Corona ist nicht unpolitisch

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Das Corona-Virus ist auch bei uns in Deutschland angekommen und wir können die Augen nicht mehr vor der Krise verschließen. Die Gefahr für das Leben tausender Menschen dürfen wir nicht weiter unterschätzen und kleinreden. Der Rassismus gegenüber asiatisch aussehenden Menschen, das Wegsetzen in der Bahn von migrantischen Menschen haben offensichtlich nicht geholfen, die Ausbreitung des Virus zu verhindern. Also muss sich vielleicht doch ein anderer Umgang mit der Krise überlegt werden. Einer, der auf Solidarität statt auf Egoismus setzt, damit nicht nur unsere eigenen Omas, sondern alle Omas die Chance haben, noch einmal die Sommersonne zu genießen.

Der Virus ist nicht nur eine Krankheitsfrage. Die Betroffenen der Corona-Krise sind nicht nur die Menschen, die krank werden oder in der Risikogruppe sind. Betroffen sind all die Menschen mit unsicheren Jobs in Bars, Kneipen, auf Events, etc. – die jetzt plötzlich völlig ohne Einkommen dastehen. Denn während die Geschäfte vielleicht schließen, werden unsere völlig überhöhten Mieten weiter eingetrieben und unser Essen weiter Geld kosten.  Betroffen sind die Arbeiter*innen, die weiter zur Arbeit geschickt werden, während die Kitas ihrer Kinder geschlossen sind. All die, die kein Geld für den Supermarkt haben, aber deren Tafel aus Sicherheitsgründen geschlossen wurde.

Die Menschen, die mit etlichen anderen auf engstem Raum in Geflüchtetenheimen zusammengepfercht sind und gleichzeitig eine extrem schlechte Gesundheitsversorgung haben. Dem Virus mag es egal sein, ob er die Körper von Männern, Frauen, LGBTI*, Arbeiter*innen, Hartz-IV-Empfänger*innen oder Millionären, Schwarzen und People of Colour oder Weißen angreift. Aber die Probleme, die Unterdrückung und Ausbeutung, die wir erfahren, werden durch den Virus nicht verschwinden, sondern noch stärker. Wer kann sich jetzt schützen, wer kann sich die beste Versorgung und das gesündeste Essen leisten, um wen wird sich am meisten gekümmert  und wer hat das Privileg, mit viel Platz im Einfamilienhaus zu sitzen, wer muss täglich mit hunderten anderen Menschen im Aufzug zur Wohnung fahren oder ist direkt mit etlichen anderen in einem Heimzimmer zusammengepfercht? – das sind einige der Fragen, die sich jetzt stellen und stellen werden. Die Widersprüche zwischen den Klassen, zwischen Unterdrückten und Unterdrückern, werden sich auf jeden Fall verschärfen. Deshalb ist diese Zeit keine unpolitische Zeit, sondern eine Zeit der Klassenkämpfe: für gute und gleiche Versorgung, gegen unhygienische und unzumutbare Lebensbedingungen, für ein sicheres Einkommen für alle. 

Die Wirtschaftskrise wird nicht bloß vom Virus kommen

Die Corona-Krise trifft die deutsche Wirtschaft, genau wie auch die gesamte Weltwirtschaft, hart. Die Weltwirtschaft hatte sich in vielen Teilen nie von dem letzten großen Crash 2008 erholt. Besonders im letzten Jahr haben sich auch hier in Deutschland mit vielen Entlassungen und wenig Profiten die Anzeichen für den Beginn einer neuen Krise schon sichtbar gemacht. Die Maßnahmen, die jetzt gegen Corona ergriffen werden müssen, um die völlig unkontrollierte Ausbreitung und den völligen Kollaps unseres Gesundheitssystems zu verhindern, treffen die Wirtschaft auf jeden Fall hart und beschleunigen und vertiefen die Krisenentwicklung. Wir dürfen aber nicht darauf hereinfallen, wenn die mögliche Wirtschaftskrise als “Naturkatastrophe” und als “völlig unabhängig vom Kapitalismus” dargestellt wird. Eine Überproduktionskrise hat sich auch vor Corona schon angebahnt und würde auch ohne die Pandemie früher oder später eintreten. Das Einbrechen globaler Produktionsketten, die Unsicherheit der weiteren wirtschaftlichen Entwicklungen haben aber natürlich auf einen Schlag die nächste Krise extrem näher kommen lassen. 

Die Welt dreht sich weiter

Nächste Woche, am 19. März, ist das Massaker von Hanau einen Monat her. Kein Mensch redet gerade mehr über die Unklarheiten in den Ermittlungen dazu, über die Organisierung der Faschisten, über die faschistischen Zellen bei den Bullen, u.s.w. Die geflüchteten Menschen auf den griechischen Inseln sind immer noch unter menschenunwürdigen Bedingungen eingesperrt und wenn die Krankheit bei ihnen ankommen sollte, wird das einem Massaker gleichen. All diese Dinge dürfen wir nicht vergessen. Wenn wir uns jetzt nur noch zuhause einsperren und abwarten, dann werden wir diesen Kampf verlieren. Dann werden wir uns nicht wundern müssen, wenn in ein paar Wochen unsere Omas mit gesetzlicher Versicherung und Mini-Rente keinen Platz im Krankenhaus mehr bekommen.

Solidarität ist unsere Waffe

Im Kampf gegen die Folgen des Virus wie auch gegen die Kapitalisten ist Solidarität unsere Waffe. Das mag strange klingen, ist aber letztlich so. Wir müssen jetzt untereinander solidarisch sein, damit niemand sich beim Einkaufen in Lebensgefahr bringen muss; damit kein Kleinkind ohne Betreuung bleibt; damit kein Mensch ohne Kohle hungert, weil die Tafel zu ist und damit kein Mensch völlig vergessen wird und vereinsamt. Konkret bedeutet das:    Hygiene ist keine persönliche Frage, sondern eine Frage von Solidarität gegenüber allen Menschen um uns herum und eine Grundvoraussetzung, um unsere politische und soziale Arbeit irgendwie weiterführen zu können.   

Wir müssen sofort die Nachbarschaftsnetzwerke in unseren Vierteln stärken und mit helfen, sie gezielt aufzubauen, sodass nichts und niemensch vergessen wird. Dafür gibt es Telegramgruppen, Kontaktflyer, die in den Hauseingängen aufgehängt werden können, etc.    
Wir müssen trotz aller Einschränkungen solidarisch sein mit den Menschen, die nicht direkt neben uns sind. Die Kämpfe um die Lebenssituation der Geflüchteten sind gerade jetzt unglaublich wichtig und müssen weiter geführt und unterstützt werden.    
Wir müssen die Folgen des Kapitalismus auf unsere Gesundheitsversorgung, das Krisenmanagement des Staates usw. gerade jetzt aufdecken, ankreiden und für Gerechtigkeit für all die Menschen, die jetzt Angst um ihr Leben und ihre Existenz haben müssen, kämpfen.  

Schwere Zeiten erfordern Kreativität

Es ist klar, dass wir jetzt erstmal keine Solikonzerte, keine großen Veranstaltungen und Treffen und auch nicht unbedingt Demos machen sollten, wenn wir solidarisch sein wollen. Trotzdem dürfen wir nicht vergessen, dass unsere politische Arbeit kein Hobby ist und es nicht um etwas geht, das gerade so für ein paar Wochen ausgesetzt werden könnte, während auf Lesbos jeden Tag Menschen in Lebensgefahr sind, etc. Was es jetzt braucht, ist Kreativität: Wie können wir unsere Inhalte und Proteste online ausdrücken? Wie können wir diese Zeit auch gerade für (Online-)Bildungen nutzen? Wie können wir der Vereinzelung entgegenkommen? Indem wir uns vielleicht im Park vor den Wohnhäusern hinsetzen und etwas Musik machen für die Menschen? Indem wir im Freien und ohne zu große Menschenansammlungen Essensverteilungen organisieren? Die Reden der abgesagten Kundgebung überall in Tonaufnahmen aus den Fenstern schallen lassen? Wir müssen Kreativität zeigen, aber wir werden eins klarstellen: unsere Kämpfe gehen weiter. Weder werden wir irgendwen im Stich lassen, noch werden wir uns oder anderen die Rechte nehmen lassen. Solange wir ausgebeutet werden, werden wir Widerstand leisten.

Die aktuelle Krise stellt uns vor viele Herausforderungen. Lasst sie zu einer Zeit werden, auf die wir einmal zurückblicken und sagen können: Wir haben aus der Krise eine revolutionäre Möglichkeit gemacht.