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4 Jahre nach Hanau – vom Antirassismus zum Klassenkampf

Fast 4 Jahre ist es her, dass 9 junge Menschen von einem Faschisten in Hanau ermordet wurden. Es war der 19. Februar 2020. Ein Tag, der sich nicht nur für die Angehörigen zu einem Tag der Trauer und Wut entwickeln sollte. Besonders viele migrantische Jugendliche prägte dieser Tag langfristig. So war es auch bei mir.

Als ich vor 4 Jahren davon erfahren habe, was in Hanau passiert ist, hat es mich auf eine Art und Weise getroffen, wie ich es noch nicht kannte. Während dem Lesen der Nachrichten kamen mir die Tränen und in meinem Kopf herrschte Chaos. Obwohl ich als Afro-Deutscher schon viel Rassismus erlebt hatte und mich ein bisschen mit Faschismus beschäftigt hatte, waren die Nachrichten aus Hanau wie ein unerwarteter Schlag ins Gesicht. Trauer, Angst, Wut und Verzweiflung überschlugen sich in meinem Kopf. Und ein Gedanke kam immer wieder: Getroffen hat es dieses mal die Neun in Hanau, aber gemeint waren wir alle. Was heute in Hanau war, war gestern in Rostock und wird vielleicht morgen in meiner Stadt passieren. Aber warum kommt es immer wieder zu dieser rassistischen Gewalt? Und vor allem; „Was kann man dagegen machen?“ fragte ich mich. 

In meinem Freundeskreis gab es ein paar Leute, denen es ähnlich wie mir ging, und wir diskutierten miteinander darüber. Aber der größte Teil der Leute, die ich kannte, haben so weiter gelebt, als wäre nichts passiert und in anderen Teilen Deutschlands wurde sogar ausgelassen Fasching gefeiert. Die Wut in mir setzte sich gegen die anderen Gefühle durch. Ich versuchte, mit den Leuten in meinem Umfeld darüber zu sprechen, dass wir etwas machen müssen, dass wir uns wehren müssen und dafür sorgen dass so etwas wie in Hanau nie wieder passiert.

In vielen Städten gab es dann Demonstrationen, meistens aber organisiert von den Parteien und Organisationen, die sich eigentlich überhaupt nicht für uns einsetzten. Die Politiker, die sonst darüber sprachen, dass gegen „Clan-Kriminalität“ vorgegangen und abgeschoben werden soll, standen nun auf der Bühne und sprachen darüber, dass wir gegen „Fremdenhass“ vorgehen müssten. Die Talkshows, die in den Wochen vor Hanau jeden Tag Überschriften wie „Gehört der Islam zu Deutschland?“ oder „Wie viele Flüchtlinge verträgt Deutschland noch?“ hatten, gaben sich schockiert über die Tat in Hanau.

Die Heuchelei der Politiker und Medien war nicht zu übersehen. Ihre Lösungsvorschläge waren noch mehr Polizei und noch mehr Überwachung.

Für mich war klar, die deutschen Politiker, Medien und Polizei hatten auch Blut an ihren Händen. Sie haben die rassistische Politik gemacht, durch die wir kriminalisiert werden, sie haben die Hetze verbreitet, die zu Taten wie in Hanau führt und sie haben die Mitschuld der Polizei vertuscht.

„Wer gegen Nazis kämpft kann sich nicht auf den Staat verlassen“ sagte die Holocaust-Überlebende Esther Bejerano in einem Fernsehauftritt 2015. Hanau bewies mir 2020 erneut, dass dieser Satz wahr ist. „Wenn also der Staat und all seine Institutionen uns nicht schützten, müssen wir uns selber schützen“ habe ich mir gedacht. Aber nicht nur ich, tausende migrantische Jugendliche beschlossen, sich zu organisieren. Ob in migrantischen Selbstorganisationen wie den überall entstehenden Migrantifas, in ihren lokalen Antifa Gruppen oder bei revolutionären Organisationen. 

Die verschiedenen Organisationsformen gaben unterschiedliche Antworten auf die Frage, was man im Kampf gegen das rassistische System machen muss. Die migrantischen Selbstorganisationen sahen die Lösung im migrantischen Selbstschutz und Selbstorganisierung. Sich gemeinsam als von Rassismus Betroffene zu organisieren gab vielen Menschen Kraft und Hoffnung für den politischen Kampf. Ich habe mich damals auch in einer Migrantifa organisiert. Früher oder später kam es aber zu Widersprüchen für mich. Zwar wurde schon früh über die Notwendigkeit von konsequentem Antifaschismus und sogar einer sozialen Revolution gesprochen, aber das mischte sich mit bürgerlichen Vorstellungen. So schien es mir teilweise, als ob für viele der Feind allgemein „die Weißen“ sind, und die Lösung „Safer Spaces“ in denen Menschen, die nicht weiß, sind unter sich seien können. Natürlich kann ein Austausch unter von Rassismus Betroffenen sehr wertvoll und kraftgebend sein, aber eine wirkliche Perspektive für eine Welt ohne Rassismus konnte er mir nicht bieten. Statt über den Weg zu einer befreiten Gesellschaft zu sprechen, ging es doch immer wieder nur um das Benennen von Diskriminierungen, das Thema Sprache oder Sichtbarkeit. Das sind zwar alles keine unwichtigen Themen, aber mir schien der Fokus darauf, tatsächlich konsequent die Wurzel der Probleme anzugehen, etwas unter zu gehen. Einige gingen den Weg in den liberalen Antirassismus der durch eine Integration in das System und lasche Reformen und Veränderungsansprüche keine wirkliche Gefahr für das Fortbestehen des rassistischen Systems ist. Auch wenn viele der liberalen anti-rasstischen Gruppen sich in ihren Texten und Reden militant und revolutionär gaben, war die Gefahr, die sie für das System waren, so wie von einem Löwen ohne Zähne. Auf der anderen Seite gab es diejenigen, die sich dem tatsächlich militanten Kampf gegen Faschisten verschrieben. Ihnen gebührt mein voller Respekt, sie dämmten das Problem der faschistischen Gewalt ein, aber ehrlicherweise muss man auch sagen, dass sie nicht den Ursprung des Faschismus bekämpfen konnten.

Die Auseinandersetzung mit denen, die konsequent gegen Rassismus, Faschismus und Unterdrückung gekämpft haben, hat mir letztlich die Antwort gegeben. 

Malcolm X sagte „Es kann keinen Kapitalismus ohne Rassismus geben“. Denn Rassismus kommt nicht aus dem Nichts. Er ist ein Instrument, um das System der kapitalistischen Ausbeutung zu rechtfertigen, es aufrecht zu erhalten und die Unterdrückten gegeneinander aufzuhetzen.

Er ist ein Instrument der Herrschenden gegen die Ausgebeuteten und Unterdrückten dieser Welt.

So wurde mir klar, dass es nur einen Weg gibt, um dafür zu sorgen, dass es wirklich irgendwann keine rassistische Gewalt und Morde wie die in Hanau mehr geben wird. Dieser Weg ist die revolutionäre Überwindung des kapitalistischen Systems und der Aufbau einer Gesellschaft, in der die Basis für ein Leben ohne Ausbeutung, Unterdrückung und Diskriminierung geschaffen wird: Der Sozialismus. Die logische Konsequenz war, dass ich mich kommunistisch organisiert habe.

Heute, 4 Jahre nach Hanau, leben wir immer noch in einer Zeit, in der es zu so vielen weiteren rassistischen Morden kommt, dass man sie kaum alle aufzählen kann.

4 Jahre nach Hanau kann ich sagen, dass ich die Welt seitdem in einem anderen Licht sehe, dass ich mich für den konsequenten Weg entschieden habe, und ihn bis zum Ende gehen werde.

4 Jahre nach Hanau kann ich sagen: Trotz allem habe ich wieder Hoffnung, denn ich weiß, dass eine andere Welt möglich ist!