Den Bruch mit der gesellschaftlichen Männlichkeit schaffen

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Die Tradition aller toten Geschlechter lastet wie ein Alp auf dem Gehirne der Lebenden.
(Marx)

Die Tradition der Ungleichheit zwischen den beiden Geschlechtern und die erste große gesellschaftliche Niederlage der Frau, durch die der Mann seine Herrschaft begründete, ist mit der gesellschaftlichen Arbeitsteilung die Älteste dieser Traditionen.

Der Status der gesellschaftlichen Geschlechterrollen und die ihr zugesprochenen Grenzen des Verhaltens dienen zur problemlosen Reproduktion der Herrschaft des Mannes über die Frau* durchgehend in allen Formen in den Klassengesellschaften.

Diese Geschichte der Unterdrückung der Frau* ist die Geschichte der Entmenschlichung des männlichen Geschlechts: Denn diese Herrschaft ist aufgebaut auf reiner Erniedrigung, Gewalt und Ausbeutung. Und sie ist älter als jede andere Form der aktuellen Unterdrückung.

Auch wir sozialistischen Männer sind oft – bewusst oder unbewusst – Teil dieser Herrschaft.

Kapitalismus ist die Entfremdung des Menschen von seiner Menschlichkeit. Revolutionärinnen sind Menschen, „die im Hause der Nacht ein Feuer entfachen“. Das tun sie, indem sie alle Werte des Menschseins ins Zentrum ihrer politischen Existenz setzen und für diese Werte kämpfen. Auch wenn die Menschwerdung, das heißt die Aufhebung jeglicher Entfremdung, kategorisch/gesamtgesellschaftlich erst mit dem Übergang zu einer Produktionsweise möglich ist, in der die produzierten Waren nicht den Produzentinnen entfremdete Gegenstände sind, kann der Mensch mit dem Bruch aller entmenschlichenden Lebensarten und –formen, das heißt mit der Entwicklung der revolutionären Persönlichkeit zu einem Menschen werden – auch in der kapitalistischen Welt.

Für den sozialistischen Mann ist dies vor allem der Bruch mit der gesellschaftlichen Männlichkeit.

Ümit Yetik (Baran Munzur), kommunistischer Guerillakämpfer der MLKP, der in Dersîm fiel, schrieb in seinem Bericht zur Frauen*befreiung nach einem Workshop über seine Gefühle und Gedanken:

Wenn ich meine Realität aus einer kritischen und selbstkritischen Perspektive in die Hand nehme, komme ich zu einem Schluss: Es ist meine Pflicht, die Frauen zu verstehen und mich von meinen patriarchalen Verhaltensweisen zu befreien. Man kann sich nicht schnell von ihnen befreien, so träumerisch gehe ich nicht an die Sache heran. Ich weiß nun, dass diese Befreiung ein Ergebnis eines langfristigen Kampfes ist. Der zentrale Punkt, der mich von ihnen befreien wird ist, dass ich mir dessen bewusst geworden bin. Dies [ein Männer-Workshop] sollte zu einem Ausgangsweg für mich werden. Ich muss mich weiterentwickeln mit diesem Verständnis, das ich gewonnen habe. Ich denke auch, dass mein Revolutionärsein keine Bedeutung haben wird, wenn ich mich nicht weiterentwickle. Wir sagen ja immer, dass wir eine neue Welt ohne Ausbeutung schaffen, in der Gleichheit herrscht und geteilt wird. Das zu schaffen bedeutet, schon von heute Veränderung in mir zu bewirken. Ich bin mir nun dessen bewusst geworden. Erst, wenn ich und meine männlichen Genossen sich von diesen patriarchalen Verhaltensmustern befreien können, werden wir unserem Ziel näher kommen. Diese Anschauungsweise ist nun mein grundlegender Gedanke.“

Die Frage, ob die Herangehensweise an die Frauen*befreiung ein Hindernis meiner revolutionären Entwicklung werden konnte, habe ich lange Zeit mit „Nein“ beantwortet. Es hat sich aber für mich herausgestellt, dass jeder revolutionäre Mann einen bestimmten Augenblick erreicht, in dem er sich mit der Frauen*befreiung auseinandersetzen muss und dass diese Auseinandersetzung seine Entwicklung zentral mitbestimmt.

Wie konnte es sein, dass ich als sozialistischer Mann nicht in der Lage war, meine Genossin, die neben mir steht, gleich entschlossen ist und den gleichen Weg geht, zu verstehen? Wie konnte ich mich als Revolutionär immer noch von den Vorteilen ernähren, die sich mir als ein Mitglied des unterdrückenden Geschlechts ergaben?

Und diese Vorteile ergaben sich nicht nur in den Räumen außerhalb „unserer“ Hegemonie. Niemand kann bezweifeln, dass du es als revolutionärer Mann einfacher hast als als revolutionäre Frau. Du wirst ernster genommen, du wirst als eine Adresse der Lösungsfindung betrachtet, du hast das letzte Wort… Und aus dieser Widerspiegelung der männlichen Herrschaft in den revolutionären Organisationen entsteht ein Typ des männlichen Revolutionärs, der sich in das Zentrum seines Arbeitsbereichs setzt, verantwortliche Genossinnen nicht ernst nimmt, seine persönliche „männliche“ Herrschaft und Hegemonie ausbaut und dafür mit seinen männlichen Genossen konkurriert.

Ist es denn denkbar, dass ein solcher revolutionärer Mann zu einer Miniatur des „neuen Menschen“ der kommunistischen Welt wird? Oder ist dieser Mann nicht vielmehr ein Repräsentant der Tradition aller toten Geschlechter und würde immer wieder in den bürgerlichen Horizont zurückfallen?

Die Antwort liegt auf der Hand.

Wenn irgendwo auf dieser Erde eine Frau* ermordet oder vergewaltigt wird… Was für Gefühle erweckt dies in uns? Schämen wir uns für die Taten der Männer, werden wir wütend und setzen uns als erstes Ziel, diese Männlichkeit zu töten? Oder sehen wir diese Taten als etwas, was mit uns nichts zu tun hat, eine Tat von einzelnen, degenerierten und psychisch erkrankten Männern?

Der Schädling eines jeden Baums steckt in ihm selber

Der Schädling eines jeden Baums steckt in ihm selber“ heißt es in einem Sprichwort. So ist es auch mit der Männlichkeit im sozialistischen Mann. Was ist das Gegengift?

Ich habe mir diese innere Auseinandersetzung nun als Aufgabe gestellt. Um ein Teil des neuen Lebens zu werden, muss ich mich früh von diesen Verhaltensweisen befreien. Ich bin hoffnungsvoll, denn ich weiß, dass diese Verhaltensweisen mir vom bürgerlich-kapitalistischen System eingetrichtert wurden und nicht zu meinem Charakter gehören. Und deswegen kämpfe ich nun dafür, die Verhaltensweisen, die mir ohne meinen Willen gegeben wurden, willentlich an sie zurückzudrängen. Jetzt ist die Zeit, aufzustehen und nach vorne zu gehen. Durch Warten wird sich nichts verändern. Das Richtigste ist, an der Hoffnung festhaltend voranzuschreiten. Und das wird auf meinem Weg zu einem „neuen Menschen“ mein erster Schritt zum Revolutionärsein sein. Und erst, wenn ich den neuen Menschen geschaffen habe, kann ich ein entschlossener Revolutionärer sein.“

Das sind nicht die Worte eines Mannes, der erst anfängt, Revolutionär zu werden, am Anfang des Weges steht. Ümit Yetik schreibt dies nach einem Workshop, nachdem er „jahrelang von sich dachte, er hätte die gesellschaftliche Männlichkeit schon überwunden.“ Er habe sich „jahrelang selbst angelogen“, schreibt er. Und wie sieht es aus mit uns sozialistischen Männern hier? Inwieweit haben wir die gesellschaftliche Männlichkeit in unserer revolutionären Persönlichkeit, im Alltag, in der Wohnung, in der Beziehung, auf den Treffen, bei den Aktionen überwunden? Lehnen wir tatsächlich jegliche Form von Vorteilen ab, die uns lediglich wegen unseres natürlichen Geschlechts geboten werden? Wie aufrichtig sind wir, wenn wir von uns behaupten, dass wir patriarchale Verhaltensweisen schon größtenteils aufgegeben haben? Oder belügen wir uns und unsere Genoss*innen nur, obwohl unsere Realität ein offenes Geheimnis ist?

Die Antworten auf diese Fragen liegen gleichfalls auf der Hand.

Einen Willen zum Ablegen der gesellschaftlichen Männlichkeit muss der sozialistische Mann haben. Aber das reicht nicht. Allein, dass wir uns diese Frage stellen, ist ein Kampf unserer Genossinnen. Die Herausbildung eines solchen Willens ist das Ergebnis eines regelrechten ideologischen Krieges sozialistischer Frauen mit den Männern.

Der Bruch mit der gesellschaftlichen Männlichkeit ist nichts, was wir nach einem Workshop schaffen können. Aber wenn wir uns verändern wollen, werden wir uns und unsere Verhaltensweisen hinterfragen müssen. Das heißt auch, dass wir erst einmal zugeben, dass wir den Bruch mit der gesellschaftlichen Männlichkeit eben noch nicht geschafft haben. Das heißt auch, dass wir aufhören, allgemeine und abstrakte Artworten auf die kritischen Fragen unserer Genossinnen zu geben und anfangen, uns konkret zu diskutieren und diskutieren zu lassen.

Wie kann diese Entwicklung konkret aussehen?

Der kommunistische Kämpfer der MLKP, Halil Aksakal (Mazlum Aktas), beschreibt in seinem „Bericht zur Frauenbefreiung“ an einem konkreten Beispiel seine Entwicklung: „Früher habe ich Widerstand geleistet bei der (gerechten oder ungerechten) Verteilung von Aufgaben an meine Genossinnen, aber das hat sich verändert. Zum Beispiel war ich bei der Operation in Hasakê ein Kommandant eines Arms in der offensiven Gruppe. Meine Verteidigung war eine Freundin von der PKK. Ich war dagegen und hab es geschafft, alle davon zu überzeugen, dass die Freundin in der offensiven Gruppe ist und ich ihre Verteidigung übernehme. Der Grund, warum ich das gemacht habe, war die Praxis, die theoretischen Gedanken und Perspektiven der Partei in der militärischen Front umzusetzen und ich habe auch somit einen Kampf gegen mich selbst geführt.

Welche Lehren können wir sozialistischen Männer aus diesem Beispiel für uns hier ziehen?

Unsere Genossinnen sind dabei, die Welt auf den Kopf zu stellen. Wir werden uns fragen, wo wir ihnen zu Hindernissen werden. Denn jedes Mal, wenn wir ihnen auf die Füße treten, werden wir zu den Mitträgern der Herrschaft des Mannes über die Frau. Wenn wir aufrichtig das Ende der Herrschaft des Mannes über die Frau wollen, werden wir unsere Genossinnen in ihrem und unserem Krieg gegen diese Herrschaft unterstützen. Wir müssen mehr allgemeine Aufgaben übernehmen, damit sie die Aufgaben der Frauenbefreiung umsetzen können. Wir müssen sie logistisch und technisch unterstützen und an der einen oder anderen Stelle (meistens) müssen wir uns einfach zurückhalten, damit sich der Wille der Frau entfalten kann.

Wenn wir wieder zu Menschen werden wollen, die nicht die Tradition aller toten Geschlechter in sich tragen und reproduzieren, sondern das „Neue“ repräsentieren, müssen wir uns ernsthaft mit der Frage der Frauenbefreiung auseinandersetzen, die Veränderung wollen und den Spuren von Ümit und Mazlum folgen.

Dann werden wir unsere Gehirne von diesem Alp befreien können.

– Deniz Boran

“Unsere Gefallenen sind unsterblich” erklärt

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I. Unsterblichkeit als politisch-gesellschaftlicher Moment

Im Gegensatz zum “Sterben” als physischer und biologischer Zustand beschreibt die “Unsterblichkeit” einen politisches und gesellschaftliches Moment. Jemand, der Existenz lediglich auf “Dasein” und “Nichtsein” reduziert, kann die “Unsterblichkeit als politisch-gesellschaftliches Moment” nicht verstehen.

“Unsterblichkeit” ist keine esoterische Verbundenheit zum “Toten” oder die Parole “sie sind unter uns” beschreibt keine Geister, die sich in unseren Räumen befinden und uns nicht allein lassen.
“Unsterblichkeit” ist Ausdruck des kontinuierlichen Verlaufs der Geschichte der Gesellschaften als Geschichte von Klassenkämpfen. Klassenkämpfe und Revolutionen sind letztendlich Kämpfe zwischen Menschen, die eine Rolle in der Gesellschaft haben ausgehend von ihrer Position in der Produktion. Es sind die Menschen, die Geschichte schreiben, aber die Entwicklung der Geschichte richtet sich nach Gesetzmäßigkeiten, denen der “aktuelle” Mensch unterworfen ist. Der Kommunismus ist nichts anderes als die Befreiung des Menschen von dieser Unterwerfung.

Revolutionär*innen sind Menschen, die sich die Aufgabe setzen, die Zukunft umzusetzen. Sie verstehen die Gesetze und versuchen, einzugreifen, “Frauen* und Herren über die Gesetze zu werden”.
Che entgegnet den “Tod” mit den Worten: “Ich weiß, dass du gekommen bist, um mich zu töten. Schieß, du Feigling, du tötest nur einen Menschen.” Das ist die materielle Grundlage für den gesellschaftlich-politischen Zustand der “Unsterblichkeit”. Der Mensch als “lebender Organismus” kann “getötet” werden, dem Menschen kann das “Leben genommen werden”, aber dann hat der Feind “nur” einen Menschen getötet, die Revolution als gesetzmäßige Entwicklung aber “lebt weiter”.
“Unsterblichkeit” kann sich aber nur realisieren, wenn sie mit den Fragen und Aufgaben der gesellschaftlichen Entwicklung übereinstimmt. Gramsci hatte gesagt, dass die “alte Welt stirbt”. Die Unsterblichkeit der Streiter*innen der “alten Welt” kann nur so weit führen, bis die “alte Welt” lebt. Dies ist der Grund warum der Vorreiter des Sklavenaufstands Spartakus noch heute unsterblich ist, weil der Inhalt seines “Lebens”, der Kampf für ein gerechtes und befreites Leben noch eine Frage der Zukunft ist.

Bouazizi, ein junger Arbeitsloser in Tunesien hat sich angezündet und seit fast zehn Jahren sind die Unterdrückten im Mittleren Osten auf den Straßen. In diesen Tagen sind die Arbeiter*innen und Unterdrückten im Libanon, im Irak und Iran, in Rojava/Nord- und Ostssyrien auf den Straßen und kämpfen gegen Verarmung und politische Freiheiten. Indem sich Bouazizi anzündete “nahm er sich sein Leben”, aber noch heute tragen die Aufstände und jedes Feuer in einem Land in Nordafrika und im Mittleren Osten seinen Namen.

II. “Die Fahne, die nicht fällt” und “Lichter auf unserem Weg”

Letztendlich ist die Voraussetzung für die “Unsterblichkeit” nicht nur der gesellschaftlich-politische Charakter des “gestorbenen” Individuums, sondern inwieweit sich die Unsterblichkeit in der Klasse und Gesellschaft widerspiegelt.
“Die Fahne, die niemals fällt” funktioniert nur mit Menschen, die die Fahnen von den “Gefallenen” übernehmen. Die “Unsterblichkeit” ist ein Ausdruck davon, dass Menschen wissen, dass es Menschen gibt, die die Fahne übernehmen und übergeben.

“Unsterblichkeit” ist nicht nur Ausdruck der Kontinuität des Klassenkampfs, sondern auch eine Mahnung und Erinnerung, wie Geschichte geschrieben wurde und wird. Gefallene sind für Menschen, die sich (Mit-)verantwortlich dafür sehen, Geschichte zu schreiben (Revolutionär*innen), ein politischer Leitfaden, wie Errungenschaften gewonnen und angesammelt wurden und werden. Hinter jede*r gesellschaftlichen Entwicklung, hinter jeder Errungenschaft der Arbeiter*innen, unterdrückten Völker, der Frauen* und der Jugend gibt es “Unsterbliche”.

Für die, die auf dem Weg laufen, die aus dieser Ordnung führt, sind die “Unsterblichen” Lichter. Die “Perfektion”, die wir in den “Gefallenen” erkennen, rührt nicht aus einer “Fehlerfreiheit”, sondern aus der einfachen Realität, dass sie sich – trotz Risiken und Gefahren – nicht der “Einfachheit” ergeben haben, sondern – trotz Fehler und Schwächen – “Adler” geblieben sind. Denn: “Ein Adler kann wohl manchmal tiefer hinabsteigen als ein Huhn, aber nie kann ein Huhn in solche Höhen steigen wie ein Adler.” (Lenin)
Folglich hat die “Unsterblichkeit” jene Voraussetzung unabhängig vom “Unsterblichen”: “Die Fahne fällt nicht”, wenn es Menschen gibt, die die Fahne weitertragen und sie sind “Lichter auf unserem Weg”, wenn Menschen diesen Weg gehen.

III. “Unsterblichkeit” gehört dazu

Ivana Hoffmanns “Unsterblichkeit” war wie ein Schlag ins Gesicht vieler Revolutionär*innen, weil sie und danach noch viele weitere Herzen der Revolution die Frage nach dem Umgang nach “Unsterblichen” wieder in die Mitte der revolutionären und radikalen linken Bewegung getragen hat.
Wie sie in ihrem Brief ausgeführt hatte, war sie sich bewusst in dem, was sie tat. “Ich will ein Teil der Revolution in Rojava sein, ich will mich weiter entwickeln, ich will in diesen 6 Monaten den Kampf, der alle unterdrückten Völker miteinander verbindet, kennenlernen und vor allen Dingen die Revolution in Rojava, wenn es sein muss mit meinem Leben zu verteidigen.” Das “begrenzte” Revolutionärsein mit niedriger Opferbereitschaft ist typisch für die imperialistischen Zentren, in denen die “Revolution weit vorkommt“. “Es gibt noch nicht einmal eine revolutionäre Kampfpartei“, “die Arbeiter*innenklasse ist noch weit im Einfluss der gelben Gewerkschaften un bürgerlichen Parteien“, “Der Kapitalismus und der bürgerliche Staat sind noch zu stark” werden zu Ausreden für “begrenztes” Revolutionärsein. Eigentlich sind diese Feststellungen Gründe, das konforme und “begrenzte” Revolutionärsein zu überwinden. 

Während für Frauen*, Arbeiter*innen und Kinder dieser Welt Tod aus imperialistischer und patriarchaler Hand zum Alltag gehören, muss die revolutionäre Hinterfragung derer, die sich als Repräsentant*innen dieser “Opfer” sehen, noch stärker und dynamischer aussehen.

Die kommunistische Kommandantin Yeliz Erbay schreibt in ihrem Brief “Ein neues Jahr im Wettstreit mit der Unsterblichkeit”, den sie zu ihrem eigenen Geburtstag schreibt: “Dem Tod einen Wert geben… Ich denke, dies ist eine der Qualitäten, die eine*n Kommunist*in von den Gedanken und Praxis der “einfachen” Menschen abhebt. Sich nicht fürchten, wovor “man” sich fürchtet, sich dem nähern, wovon “man” sich entfernen will. […] Dem Tod gerecht werden. Nicht “einfach”, sondern kämpfend und die Fahne unserer Ideale hebend. Es ist so “normal” für Kommunist*innen, die jede Minute ihres Lebens organisieren, auch ihren “Tod” organisieren zu wollen. […] Ich möchte mein Leben als Frau beenden mit einem Tod, den Feind und Freund*in nicht vergessen. Eine Unterschrift, die nicht zu löschen ist. […] Ist der Tod von mir ein zu großes Opfer, während fünf meiner Schwestern auf Grund von Männergewalt jeden Tag in meiner Region sterben? Keineswegs!” Yeliz Erbay hat sich mit ihrer Genossin Şirin Öter nicht ergeben, als ihre Wohnung in Istanbul von türkischen faschistischen Polizisten und Soldaten umzingelt wurden und ist unsterblich geworden, nachdem sie bis zu ihrer letzten Kugeln kämpften. 

Die “Unsterblichkeit” gehört zur “revolutionären Art des Lebens” wie eine Zelle zum Körper. Denn wie Ulrike Meinhoff schon sagte, ist “jedes Herz eine revolutionäre Zelle”. “Man trägt die Revolution nicht auf den Lippen um von ihr zu reden, sondern im Herzen um für sie zu sterben.” (Che Guevara)

Unsere Märtyrer sind unsterblich!
Şehîd namirin!

Das Leben in der Guerilla – Interview mit einem IFB Kämpfer

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Gründungserklärung des IFB Juni 2015 in Sêrekaniyê

Das Internationale Feiheitsbataillon, oft abgekürzt als IFB oder EÖT (türkisches Akronym für Enternasyonalist Özgürlük Taburu), ist eine bewaffnete Einheit welche in Rojava operiert. Gegründet wurde das IFB im Juni 2015 von mehreren kommunistischen türkischen/kurdischen Parteien, insbesondere die Parteien und Organisationen MLKP, BÖG und Tikko spielten bei dem Aufbau des Bataillons eine zentrale Rolle. Die AktivistInnen der MLKP sind stark und zahlreich im IFB vertreten. Sie arbeiten intensiv und beteiligen sich an Basisarbeiten um langfristig an dem Prozess in Rojava mitzuwirken. Das IFB organisiert sich selbst und untersteht mittlerweile nicht mehr dem Kommando der Volksverteidigungseinheiten YPG. Das IFB verfügt über eine eigene militärische Frauenstruktur, die nach unserer im März 2015 gefallenen Genossin Ivana Hoffman benannt ist. Das Bataillon besteht aus einer Vielzahl von linken InternationalistInnen.

KommunistInnen, AnarchistInnen und RevolutionärInnen aus der ganzen Welt sind in dem IFB zusammengekommen, um die Rojava Revolution zu verteidigen und um sie im Kampf gegen die vielen reaktionären Feinde zu unterstützen. Unter anderem kämpfte das IFB in der historischen Offensive auf Raqqa (2016-2017) und gegen die türkische Invasion in Serekaniye (2019). Das Internationale Freiheitsbataillon beweist das ein gemeinsamer links-solidarischer Kampf, auch bewaffnet, möglich ist.  

Wir hatten die Möglichkeit mit einem Internationalisten des IFB ein Interview zu führen. Unser Interview Partner kommt selbst aus ursprünglich aus Frankreich. Er sprach viel über sein tägliches Leben in der Guerilla, über die Zeit während der Invasion und dem Widerstandskampf in Serêkaniyê.

Das Interview ist auch als Podcast verfügbar:

Kannst du dich kurz Vorstellen? 

Also über mich selbst: Ich bin ein französischer Militant, offensichtlich ein revolutionärer Militant. Ich bin ein Antifaschist, ein Antikapitalist. Ich bin so etwas, was wir in Frankreich als autonomen Militanten bezeichnen. Autonom, nicht wie ein einziger Militanter, sondern ein Militanter aus der autonomen Bewegung. Die Autonome Bewegung ist die wichtigste radikale Bewegung in Frankreich. Autonome Bewegung bedeutet nicht, dass wir nicht organisiert sind, wir haben autonome Organisationen, und ich bin in einigen von ihnen. Ich bin Mitglied verschiedener Gruppen in Frankreich und in Italien. Wir machen Dinge und reden nicht nur darüber. Jetzt bin ich 24. Ich habe mit 14 Jahren mit Militantismus angefangen. Aufgrund meines Lebens und meiner Lebensweise auf dem Land war es ziemlich schwierig tatsächliche politische Dinge zu machen. Es war so, man hat viel politisches Wissen gesammelt und versucht, sich mit Menschen zu vernetzen. Als ich 16 bis 18 Jahre alt war, begann ich mit politischen Aktionen und mich organisatorisch zu vernetzen. Mit 17 bis 18 Jahren konnte ich Mitglied einer Organisation in der Stadt werden. Ich bin für meine Universität und mein Studium in die Stadt gezogen. Ich konnte einige Jahre lang radikalen Militantismus betreiben. Kurz nachdem ich 21 geworden war, ging ich nach Rojava. Es war Ende 2016 und ich blieb anderthalb Jahre dort. Zuerst verbrachte ich 5 Wochen in der YPG-Akademie, wo die YPG ideologisch und militaristisch ausbildet und die neuen internationalen Freiwilligen bildet. Danach ging ich zum IFB. Wenn man dem IFB beitreten möchten, muss man einer türkischen Partei angeschlossen sein. Zu dieser Zeit habe ich mich entschieden, der Partei DKP BÖG beizutreten. DKP ist die Partei und BÖG ist im Grunde der bewaffnete Flügel. Ich war Teil der Qalta-Linie in einer Stadt 25 Kilometer nördlich von Raqqa. Dann ging ich bis zum Ende nach Raqqa. Dann ging ich nach Afrin, als die Invasion Anfang 2018 begann. Ich war der erste internationalistische Kämpfer, der dort ankam und in den Frontkrieg zog. Ich blieb bis März 2018 in Afrin. Danach kehrte ich zu unserer Zentrale zurück. Ich blieb dort bis Mai, dann ging ich für 9 Monate nach Europa zurück. Ich habe politische Arbeit geleistet und dank meines Netzwerks und des Netzwerks meiner Freunde in verschiedenen Ländern einige Konferenzen über Rojava abgehalten. Ich bin im März 2019 nach Rojava zurückgekehrt. Ich verbrachte eine Woche in den Bergen. (…) ch wurde jedes Mal mobilisiert, wenn wir uns wegen einer Invasion in einer Alarmsituation befanden. Ich wurde einige Male nach Serekaniye geschickt. Als die Invasion begann, war ich schon da. Ich habe die 12-tägige Schlacht von Serekaniye gekämpft. Dann verließ ich die Stadt mit dem letzten Konvoi. Wir wurden angewiesen, alle die Stadt zu verlassen. Dann kämpfte ich weiter an der Frontlinie von Til Temir. In all diesen Dörfern zwischen Serekaniye und Til Temir kämpfte ich weiter gegen die türkische Armee und diese Dschihadistengruppen, die mit der türkischen Armee zusammenarbeiten, und ich kämpfe immer noch. Seit Januar sind wir in einer ruhigeren Situation. Trotzdem haben wir einige Kämpfe manchmal, aber nicht so oft. Seit Januar bin ich nur auf Standby und bilde die neuen internationalen Freiwilligen aus. Ich bin so etwas wie ein Trainer. Sobald die Front wieder aktiver wird, gehe ich gerne zurück und kämpfe. Einmal im Oktober 2019 wurde ich zum ersten Mal verletzt und im November 2019 zum zweiten Mal. Nach dem zweiten Mal für eine Woche blieb ich zurück und wartete darauf, dass sich meine Verletzungen erholten. Danach ging ich wieder an die Front. Das ist es mehr oder weniger für die Einführung. Ein bisschen lang, tut mir leid.

Bild könnte enthalten: eine oder mehrere Personen
Unser Interviewpartner am Lesen und mit einem verletzten Daumen.

Es sind viele Kräfte im Rojava Konflikt beteiligt. Warum hast du dich dazu entschieden dem IFB beizutreten? 

Grundsätzlich, weil IFB eine in Rojava existierende politische Militärstruktur ist und weil ich ihnen politisch sehr nahestehe. Es gibt diese Struktur namens YPG International, aber ich habe zwei Probleme mit der YPG International. Das erste ist, dass viele verschiedene Arten von Freiwilligen dorthin gehen. Menschen, die nicht politisch sind, oder sie sind politisch, aber rechts und sogar Menschen von radikalen Rechten, aber das gibt es mittlerweile nicht mehr. Das war also mein Problem. Das zweite Problem ist, dass ich taktisch gesehen nicht so gerne Zeit mit ihnen verbringe. Sie sind nicht so sehr an vorderster Front. Sie nehmen an Kämpfen teil und ich respektiere sie wirklich, aber sie sind weniger aktiv als das IFB zum Beispiel und auch in Bezug auf die Autonomie haben sie nicht so viel Autonomie. Sie sind sehr abhängig von der kurdischen Bewegung. Sie können nicht selber Initiative ergreifen. In dem IFB können wir eine gewisse Handlungsautonomie haben. Wir können wählen, ob wir direkt an der Struktur an vorderster Front beteiligt sein möchten. Das IFB kooperiert mit kurdischen Kämpfern von YPG oder YPJ, was wir tatsächlich tun. Das ist meiner Meinung nach interessanter. An vorderster Front arbeitet das IFB sehr hart, während es bei YPG International keinen wirklichen Frontkrieg gibt. Es ist eher so, als würde man in einer Basis warten und dort arbeiten. 

Wir sind in der Lage, viele Dinge wie Schulungen, spezielle Ausbildungen, Besuche bei zivilen Freunden und die Arbeit an anderen Projekten durchzuführen. Normalerweise sind die Leute in dem IFB alle sehr politisch. Es ist eine Mischung aus marxistisch-leninistischen türkischen Parteien, die mit YPG YPJ befreundet sind, und vielen internationalen Freiwilligen, die Anarchisten, Trotzkisten, Autonom und dergleichen sind. Sehr cool. Deshalb ist es für mich sinnvoller, bei dem IFB zu sein. 

Welche Rolle hatte das IFB während der Rojava Invasion der türkischen Armee und der jihadistsichen Proxy-Milizen im Oktober 2019? 

Ein paar Tage vor der Invasion stand das IFB in Bereitschaft in Serekaniye, wir waren also bereit. Das IFB hatte eine neue Kampfart adaptiert. Gemeinsam als große Einheit wie beispielsweise in Raqqa gegen  Daesh, macht keinen Sinn wegen der Luftangriffen, der Luftschlägen, der Dronen und all diesem Zeug. Also mussten wir kleinere autonome Gruppen bilden mit viel Bewegungsspielraum. Wir mussten sehr schnell und fließend sein. Also haben wir uns in viele kleine spezialisierte Gruppen aufgelöst. Manche leute spezialisierten sich im Bereich der schweren Bewaffnung, manche in Raketen, Mörsern, Sabotage, Scharfschützen, solche Sachen. Wir waren Gruppen von 2 bis maximal 4 Leuten und mobilisierten in verschiedenen Bereichen in und rund um Serekaniye. Das gesamte IFB war in der Zeit um Oktober 2019 dort aktiv. Nachdem wir Serekaniye verlassen hatten, schlossen sich ein Teil der IFB und der MLKP der YPG/YPJ an. Also gingen wir zurück um in gemischten Gruppen mit der YPG/YPJ in all den Dörfern zwischen Serekaniye und Til Temir zu kämpfen. Warum? Weil wir Serekaniye kannten, wir kannten die Stadt, die Dörfer der Gegend allerdings nicht. Also wollten wir in Gruppen mit den Einheimischen sein, das machte einfach mehr Sinn. Das ist was wir getan haben, und ich finde wir haben es gut getan. Wir wahren schon immer effizient, aber die Entscheidungen die wir getroffen haben… ich bin fest davon überzeugt, dass das unsere Effizienz erheblich gesteigert hat. Nicht so statisch wie als wir noch einfache IFB Gruppen waren, damals warteten wir immer auf die Befehle kurdischer Kommandanten. Gemischte Gruppen gaben uns viel mehr Möglichkeiten die Initiative zu ergreifen, mit Leuten, die die Schlachtfelder kannten, weil sie aus der Gegend kamen. Fast jeden Tag kam es zu einem Einsatz, seit der Invasion aus vom Oktober bis in den Dezember, was wirklich cool war.  

Dauern die Kämpfe noch an? 

Die Kampfsituationen sind nie verschwunden, aber es ist hier inzwischen sehr viel ruhiger als früher. Kurze, sporadische Gefechte im Bereich Til Temir. Für den Moment gibt es nur Einsätze in der Nacht, mal kürzere Einsätze, selten auch mal als Scharfschützen Einsätze in der Nacht oder auch am Tag. Seit Ende Dezember 2019 ist es ein wenig ruhiger, und wir warten wie sich die Situation weiter entwickelt bevor wir uns wieder zurück in heftigere Kampfeinsätze begeben. 

War die Kampferfahrung gegen die türkischen Kräfte anders als die Kämpfe gegen Daesh?

Natürlich waren die Kämpfe mit den türkischen Streitkräften völlig anders als die mit Daesh. Zum Glück war ich wegen Afrin ein bisschen an diese Art von Krieg gewöhnt. Der Hauptunterschied zu den Kämpfen gegen Daesh bestand darin, dass sich die Situation mit den Flugzeugen umkehrte. Gegen die gemeinsamen Feinde waren es US-Flugzeuge und französische Flugzeuge, die feindliche Positionen bombardierten, aber jetzt treffen uns türkische Flugzeuge und Drohnen. Der Himmel als Dimension ist jetzt völlig feindselig, während er zuvor gegen Daesh hauptsächlich freundlich war. Das ist ein großer Unterschied. Außerdem hatte Daesh nicht so viel große Artillerie. Sie waren nicht sehr gut und treffsicher, wenn sie mit Mörsern schießen. Die Türken sind sehr genau mit Mörsern und haben auch große Artillerie, die sie viel benutzen, scheiße viel. Das ist natürlich ein großes Problem. Ja, es ist offensichtlich schwieriger gegen türkische Streitkräfte, deshalb verlieren wir bis jetzt. Unsere Armee ist keine professionelle und wir sind eine arme Armee, also haben wir nicht die gleichen Mittel wie die türkische Armee, welche die zweitgrößte Armee der NATO ist. Also ja, wegen ihrer technologischen Ausrüstung und Feuerüberlegenheit ist es schwieriger als gegen Daesh. Sie benutzen hauptsächlich ihre Proxy-Einheiten, ihre dschihadistischen oder nationalistischen Proxy-Einheiten gegen uns, die Daesh sehr ähnlich sind, einige sind tatsächlich ehemalige Daesh-Mitglieder. Aber manchmal benutzen sie auch türkische Offiziere, um die Gruppen zu koordinieren, oder einige Kommandeure der türkischen Spezialeinheiten. Und außerdem hatte Daesh Fahrzeuge, aber im Vergleich zur Türkei nicht so viele, weil die Türkei scheiße viele Fahrzeuge hat, viele Panzer, mehr als Daesh, sehr viele Panzer. Alle ihre Truppen bewegen sich in gepanzerten Fahrzeugen. Dies macht es uns schwerer, dagegen vorzugehen. 

Wie sieht dein Alltag aus, wenn du nicht kämpfst?  

Über den Alltag: Es gibt viel zu sagen. Ich kann dir sagen, was unser tägliches Leben aktuell ist. Wir sind zurück und befinden uns nicht in einer ständigen Alarmsituation, in der wir ständig an die vorderste Front mobilisiert werden können. Grundsätzlich wachen wir um 05:30 Uhr morgens auf. Wir bereiten uns vor, waschen uns kurz und beginnen danach um 05:45 Uhr mit dem Sport. Wir machen eine Stunde intensiven Sport, sehr intensiven Sport bis 06:45 Uhr. Jeden Tag machen wir verschiedene Sportarten. Manchmal machen wir allgemeinen Sport, bei dem wir unseren ganzen Körper trainieren. Manchmal machen wir Spezialsport, bei dem wir Arme und Schultern, Rücken und Arsch, Beine und solche Dinge trainieren. Manchmal strecken wir uns nur, wenn wir Ruhetage haben. An manchen Tagen machen wir viel Cardio- und Fraktionslernen. Dann frühstücken wir um 07:00 Uhr. Wir beenden das Frühstück zwischen 07:30 und 08:00 Uhr. Nach dem Frühstück haben wir eine halbe Stunde / eine Stunde gemeinsame Aufgaben um unsere Basis vorzubereiten und zu reinigen. Also machen wir von 07:30 bis 08:30 oder von 08:00 bis 09:00 mehr oder weniger diese Arbeit. Danach bis 11:30 / 12:00 haben wir Ausbildung. Abhängig vom Tag haben wir politische und ideologische Ausbildung, oder zurzeit haben wir viel militärische Ausbildung, viel Theorie, speziell am Morgen. Es kann auch sowas wie technische Ausbildung, Informatikausbildung sein, es kann m Grunde alles sein. In diesen Tagen ist es vor allem militärische Ausbildung und an manchen Tagen eine ideologische. Gegen 12:30 Uhr essen wir dann zu Mittag. Abhängig von den Tagen von 12:00 bis 12:30 Uhr oder von 12:30 bis 13:00 Uhr. Dann können wir uns bis 14.00 Uhr etwas ausruhen. Und dann haben wir von 14:00 bis 17:30 Uhr oder von 14:30 bis 18:00 Uhr wieder eine Ausbildung, normalerweise eine militärische Ausbildung. An manchen Tagen kann es Sprache oder Ideologie sein. Wenn wir morgens Theorie machen, üben wir nachmittags praktisch. Manchmal haben wir volle Theorie-Tage, manchmal haben wir volle Praxistage. Es hängt von der Situation ab. Aber normalerweise haben wir morgens Theorie und nachmittags Praxis. Gegen 18:00 Uhr haben wir ein kleines tägliches Treffen nur zwischen den Trainingsgruppen, um unseren Trainingstag zu analysieren, unsere Fehler zu analysieren, zu kritisieren, neue Dinge vorzuschlagen, die zu tun sind. Gegen 18:30 Uhr essen wir zu Abend. Grundsätzlich von 18:00 bis 18.30 Uhr oder von 18.30 bis 19.00 Uhr. Dann haben wir zwischen 07:00 und 19:30 Uhr etwas das was wir DPT nennen. Es ist wie ein Tekmil, ein Treffen mit jedem, jedem Mitglied unserer Basis, internationalen Genossen, jedem anderen Mitglied unserer Basis, kurdische und türkische Genossen, alle. Normalerweise beenden wir zwischen 19:30 und 20:00 Uhr. Es besteht aus 3 Teilen. Der erste Teil geht über den Tag, was wir gemacht haben, wir teilen, welche Informationen wir während des Tages erhalten haben. Z. B. so etwas wie “Okay, wir sind nach draußen gegangen – wir haben diesen Genossen getroffen – wir sind zu diesem Treffen nach draußen gegangen – wir sind gegangen, um Dinge zu kaufen – wir haben dies und das heute trainiert.” diese Art von Dingen. Hier teilen wir auch Kritik, Vorschläge, wie andere Dinge verändern und wie Sie Dinge verbessern können. Im zweiten Teil dieses Treffens geht es um Nachrichten. Wir teilen spezifische Neuigkeiten rund um Rojava und über internationale Neuigkeiten. (…)
Und dann ist der dritte Teil die Vorbereitung der nächsten Tage. Speziell für den Tag danach, aber auch für spätere Tage. (…).  
Nach 20:00 bis 21:00 Uhr oder von 20:30 bis 21:30 Uhr haben wir Sprachunterricht, vorerst auf Kurdisch. Dies ist alle zwei Tage. An allen anderen Tagen von 08:00 bis 22:00 Uhr machen wir gemeinsame Dinge, wie z.B. Zusammen einen Film schauen, normalerweise ziemlich cool. Oder wir haben Diskussionen, aber entspanntere, entspanntere Diskussionen. Oder wir spielen zusammen, kollektive Spiele. Um 09:30 oder 22:30 Uhr gehen wir schlafen. Und dann wünschen wir natürlich eine gute Nacht bis zum guten Morgen, wenn alle aufwachen. Wir müssen Nachtwache halten, es kommt auf die Nacht an, 1 Stunde, 12 Stunden, es kommt darauf an. Wir haben Wachdienst draußen für die Sicherheit. Wir haben also sehr arbeitsreiche Tage und sehr kurze Nächte, aber es ist cool. Es ist interessant. (…)  
Zumindest machen wir nützliche Dinge. Dies ist unser Alltag. Natürlich sind einige Tage etwas Besonderes. Einmal in der Woche haben wir einen halben freien Tag. Und einmal alle 10 Tage haben wir normalerweise volle freie Tage. Wir nutzen diese freien Tage, um in die Städte um Til Temir oder Serêkaniyê zu fahren, Serêkaniyê leider nicht mehr. Wir sehen Freunde, wir arbeiten mit ihnen, machen verschiedene Dinge, kaufen Sachen, gehen zum Schneider, um unsere Kleidung zu reparieren, oder besuchen einfach Freunde, Militärfreunde oder Zivilfreunde. Wir besuchen Familien von Guerillafreunden, es ist cool. Wir haben einige Freunde in Qamişlo und ich versuche sie zu besuchen. Wir nehmen uns auch gemeinsam Zeit. Wenn es Sommer ist, sind wir oft an verschiedenen Orten schwimmen gegangen. Wir gehen zu einigen schönen Orten, um Zeit miteinander zu verbringen. Wir gehen spazieren, machen Rallyes in einigen Hügeln, machen Picknicks, Sport … Wir machen Fußballpartys mit Kameraden aus anderen Strukturen, es ist cool. Wir besuchen jede Woche viele Leute. Wir besuchen Leute jedes Mal, wenn wir Freizeit haben. Wenn wir keine Ausbildungszeit haben und mehr freie Tage haben, sind wir viel mehr draußen. In ein paar Monaten werden wir mehr Freizeit haben. Dann werden wir Freunde aus Tekoşîna Anarşîst besuchen, die gute Freunde von uns sind. Sie sind eine anarchistische Gruppe von Westlernern. Sie waren vorher in der IFB. Oder wir gehen Freunde von YPG International besuchen. Es ist cool, ich kann mich nicht beschweren. In unserer Struktur haben wir viel Freiheit und Autonomie, um Menschen zu besuchen.

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IFB Mitglieder hissen die rote Fahne über Raqqa

Hat sich dein Leben verändert seit den Tagen der Invasion Oktober 2019? 

Ja, offensichtlich hat sich unser Leben seit der türkischen Invasion sehr verändert. Wie wir gemerkt haben, haben wir viele Sicherheitsprobleme, einige Notfallbesprechungen. Insbesondere Personen, die der IFB, also türkischen Linksparteien, angeschlossen sind, werden von Geheimdiensten aus der Türkei angegriffen. Und vor allem Internationalisten. Internationale Freiwillige, die von der türkischen Linken in dem IFB waren, sind sehr in Gefahr. Das ist ein Problem für uns. Normalerweise benutzen wir unsere Autos und unsere Autos sind nichtmilitärische Autos. Es gibt keine militärischen Symbole, keine militärischen Zeichen. Wir vermeiden es, sie zu verwenden, weil sie gefährlich sind und uns zu viel entlarven. Wir vermeiden es jetzt, an Orte zu gehen, an denen es für uns jetzt gefährlich ist. Wenn wir nach draußen gehen, müssen wir sehr vorsichtig mit jedem einzelnen Wort sein, das wir Zivilisten oder sogar Sympathisanten sagen, da alle Informationen von unserem Feind verwendet werden können. Grundsätzlich sind wir viel vorsichtiger und müssen oft unsere Positionen räumen, wenn die Gefahr feindlicher Luftangriffe oder Drohnen besteht. Die Türkei benutzt immer noch Drohnen. Es gibt territoriale Grenzen der Besatzung, aber immer noch fliegen türkische Drohnen im Süden von Til Temir und Serêkaniyê. Es ist stressiger, mehr Wachdienst, es ist eine instabile Situation für uns, wir bewegen uns viel, immer vorsichtig, bereit zu gehen, wir sind nicht mehr so in der Lage wie zuvor Freunde zu besuchen, wir können nicht so einfach zu reisen wie zuvor. Früher sind wir manchmal nach Kobanê gegangen, jetzt ist es sehr schwer wegen des Territoriums, das der Feind besetzt. Jetzt müssen wir einen großen Umweg im Süden machen und es dauert lange, also können wir nicht so oft nach Kobanê gehen. Das Leben ist seit der Invasion wirklich weniger schön. Serêkaniyê war eine Stadt, die wir sehr geliebt haben und jetzt können wir nicht mehr dorthin gehen. Das hat unser tägliches Leben wirklich beeinflusst. Es gibt auch einige Dinge, die ich nicht mit dir teilen kann, tut mir leid. Die Ressourcen, die wir erhalten, sind seit der Invasion weniger, wir müssen vorsichtig mit unseren Ressourcen sein. Es könnte immer sein, dass wir in wenigen Minuten evakuieren müssen. Wir können keine langfristige Perspektive haben. Dies ist ein Schmerz, nicht zu wissen, was passieren wird. Wir leben Tag für Tag und können keine großen Pläne machen. Wenn wir Pläne machen, brechen diese ständig zusammen, das ist ein Problem. Diese Unsicherheit fällt mir schwer, um ehrlich zu sein. 

Gibt es noch etwas was du sagen willst? 

Viele Dinge, über die man reden kann. Ich denke, es ist wichtig, dass die Menschen erkennen, dass es gut ist, zu protestieren, Kundgebungen abzuhalten und den Kampf hier zu unterstützen. Ich sage nicht, dass der Kampf des kurdischen Volkes und der Revolutionäre der einzige und der einzig interessante ist. Es gibt viele verschiedene Kämpfe auf der ganzen Welt, die es verdienen, unterstützt zu werden, aber wenn die Leute uns unterstützen wollen, dann sind Kundgebungen nicht genug, es tut mir leid. Im Moment müssen wir Druck auf den faschistischen türkischen Staat ausüben und ihre Wirtschaft beeinflussen. Wir haben keine Wahl, wir müssen bereit sein, Dinge zu machen, die ihrer Wirtschaft echten Schaden zufügen, ihrem Produktionssystem Schaden zufügen und ihrer diplomatischen Vertretung Schaden zufügen. Es ist wichtig, dass die Menschen die Idee akzeptieren, dass wir als Militante in unserer Beziehung zu unserem Feind offensiv sein müssen. Wenn Sie ein Militant sind, müssen Sie offensiv sein, Sie müssen aggressiv sein. Aggressiv in einer Weise:   – Du hast einen Feind haben, zerstöre ihn. –   Wir können mit unserem Feind nicht diskutieren oder debattieren nicht über verschiedene Ideen, wir führen kein Gespräch über das Leben, über die Welt, nein. Wir sprechen über Menschen, die offen faschistisch sind und die Welt, die sie zu bauen versuchen, ist ein Albtraum. Wenn wir uns dem nicht mit allen Mitteln widersetzen, werden wir verlieren. Es ist wichtig, dies zu realisieren. Wir führen Krieg, nicht nur in den Hügeln und Wüsten von Rojava, sondern in jeder Straße, in jedem Staat, auf jedem Kontinent führen wir Krieg gegen eine Idee, und einer der Hauptakteure dieser faschistischen Idee ist derzeit der türkische Staat. Wir müssen ihn mit allen Mitteln angreifen, wir müssen ihn angreifen, es ist wichtig. Es wird keine Freiheit geben, wenn der türkische Staat nicht vollständig zerstört wird. Das ist eine Realität. Der türkische Staat ist seit seiner Gründung ein faschistischer Staat. Alle Staaten sind bedrückend und autoritär, aber der türkische Staat ist etwas ganz Besonderes. Der türkische Staat ist das beste Beispiel für die Richtung, in die moderne liberale Staaten gehen. Der türkische Staat ist nur einen Schritt weiter in der Offenbarung des offenen Faschismus. Der französische Staat, der US-Staat, viele sogenannte liberale Staaten gehen in diese Richtung und wir müssen sie stoppen. Ich denke, wir müssen den türkischen Staat vorrangig zerstören. 

Hoch die Solidarität, nieder mit dem Faschismus

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Die faschistischen Entwicklungen in Deutschland und auf der ganzen Welt spitzen sich zu. In allen Teilen der Welt steckt der Kapitalismus in einer Krise, aus der sich nicht mehr rauswinden kann. Diese Krise ist gekennzeichnet durch weitere Herabstufungen der Menschenrechte, die verstärkte Ausbeutung, die Zerstörung der Umwelt, durch Repressionen, und dem Ausbau der staatlichen Gewalt.

Die Ausbeuter haben ihre Möglichkeit auf erweiterte Reproduktion verloren, was letztendlich eine Hegemoniekrise unausweichlich macht. Unter dieser Krise der Kapitalisten leiden sie aber nicht selbst, sondern die Massen, die Unterdrückten, die noch mehr unterdrückt werden, die Arbeiterinnen, die noch mehr ausgebeutet werden, die Frauen, die die barbarische Seite des Patriarchats noch stärker zu spüren bekommen, die Migrant*innen, die zur Zielscheibe von rassistischer Hetze werden und viele mehr. Die Hegemoniekrise macht sich schleichend im Alltag aller Menschen bemerkbar: Die einen können sich ihre Wohnung nicht mehr leisten, die anderen finden nach dem Studium keine Arbeit, wieder ein anderer merkt, dass der „kapitalistische Traum“ von Reichtum und Wohlstand ihm verwehrt bleibt. Langsam sehen die Menschen über die rosarote Brille des Kapitalismus hinaus und erkennen, dass das System, das allen „Wohlstand“ ermöglichen soll, die Gesellschaft und die Umwelt von innen und außen zerstört. In den Massen staut sich Perspektivlosigkeit, Zukunftsangst und gleichzeitig Wut an. Auf der ganzen Welt stehen Menschen auf, für ein Lebens-würdigeres Leben gegen Ausbeutung, gegen Krieg, gegen Unterdrückung.

Wir sprechen vom „Jahr der Aufstände“ während wir uns die Gelbwesten, die Widerstände in Rojava und Lateinamerika und die internationalen Klimastreiks ansehen. Aber gleichzeitig entsteht dort, wo die Menschen sich nach Gerechtigkeit und Freiheit und sehnen, auch eine Front, die all diese Entwicklungen für faschistische und rassistische Zwecke instrumentalisiert. Diese rechte Front fängt ganz klein an – bei Menschen, die Migrant*innen untergeordnet behandeln, so unterschwellig, dass man denken könnte, es sei nur eine Art schwarze Humor – bis hin zu Massakern wie in Hanau, bei dem ein Mensch, geblendet von all dem fehlplatziertem Hass und angestauter Wut, 9 unschuldige Menschen in den Tod reißt.

Solche Angriffe sind uns hier in Deutschland nicht fremd, für die meisten Menschen reiht sich der Angriff auf Hanau nur in die unzählige Liste von anderen Morden wie in Halle oder Kassel ein. Die Menschen gedenken nicht mehr den Opfern von Solingen oder den Opfern der NSU Morde, sie merken nicht, dass der Tod von Oury Jalloh ein Mord war, sie können nicht verstehen, warum Internationalistinnen wie Ivana Hoffmann für ein anderes Volk den Tod in Kauf nehmen. Die Ignoranz, die sich in unserer Gesellschaft entwickelt hat, muss aufgebrochen werden. Wir müssen erkennen, dass die Entfremdung und der Egoismus, den wir in unserem Alltag wie Schutzmauern um uns bauen, eine der Stützpfeiler des Kapitalismus sind. Das System bringt den Menschen dazu, sich von allem zu entfremden – von unserer Arbeit, von der Natur, von uns selbst. Der Grund für diese Angriffe, sind nicht nur die Rechtsextremisten, sondern auch das System, dass Migrantinnen und Flüchtlinge zur Zielscheibe aller Probleme macht, die dieses System nicht lösen kann. Anstatt das System anzuzweifeln, richten die Menschen ihre Wut auf andere, und zwar diejenigen, die die Barbarei des Systems wahrscheinlich am stärksten zu spüren kommen. Es sind genau jene Kinder, die aus dem Krieg flüchten, um ihr Recht auf Leben wiederzugewinnen, die Frauen, die versuchen, aus den patriarchalen Zuständen fliehen, vor der Vergewaltigung, den Morden, der Gewalt. Es sind jene Menschen, die Zuflucht und Sicherheit suchen, weil dieses Recht ihnen von den Imperialisten abgesprochen wurde, da Macht und Geld als wichtiger empfunden wird als Menschenleben. Diese Flüchtlinge werden von Land zu Land herumgeschubst, als Druckmittel benutzt. Man lässt sie Hungern, im Meer ertrinken und unter den schlimmsten Umständen unterbringen. Sie werden als Mittel gesehen, um politische Interessen durchzusetzen, als Gelegenheit um sie für rassistische Propaganda zu instrumentalisieren, nur als eines werden sie nicht angesehen – als gleichwertige Menschen.

Der Rechtsruck in Deutschland und der damit verbundenen „Normalisierung“ von rechten Parteien wie der AfD und der allgemeinen Tendenz von bürgerlichen Parteien, nach rechts zu rücken, führt bei vielen Menschen, vor allem bei den Migrantinnen, die von diesen Entwicklungen am stärksten betroffen sind, zu großer Wut, aber auch zu großer Angst. Die Normalisierung wie die Wahl in Thüringen, der Mord an Lübkcke oder unzählige Angriffe auf Asylheime, ermutigen Rechte dazu, weitere solcher Taten zu begehen. Alleine bei den Ausschreitungen in Chemnitz, die unter anderem zeigen, zu was die Faschisten alles fähig sind, bis hin zu der Entwicklung bewaffneter rechter Zellen in Polizei und Bundeswehr, die niemanden groß zu interessieren scheinen, können wir das Ausmaß an Hass, Gewalt und Brutalität erkennen, wenn wir uns nicht wehren. Der Verfassungsschutz ist auf dem rechten Auge blind – das zeigt er uns immer wieder darin, dass migrantische Organisationen und Veranstaltungen verboten und kriminalisiert werden, wohingegen rechte Strukturen weitgehend ihren Fantasien von Bürger- und Volkskrieg nachgehen können. Dies sollte für uns keine Einschüchterung, sondern eine Triebkraft sein. Wir haben das Recht auf Selbstverteidigung und Selbstorganisierung! Um die faschistischen Entwicklungen zu stoppen, müssen wir unsere Angst ablegen und uns mit Entschlossenheit aufrüsten. Wir müssen für Menschenrechte kämpfen, für die Gleichberechtigung aller Menschen, unabhängig von ihrer Herkunft, Hautfarbe oder Religion. Zusammen sind wir stark und haben die Kraft, uns zu wehren! Lasst uns den Opfern von faschistischen Angriffen gedenken und eine Selbstorganisierung aufbauen, damit solche Morde nicht mehr passieren. Ein Angriff auf einen ist ein Angriff auf uns alle! Es lebe die internationale Solidarität!