb der gesellschaftlichen Produktion stattfindet, findet sie immer im Rahmen einer bestimmten Produktionsweise statt, die den Stoffwechsel von Mensch und Natur bestimmt. Aktuell ist die menschliche Arbeit und damit die Vermittlung des Menschen mit seiner Umwelt der kapitalistischen Produktionsweise untergeordnet.

c. Ein unheilbarer Riss

„Die kapitalistische Produktion entwickelt daher nur die Technik und Kombination des gesellschaftlichen Produktionsprozesses, indem sie zugleich die Springquellen alles Reichtums untergräbt: die Erde und den Arbeiter.“


Marx, Kritik des Gothaer Programms

In vergangenen Produktionsweisen, bei denen die Produktivkräfte (Technologie, Maschinen, etc.) noch nicht weit ausgebaut waren, konnte die Umwelt die Stoffe, die der Mensch ihr entnahm, verarbeitete und verbrauchte, ohne große Mühe in ihre Stoffkreisläufe wiedereingliedern. Die gesellschaftlichen Abfälle, welche beispielsweise das Aztekenreich oder das Römische Imperium hinterließen, waren wegen ihres geringen Umfangs und ihrer leichteren Abbaubarkeit für die Stoffkreisläufe der Umwelt von geringer Bedeutung.

In der Ära des Imperialismus, bzw. spätestens seit dem Abwurf der ersten Atombombe, berührt der Mensch jeden Stoffkreislauf auf dem Erdball, vom tiefen Marianengraben bis zur Spitze des Mount Everest. Der Umfang von Produktion und Verbrauch sind erheblich gestiegen und haben sich vervielfältigt – und mit ihnen die gesellschaftlichen Abfälle. Es entsteht im Stoffwechsel des Menschen mit seiner Umwelt ein unheilbarer Riss. Dieser Riss ist nicht bloß das Ergebnis schlechter Klima- und Energiepolitik. Schließlich zieht sich der Riss durch den gesamten Stoffwechsel, durch die gesamte Produktion und Reproduktion des gesellschaftlichen Lebens – und muss aus dieser Produktion und Reproduktion heraus erklärt werden.

Die Abfälle der kapitalistischen Produktionsweise können nicht in die Stoffkreisläufe der Umwelt wiedereingegliedert werden, weil 1.) der tendenzielle Fall der Profitrate zur erweiterten kapitalistischen Reproduktion drängt und 2.) die Erweiterung des Produktionsumfangs notwendigerweise immer stärker in die Stoffkreisläufe der Umwelt eingreift und dabei ihre Fähigkeit, Abfälle einzunehmen, einschränkt. In anderen Worten: Um nicht auskonkurriert zu werden, müssen Konzerne ihre Profitraten oben halten. Das können sie u.a. indem sie ihre Produktionsmittel entwickeln. Da dies jedoch letztendlich die notwendige Arbeit, die in der einzelnen Ware enthalten ist, verringert, muss auch der Preis früher oder später fallen. Um der Entwertung der einzelnen Waren entgegenzuwirken, müssen die Konzerne zwangsläufig den Produktionsumfang erweitern, dh. den Umfang des Stoffwechsels des Menschen mit seiner Umwelt ausweiten. Dadurch wird wiederum in weitere Stoffkreisläufe eingegriffen, wodurch ihre Fähigkeit, Abfälle aufzunehmen, weiter eingeschränkt wird.

Wichtig ist vor allem, dass der Riss in den meisten Fällen nicht dadurch entsteht, dass Stoff aus der Umwelt in der „Gesellschaft“ gehortet oder gelagert wird und dringend in die Stoffkreisläufe zurückkehren muss. Im Gegenteil: Weil die gesellschaftlichen Abfälle nicht irgendwo abseits von der Umwelt gelagert werden können und deswegen in die Umwelt zurückgeführt werden müssen, werden vitale Stoffkreisläufe unterbrochen. Beispielsweise Atommüll, der in Salzbergwerken gelagert wird und droht, das Grundwasser zu verseuchen oder Plastikabfall, der in die Ozeane gelangt und dort Nahrungsketten unterbricht.

d. Kommunismus als höhere Einheit von Mensch und Umwelt

„Der Kommunismus als positive Aufhebung des Privateigentums als menschlicher Selbstentfremdung … ist die wahrhafte Auflösung des Widerstreits zwischen dem Menschen mit der Natur und mit dem Menschen.“


Marx, Ökonomisch-Philosophische Manuskripte

Um den Riss zu schließen, muss die kapitalistische Produktionsweise rechtzeitig mit einer sozialistischen Produktionsweise ersetzt werden, in der die Rückkehr der gesamten Abfälle des Menschen in die Stoffkreisläufe der Umwelt vorbereitet und angefangen werden kann. Das Erreichen dieser höheren Einheit von Mensch und Umwelt stellt vielleicht die größte technische und logistische Herausforderung in der Menschheitsgeschichte dar. Es ist ersichtlich, dass die kapitalistische Produktionsweise mit ihren ständig wiederkehrenden Krisen und Kriegen nicht im Traum eine solche Aufgabe meistern könnte.

Der Sozialismus wird mit der von der Romantik geprägten Illusion einer stabilen und idyllischen Natur, die im schroffen Gegensatz zur unkontrollierbaren, dynamischen Industriegesellschaft vor sich hinvegetiert, konsequent brechen. Die Natur ist dynamisch, sprunghaft und katastrophal. Statt die Umwelt „in Ruhe zu lassen“, muss sie komplett in die Planwirtschaft eingegliedert werden. Im Kommunismus wird nach den Fähigkeiten und Bedürfnissen der gesamten Natur produziert, sofern die Entfaltung der eigenen Fähigkeiten und die Befriedigung der eigenen Bedürfnisse mit der zusammenhängenden, geplanten Kreislaufwirtschaft vereinbar sind.

2. Umweltschutz

a. Umweltschutz und Naturschutz

Heute ist die Unterscheidung von Umwelt- und Naturschutz etabliert. Während der Umweltschutz sich „die Wahrung von Lebensbedingungen unter denen die Menschheit langfristig bestehen kann“ zum Ziel setzt, geht es dem Naturschutz um den „Schutz der Natur, seien es Pflanzen, Tiere oder Regionen. Ein Naturschützer schützt Tiere und Pflanzen also der Tiere und Pflanzen wegen“[2].


Magazin für Umweltschutz. Umweltschutz und Naturschutz – wo liegt der Unterschied? http://www.umweltschutz.de (19.10.18)

Wir sprechen von Umweltschutz, um das Verhältnis des Menschen mit seiner Umwelt als eine einheitliche Frage hervorzuheben, die es zu lösen gilt. Da zur Umwelt nicht der Mensch gehört, geht es beim Umweltschutz nicht unmittelbar um den Menschen, sondern um die Wahrung der Umwelt als Voraussetzung für die Entfaltung der menschlichen Fähigkeiten und die Befriedigung der menschlichen Bedürfnisse.

a. Reformistischer und revolutionärer Umweltschutz

Der revolutionäre Umweltschutz unterscheidet sich vom reformistischen Umweltschutz durch die Einsicht in die Notwendigkeit des gewaltsamen Umsturzes der kapitalistischen Herrschaft als Voraussetzung für die Schaffung einer neuen Einheit des Menschen mit seiner Umwelt.

Der revolutionäre Umweltschutz spielt die Bedürfnisse von Arbeit und Umwelt nicht gegeneinander aus, sondern erkennt beide als „Springquellen alles Reichtums“ an und bringt Arbeitskämpfe und Umweltkämpfe im Klassenkampf zusammen.

Der revolutionäre Umweltschutz erkennt das Proletariat als Subjekt der Befreiung der Umwelt von der kapitalistischen Herrschaft an, da erstens nur der Mensch sich seiner Rolle als Subjekt bewusst werden kann und zweitens das Proletariat der Teil der Menschheit ist, der am unmittelbarsten von der Zerstörung der Umwelt betroffen ist. Der revolutionäre Umweltschutz lehnt jegliche Behauptung, das Proletariat säße „im selben Boot“ wie die Bourgeoisie, ab. Die Bourgeoisie kann sich unter der kapitalistischen Herrschaft vor den Folgen der Umweltzerstörung verschanzen – das Proletariat nicht.

b. Für einen revolutionären Umweltschutz

Der revolutionäre Umweltschutz ist unsere Antwort auf die Unterwerfung der Natur im Kapitalismus und muss ein strategischer Bestandteil des Klassenkampfes bilden.

Die Besetzer*innen des Hambacher Forsts, die am Rande des größten Tagebaus Europas standhalten, die indigenen Frauen Lateinamerikas, die gegen Minenkonzerne und Staudämme und für ihr Land kämpfen, die revolutionären Völker Dersims, die den Feuerbomben des faschistischen türkischen Staates auf ihre Wälder den Kampf angesagt haben – sie alle weisen uns den Weg.

*veröffentlicht in der 81.Ausgabe von Young Struggle