Befreiungsbewegungen im Kampf gegen die Pandemie

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In den Bergen und Dschungeln Kolumbiens, In den Regenwäldern auf den Inseln der Philippinen, in der großen Naturvielfalt Chiapas , dort wo Menschen revolutionäre Strukturen von unten aufbauen, weil der Staat ihnen keine Wahl lässt, dort wo die Guerilla herrscht, auch dort kann die Covid-19 Pandemie sich ausbreiten. Die neoliberale Regierung in solchen Ländern wo ein revolutionärer Kampf tobt hat weder die Kapazitäten noch den Willen die gesamte Bevölkerung vor der Pandemie zu schützen. Wie aber gehen revolutionäre Organisationen gegen eine globale Pandemie vor?

In den Bergen und Dschungeln Kolumbiens: ELN schafft Gegenmacht

Nach Angaben des Cundinamarca Superior Tribunal gab die Regierung von Präsident Ivan Duque nicht mehr als 36% der vor dem Notfall versprochenen Hilfe ab und ließ mehr als 80% der indigenen und afro-kolumbianischen Communities ohne medizinische Versorgung zurück. Während sich die Oligarchen der kolumbianischen Regierung gegenseitig für ihr Versagen die Schuld zuschieben, leisten revolutionäre kolumbianische Organisationen humanitäre Hilfe, die für viele der verarmten ländlichen Bevölkerung lebenswichtig ist. Die Ejército de Liberación Nacional (ELN, deutsch Nationale Befreiungsarmee) ist eine kommunistische politisch-militärische Organisation in Kolumbien, welche unter Einfluss der Theorien von Gramsci das Konzept der Volksmacht entwickelte. Konkret bedeutet das; die ELN baut Gegenstrukturen auf und füllt Machtvakuen der Regierung. In Guerilla-Gebieten gibt es ein eigenes Verwaltungssystem und die Kommunist*innen unterstützen Selbstverwaltungsstrukturen in Gemeinden, Indigenen Communities, etc. Ende Mai veröffentlichte die ELN ein Video in welchem zu sehen ist, wie uniformierte Guerilleros und Guerilleras der gestión humanitaria ELN ( Humanitäre Verwaltung ELN ) Säckeweise Nahrung an die ländliche Bevölkerung abgeben und sie über das Virus aufklären. Gezeigt wird wie ELN Mitglieder die Menschen über das COVID-19 Virus unterrichten und erklären wie sie sich gegen das Virus schützen können. Und eins ist sicher: In Bezug auf das Tragen von Masken sind die ELN praktisch Pioniere.

Auf den philippinischen Inseln: Kommunist*innen starten Kampagne gegen Covid-19

Das Zentralkomitee der Kommunistischen Partei der Philippinen (CPP) mobilisierte ihren bewaffneten Arm (NPA) zusammen mit revolutionären Massenorganisationen für eine Kampagne um die Ausbreitung von Covid-19 zu verhindern. Die NPA verfügt über medizinische Einheiten, welche beauftragt wurden, die kommunale und individuelle Hygiene, der sich in den Guerilla-Gebieten befinden Menschen zu stärken, sich um Infizierte zu kümmern und älteren und schwangeren Frauen besondere Aufmerksamkeit zu widmen. Sie führten Kontrolluntersuchungen durch und verteilten pflanzliche Arzneimittel gegen Fieber, Husten und Erkältungen. Darüber hinaus wies die KPP ihre Mitglieder in den Städten an, ähnliche Massenkampagnen durchzuführen und gleichzeitig die Nachfrage nach Massentests und anderen Maßnahmen im Bereich der öffentlichen Gesundheit zu erhöhen.

Chiapas; Mexico. EZLN und Corona

Die Zapatistische Armee der nationalen Befreiung (Ejército Zapatista de Liberación Nacional) hat in ihren Dörfern und Gemeinden die Alarmstufe Rot ausgerufen. In einem Kommuniqué erklärte ein stellvertretende EZLN-Kommandant, Grund für die gesundheitlichen Maßnahmen in den Zapatistischen Gebieten seien der leichtfertige Umgang der mexikanischen Regierung mit der Pandemie. Statt die gebotenen Maßnahmen zu ergreifen, um die Gefahr abzuwenden, werde ein humanitäres Problem für gegenseitige Schuldzuweisungen instrumentalisiert. Die EZLN betonte die übrigen Kämpfe nicht zu vernachlässigen und formulierten folgende Beschlüsse:

  • 1. Den Alerta Roja, die Alarmstufe Rot, in unseren Pueblos, Comunidades und Barrios – unseren Gemeinschaften – und in allen zapatistischen Organisierungsinstanzen zu erlassen.
  • 2.  Den Räten der guten Regierung und den Räten der Autonomen, rebellischen zapatistischen Landkreise, die sofortige komplette Schließung aller Caracoles und Zentren des Widerstands und der Rebellion zu empfehlen.
  • 3.  Den (zapatistischen) Unterstützungsbasen und jeglicher (zapatistischer) Organisierungsstruktur zu empfehlen, einer Reihe außerordentlicher Hygiene-Empfehlungen und -Maßnahmen zu folgen, die ihnen in den zapatistischen Pueblos, Comunidades, Barrios übermittelt werden.
  • 4.  Angesichts der Abwesenheit der schlechten Regierungen: Alle – Frauen, Männer und Andere – in Mexiko und der Welt zu mahnen, die notwendigen Gesundheitsmaßnahmen zu ergreifen, auf wissenschaftlichen Grundlagen, die es Euch erlauben, diese Pandemie zu überstehen – und zwar lebend.
  • 5.  Wir rufen dazu auf, den Kampf gegen die Gewalt der Feminizide nicht aufzugeben, den Kampf in Verteidigung von Land und Madre Tierra fortzuführen, den Kampf für die Verschwunden gemachten, ermordeten und Eingeknasteten aufrechtzuerhalten – und die Fahne des Kampfs für die Menschheit hochzuhalten.
  • 6.  Wir rufen dazu auf, nicht den menschlichen Kontakt zu verlieren, sondern zeitweise die Formen zu ändern, um uns wissen zu lassen, wir sind uns Compañeras, Compañeros, Compañeroas und Schwestern, Brüder, Schwestern-Brüder.

In einer kapitalistischen Gesellschaft funktionieren privatisierte Institutionen nicht nach einem rationalen Plan, welcher für alle Menschen einer Gesellschaft funktioniert, sondern diese privatisierten Institutionen folgen den Gesetzen der Marktwirtschaft und des Wettbewerbs; Sie arbeiten, um Profite für Kapitalisten zu generieren. Auch ein privatisiertes Gesundheitswesen handelt nach diesen Gesetzen. Wie oft hörte man etwa Skandale aus der Pharmaindustrie? Auf lebenswichtige Medikamente werden Patente angelegt, Forschungen zu Krankheiten gestoppt, weil diese sich nicht als profitabel genug erweisen etc. etc. etc. Die Covid-19-Pandemie zeigt nicht nur die Notwendigkeit, das öffentliche Gesundheitssystem zu stärken, sondern auch die Notwendigkeit, einen echten demokratischen Staat zu schaffen, der die Interessen und das Wohlergehen der Menschen wirklich priorisiert und berücksichtigt. Der Kapitalismus hat diesen unsichtbaren und tödlichen Feind nicht direkt hervorgerufen – er ist aber der größte Feind in unserem Kampf gegen ihn.

Diese Gefängnisse sind Todeslager!

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Gefängnisproteste in Lateinamerika

Während ein großer Teil der Bevölkerung der Welt solidarisch gegen die Pandemie kämpft, während Befreiungsbewegungen humanitäre Hilfe leisten, während fortschrittliche Staaten wie Kuba internationalistische Hilfsarbeit leisten, instrumentalisieren reaktionäre Staaten das Covid-19 Virus und verwandeln Gefängnisse in Todeslager. In Ländern, in denen aktuell ein revolutionärer Kampf stattfindet, lässt sich beobachten, wie der Staat Mörder, Vergewaltiger usw. unter dem Vorwand der Pandemiebekämpfung auf freien Fuß lässt, während politische Gefangene bewusst eingesperrt bleiben. An Beispielen wie der Türkei und Kolumbien wird deutlich, wie unmenschlich die herrschende Kapitalistenklasse das Virus dafür einsetzt, um revolutionäre Menschen systematisch zu infizieren. Covid-19 innerhalb der Gefängnisbevölkerung zu verbreiten ist ein Todesurteil für die Inhaftierten.

Seit Beginn der weltweiten Krise aufgrund des Coronavirus empfehlen die Vereinten Nationen: “Die Behörden sollten Personen, die besonders anfällig für Covid-19 sind, freilassen. Mehr denn je sollten die Regierungen jetzt zudem alle Gefangenen freilassen, die ohne ausreichende Rechtsgrundlagen inhaftiert sind, einschließlich politischer Gefangener und Personen, die wegen der Äußerung kritischer Ideen oder abweichender Meinungen inhaftiert sind.”

Beispiel Türkei:

Das türkische Justizministerium war gezwungen, etwa 120 Corona-Fälle unter den Gefangenen bekanntzugeben, diese Zahl muss aber weit untertrieben sein! Die Zellen in den türkischen Gefängnissen sind vollkommen überbelegt und den Gefangenen werden nicht einmal die Mittel für die einfachsten hygienischen Vorkehrungen gegen das Coronavirus zur Verfügung gestellt. Hygienemaßnahmen und die Möglichkeit, einen Mindestabstand voneinander zu halten, ist in türkischen Knästen nicht gegeben. Es besteht ein großes Infektionsrisiko in den Gefängnissen. Bei 30 bis 40 Gefangenen in einer Zelle ist garantiert, dass sich die Infektion nicht vermeiden lässt. Ist eine Person infiziert, ist es schon sehr bald die ganze Zelle.

Angesichts der Corona-Pandemie will die Türkei bis zu 90.000 der insgesamt 300.000 Strafgefangenen entlassen: Mörder, Vergewaltiger, Mafiabosse, Drogendealer dürfen gehen, Revolutionärinnen und Oppositionelle bleiben in Haft. Oppositionelle und revolutionäre Gefangene werden praktisch und ganz bewusst dem Tode überlassen. Und nein, es bleiben nicht generell alle politischen Gefangenen in Haft. Personen wie Ugur Kilic, ein führendes Mitglied der rechtsextremen Organisation der «Grauen Wölfe», werden frei gelassen. Ein Militärgericht beschuldigte diesen Mann des Mords an mindestens 41 linken Aktivistinnen. Während Feministinnen zusammen mit dem Virus eingesperrt bleiben, werden Frauenmörder und Vergewaltiger entlassen, während Revolutionärinnen zusammen mit dem Virus eingesperrt bleiben, werden Faschisten entlassen.

Warum handelt der faschistische türkische Staat so?
Zum einen werden damit die Gefängnisse in Todeslager für Revolutionärinnen und Oppositionelle, zum anderen braucht der faschistische türkische Staat die Unterstützung der eigentlich inhaftierten türkischen Nationalisten, denn die werden vom Staat traditionell als Lakaien auf der Straße im Kampf gegen Revolutionärinnen benutzt. Der türkische Präsident Erdogan hängt von dem Support der Rechtsnationalisten mehr denn je ab. Diese Abhängigkeit spiegelt sich auch in der Umsetzung des neuen Amnestiegesetzes wider: Obwohl das Gesetz ausdrücklich die Freilassung von Gefangenen verbietet, welche wegen vorsätzlichen Mordes, Gewalt gegen Frauen, Sexualstraftaten und Drogendelikten einsitzen, werden genau diese einfach entlassen.
Der Kapitalismus, auch der türkische Status Quo, befinden sich in einer existenziellen Krise. Der türkische Staat hat weder die Möglichkeit noch die Kapazitäten die Pandemie und die darauffolgende Wirtschaftskrise zu bewältigen. Vor unserem Auge laufen zurzeit die Vorbereitung für kommende Kämpfe.

Beispiel Kolumbien:

In Kolumbien leben 124.188 Personen in Gefangenschaft.
Das Gefängnis Villavicencio ist ausgelegt für 1.000 Insassen, aktuell befinden sich rund 2.000 inhaftierte in diesem Gefängnis. Aktuell konnte bei mindestens 709 Inhaftierten das Virus nachgewiesen werden. Die Überfüllung der Gefängnisse ist auch der immensen Anzahl an politischen Gefangenen zuzuschreiben.

Politische Gefangene, also Personen, die aufgrund ihrer politischen Einstellung und Taten, wegen politischer Delikte oder der Mitgliedschaft in revolutionären, vom Staat kriminalisierten Organisationen in Haft sind, machen einen großen Teil der Gefängnisbevölkerung aus. In Kolumbien sind das vor allem viele Guerillamitglieder – nicht nur die der FARC-EP und der ELN, sondern auch kleinerer Gruppen. Der Knast ist Bestandteil einer massenhaft angewandten Unterdrückungsstrategie, mit der auch politische und soziale Bewegungen terrorisiert werden.

Seit 1998 bestätigt das Verfassungsgericht Kolumbiens mit seinem Urteil T-153/98, dass “im Gefängnis- und Strafvollzugssystem ein verfassungswidriger Zustand herrscht”.
In Kolumbien gibt es 134 Strafanstalten, die aktuellen Inhaftierten überschreiten die eigentlichen Kapazitäten um 50%. Mindestabstand? Unmöglich. Hygiene?
Den Inhaftierten steht dreimal im Jahr ein Stücke Seife zu. Funktionierendes Gesundheitssystem? Es gibt ganze zwei Pflegekräfte pro 9.000 Gefangene.

Diese und andere Mängel machen die Gefängnisbevölkerung extrem anfällig für COVID-19. Am Samstag, 21. März, organisierten die Insassen in verschiedenen Gefängnissen des Landes einen friedlichen Protest mit der Forderung, dass die Regierung Maßnahmen zur Verhinderung der Verbreitung von COVID-19 ergreifen soll, in dem sie grundlegende Anforderungen wie Desinfektionsmittel, Gesichtsmasken, Handschuhe und Entlassungen zur Verfügung stelle. Die Kundgebungen und friedlichen Proteste der kolumbianischen Gefängnisbevölkerung am 21. März führten zu einem tragischen Massaker von 23 Toten und 83 Verwundeten, allesamt Gefangene. Beamte, Wärter und Sicherheitspersonal versuchten die Aufstände unter Einsatz von massiver Gewalt und Gebrauch von Schusswaffen einzudämmen. Dabei kam es zu Massenpanik und Ausbruchversuchen. Hier herrscht Krieg. Dieses Ereignis kann aufgrund des unverhältnismäßigen Einsatzes von Gewalt durch die Streitkräfte gegen Insassen als Massaker eingestuft werden.
Währenddessen ist die kolumbianische Regierung sich dieser Tatsachen bewusst und nutzt sie zynisch aus: Präsident Duque hat letzte Woche ein Papier unterzeichnet, das es Mitgliedern bewaffneter Gruppen, einschließlich der revolutionären Befreiungsbewegung ELN, ermöglicht, sich der Justiz zu ergeben und an einem Reintegrationsprogramm teilnehmen zu dürfen. Warum sollte sich ein ELN-Mitglied der Justiz ergeben, um mitten im Ausbruch des Virus im Gefängnissystem des Landes ins Gefängnis gebracht zu werden? Die Unterzeichnung des Papiers von Duque ist nichts als eine zynische Provokation. Laut Medienberichten hat die Regierung am 14. April den Erlass 546 autorisiert, mit dem rund 4.000 Gefangene entlassen werden sollen. Wir können davon ausgehen, dass bei Inkrafttreten dieses Erlasses neben den legitimen Entlassung von Insassen über 60 Jahre, Schwangeren und Müttern mit Kindern unter drei Jahren, natürlich auch wichtige Narcos (Drogenhändler) und Mitglieder von rechten Paramilitärs entlassen werden, während eine große Anzahl von fortschrittlichen politischen Gefangenen dazu verdammt ist, in den virusverseuchten Zellen ums Überleben zu kämpfen. In der “Demokratie” Kolumbiens herrschen das Militär, die Drogenmafia und paramilitärische Gruppen.

Die Todeslager und wir

Das alles klingt sehr weit weg. Das klingt nach bösen, rückschrittlichen Ländern und nach Geschichten, unter die wir einen traurigen Smiley kommentieren und dann weiterscrollen. Aber so einfach ist die Situation auch nicht.
In den Zeiten der Pandemie ist es wichtig, dass unsere Solidarität nicht an den Haustüren der Nachbarinnen, für die wir einkaufen gehen, aufhört. Die Genossinnen stecken vielleicht in anderen Kämpfen, sind an anderen Orten, aber es sind Genossinnen, die für die selben Ziele kämpfen wie wir. Und während wir hier mit Ausgangsbeschränkungen zu kämpfen haben, sind diese Genossinnen wegen ihres Widerstands eingesperrt in Gefängnissen, die Todeslagern gleichen.
Es ist die alte Leier: wenn wir zum Beispiel in die Türkei schauen, läuft in Erdogans Palast wenig ohne das deutsche Geld, ohne die deutschen Waffen, ohne die deutsche Diplomatie. Der Überlebenskampf der Genossinnen in den Gefängnissen sollte uns daran erinnern, dass Internationalismus gerade in den Zeiten von Pandemie und Wirtschaftskrise umso wichtiger ist und nicht einfach vergessen werden sollte, weil es gerade ein bisschen schwieriger wird. Die Kämpfe der Genossinnen sollten uns auch eine Erinnerung sein: wie viele Risiken sind die Genossinnen eingegangen, die am 1. Mai auf den verbotenen Taksim-Platz gestürmt sind, wissend, dass dieser Widerstand sie in die verseuchten Todeslager bringen kann! Die kämpfenden Genossinnen in der Türkei und in Kolumbien wie an so vielen anderen Orten in der Welt sollten uns ein Vorbild und ein Maßstab sein – nicht die Propaganda der kapitalistischen Staaten, die die Arbeiterinnen jeden Tag zur Arbeit schicken, aber uns erzählen, dass Protest zu gefährlich sei. Letztlich ist Solidarität auch hier etwas sehr praktisches: neben den Aktionen, die wir hier organisieren, heißt es in so einer Zeit, Briefe zu schreiben und im Portemmonaie zu kramen. Es stimmt, viele haben gerade finanzielle Probleme, keinen Job mehr, vielleicht auch Kurzarbeit, etc. – aber die Situation der Genossinnen ist nicht nur kritisch, sie ist katastrophal. Während wir ein Problem haben, uns draußen nen Döner zu kaufen, haben die Genoss*innen keine Seife mit Dutzenden Leuten in der selben Zelle. Und jeder Euro ist etliche Lira, Pesos, etc. wert.

Diese Woche ist Aktionswoche von ICAD (International Commitee Against Disappearances) gegen das Verschwindenlassen im Gewahrsam. Nutzt diese Woche, um Solidarität wieder praktisch zu machen!

Zu unserer Solidarität mit Befreiungs-Bewegungen

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Kämpfer des Internationalen Freiheits-Bataillon

Die internationale Solidarität für die wir arbeiten basiert nicht auf Romantisierung oder bürgerlichem Helfertum, sondern auf dem Bewusstsein, dass die Befreiung des Proletariats in den ausgebeuteten Ländern eine Bedingung für die Zerstörung des global verstrickten imperialistischen Systems und die nachhaltige Einführung des Sozialismus auch in imperialistischen Zentren ist. Solidarität bedeutet nicht allein Kundgebungen zu halten, nicht nur YPG Parolen auf Demos zu rufen etc. Solch eine Solidarität hat auch seine Richtigkeit, doch hat am Ende für die wirklich betroffenen nur minimalen Nutzen. Solidarität muss etwas greifbares sein, etwas materielles. Solidarität muss man in der Hand halten können.

Es gibt zwei Hauptargumente für die Solidarisierung mit Befreiungsbewegungen:

(I) Wenn wir den Sozialismus in der westlichen kapitalistischen Welt verwirklichen wollen, dann ist es unsere höchste Pflicht, unterdrückte Nationen und Völker in ihrem Kampf gegen den westlichen Kapitalismus, also den gemeinsamen Feind, zu unterstützen.

(II) Viele von uns kommen aus Gebieten, die unter Neokolonialismus leiden, viele von uns haben eine persönliche Beziehung zu dem Krieg, in welchem sich das westliche Kapital mit den unterdrückten Massen der Welt befindet. Unsere Familien wurden gezwungen ihre Heimat zu verlassen und leben nun in einem Land, dessen Regierung mitverantwortlich für diese Vertreibung ist. Unsere Familie, Freunde und Genoss*innen wurden für Profit vertrieben oder mussten sogar sterben. Für die Solidarität mit Befreiungsbewegungen, die gegen ein solches Unrecht kämpfen, müssen wir uns nicht rechtfertigen, doch für diejenigen für die solche Konflikte fremd sind versuchen wir es trotzdem.

Mit deutschen Gewehren und Pistolen schießt die türkische Regierung gegen Aktivist*innen und Zivilist*innen in der Türkei und Kurdistan. Mit deutschen Panzerfäusten schießt die IDF in Palästina gegen Aktivist*innen und Zivilist*innen. Das deutsche G3 Gewehr ist bis heute Standardwaffe der iranischen Armee im Einsatz gegen Befreiungsbewegungen. Philippinen, Kolumbien, Saudi-Arabien – Kapital und Waffen aus der BRD beteiligen sich aktiv an antikommunistischen Kriegen und sind mitverantwortlich für Verbrechen gegen die Menschlichkeit.

Wir müssen analysieren, welche Widersprüche am stärksten sind, damit sich unsere Bemühungen auf die Bereiche konzentrieren, die für den Kampf für den Sozialismus am vorteilhaftesten sind. Der größte Widerspruch, der die Proletarier weltweit in Ketten hält, ist der Imperialismus. So analysierten es die großen marxistischen Denker. Unter anderem Lenin, Che Guevara, Ho Chi Minh. Internationale Solidaritätsarbeit darf nicht als nur ein weiteres politisches Thema verstanden werden, zu dem politisch gearbeitet werden kann. Internationale Solidarität bzw. Internationalismus ist heute eine absolute Notwendigkeit. Die Lebensbedingungen in Ländern des globalen Südens aber auch die Unterdrückung von Befreiungsbewegungen kann nicht getrennt von der Politik der kapitalistischen Zentren und ihrer Interessen betrachtet werden. Jede Schwächung der neokolonialen Ausbeutung, jede Schwächung des neokolonialen Einflusses auf die Menschen in Asien, Afrika und Lateinamerika bedeutet eine Schwächung des Imperialismus und ist Teil des globalen und lokalen Klassenkampfs, auch in imperialistischen Ländern. An einem Beispiel verdeutlicht: Kämpfen Befreiungsbewegungen in Kolumbien gegen deutsche Kapitalanlagen, kämpfen Kleinbauern gegen die (oft bewaffnete) Privatisierung von Ländereien, trifft dies Kapitalist*innen die in Deutschland sitzen und Kapital in deutschen Banken. Wenn wir für die sozialistische Revolution in unserem eigenen Land arbeiten wollen, ist es eine strategische Notwendigkeit, auf der Basis dieses Bewusstseins das Kapital international zu bekämpfen und die Jugend, die Arbeiterklasse und fortschrittlichen Menschen auf das Ergebnis des Kampfes zwischen den Aspekten dieses Widerspruchs vorzubereiten – den Kampf gegen den Neokolonialismus, gegen den heutigen Imperialismus, zu unterstützen.

Solidarität muss einen physischen Charakter haben

Am Anfang des Textes wurde gesagt „Solidarität muss man in der Hand halten können.“ In vielen Teilen der deutschen Linken ist „Solidarität mit Befreiungsbewegungen“ zwar existent, jedoch noch sehr beschränkt. Wenn wir internationalistische Arbeit als strategische Notwendigkeit bewerten, dann darf Solidaritätsarbeit nicht bei Bekenntnisschreiben oder der passiven Teilnahme an Demonstrationen enden. Es gibt viele Möglichkeiten wie Kommunist*innen und Aktivist*innen in imperialistischen Zentren, die Befreiungsbewegungen in den von Imperialismus dominierten Ländern unterstützen können. Diese Möglichkeiten können sehr stark variieren, doch eins bleibt immer gleich, wenn Solidarität in irgendeiner Weise von Bedeutung sein soll, dann muss sie in erster Linie materiell sein. Ein guter Anfang sind schon Briefe an die politisch-gefangenen Kämpfer- und Aktivist*innen. Solidarität sollte aber da nicht aufhören. Weitere Beispiele dafür sind die CELOX-Kampagne für Guerilla-Kämpfer*innen in Rojava, oder die Internationalistin und die Genossin Ivana Hoffman, die in Rojava für die Verteidigung der Revolution kämpfte und unsterblich wurde. In einer Welt, in welcher mit deutschem Kapital international gegen Befreiungsbewegungen gekämpft wird, dürfen wir den lokalen Kampf gegen den deutschen Staat nicht ignorieren. In einem Interview mit einem Kämpfer des Internationalen Freiheit-Bataillons ( https://young-struggle.org/?p=177 ) fiel folgendes Zitat: “Es gibt viele verschiedene Kämpfe auf der ganzen Welt, die es verdienen, unterstützt zu werden, aber wenn die Leute uns unterstützen wollen, dann sind Kundgebungen nicht genug, es tut mir leid. Im Moment müssen wir Druck auf den faschistischen türkischen Staat ausüben und ihre Wirtschaft beeinflussen. Wir haben keine Wahl, wir müssen bereit sein, Dinge zu machen, die ihrer Wirtschaft echten Schaden zufügen, ihrem Produktionssystem Schaden zufügen und ihrer diplomatischen Vertretung Schaden zufügen. Es ist wichtig, dass die Menschen die Idee akzeptieren, dass wir als Militante in unserer Beziehung zu unserem Feind offensiv sein müssen.” Greifen wir hier beispielsweise deutsche Rüstungskonzerne an ist dies auch eine Form von Solidarität mit materialistischem Charakter. – Lernen wir von den internationalen Klassenkämpfen und handeln dementsprechend. Lernen wir von den ökologischen Aspekten und dem gelebten Internationalismus der Kämpfer des Internationalen Freiheits-Bataillon der Rojava- Revolution. Lernen wir von den unermüdlichen revolutionären Anstrengungen der Freiheitsbewegungen in Kolumbien. Wollen wir das global verstrickte kapitalistische System zerschlagen, müssen wir eurozentristische Gedanken bekämpfen. Der Kapitalismus hat sich globalisiert – organisieren wir also den globalisierten Widerstand!

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Gespendete CELOX-Bandagen in der Hand eines IFB Kämpfers

Gibt es eine Befreiungsbewegung in einem vom Imperialismus dominierten Land, die sich bemüht, der nationalen Befreiungsbewegung eine sozialistische Führung zu geben, welche sich auf den Weg gemacht hat die Unterdrückten zu mobilisieren, um den Imperialismus auf ganzer Linie zu bekämpfen, ist es klar, wen wir unterstützen müssen. Bauen sich von Neokolonialismus betroffene unterdrückte Menschen von unten nach oben eine Befreiungsbewegung mit antikapitalistischer Führung auf, die für die Zerschlagung des Imperialismus kämpft, ist es klar, wen wir unterstützen müssen. – im Interesse der sozialistischen Revolution für die Unterdrückten weltweit und auch im Interesse der sozialistischen Revolution für uns!

„Nichts hält mich mehr hier. Ich kann nicht tatenlos zusehen während meine Schwestern, Brüder, Freunde, Mütter, Väter, Genossen um die Freiheit, um die Unabhängigkeit vom Kapitalismus kämpfen. Ich werde den Internationalismus der Partei vertreten und ein Teil der organisierten bewaffneten Bewegung sein.“ Schrieb die Genossin Ivana Hoffmann in ihren letzten Brief bevor sie sich in die Internationalen Brigaden in Rojava einreihte.

Die Befreiungsbewegungen der unterdrückten und ausgebeuteten werden siegen!

KGÖ Kämpfer: ”Der Revolutionäre Geist Von ’68 Lebt Heute In Rojava!”

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(Artikel aus unserem Archiv von 2019, 30. Mai)

Kämpfer der MLKP/Kommunistische Jugendorganisation (KGÖ) gaben ein Interview über das 50. Jahr der 68er Bewegung gegeben. An den Kriegsfronten in Nordsyrien sprachen sie über den 50-jährigen Prozess der revolutionären Bewegung von 1968 und die konkreten Lehren daraus.

MLKP/KGÖ bekämpfen IS Terroristen an der Front in Raqqa 2017

Ihr grüßt das 50. Jahr der 68er Bewegung aus den befreiten Gebieten, in denen Kriegsvorbereitungen getroffen werden. Womit möchtet ihr beginnen?

Deniz Toraman: Lasst mich zunächst auf einen Punkt aufmerksam machen. Es gibt keine Grenze für das, was über die 68er-Bewegung, welche die universale Geschichte der revolutionären Jugendbewegung markiert, gesagt und geschrieben werden kann und egal, wie viel darüber gesprochen wird, es wird immer noch zu wenig sein. Während die politische und ideologische Wirkung dieser ruhmreichen Bewegung heute mit der gleichen Entschlossenheit besteht, halten die Revolutionär*innen der neuen Generation die revolutionäre Fahne von 1968 hoch. Und es wird unmöglich sein, der revolutionären Aktion, die ständig in Bewegung ist, ein Ende zu bereiten.

Obwohl die bürgerlichen Ideolog*innen die 68er Bewegung als “einen Fehler”, der keine Chance habe sich zu wiederholen, gibt es nur eines dazu zu sagen, der Tod macht nicht vor der Angst halt. Um dies zu verstehen, genügt es, den revolutionären Geist der Universitäten Polytechnic und Sourbonne zu betrachten, die Jugendaktionen, die auf der Straße des europäischen Kontinents die Flammen entfachen, die jungen Genoss*innen von Che, die die Straßen Lateinamerikas mit ihren Molotows erleuchten und außerdem in der Türkei-Kurdistan und der Mittlere Osten, wo wir uns jetzt befinden.

Das ist der Hauptgrund für diese Betonung. Für uns bedeutet das 50. Jahr der 68er Bewegung nicht die Wiederbelebung des Gedächtnisses einer alten Geschichte und es bedeutet auch nicht, mit der Vergangenheit zu leben oder in der Vergangenheit zu leben. Im Gegenteil ist die 68er Jugendbewegung gleichzeitig Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der revolutionären Jugendbewegung. Sie ist ihre Gegenwart, weil sie eine der wichtigsten historischen Stützen ist, die unsere Aktion als junge Revolutionär*innen heute prägen. Und natürlich wird die Zukunft, “eine andere Welt” mit den Worten der 68er Generation, auf dieser Geschichte aufbauen.

Nach dieser Bemerkung ist es sinnvoll, mit dem Slogan zu beginnen, den die 68er-Bewegung gerne verwendet und uns übergeben hat: “Seien wir realistisch, versuchen wir das Unmögliche”. Während dieser Aufruf des Kommandanten Che der ganzen Jugend der Welt die Notwendigkeit aufzeigt, für eine andere Welt zu kämpfen, hat er die Entschlossenheit der Jugend für den Kampf gestärkt.

Der Slogan “Zwei, drei, mehr Vietnam” wurde gewissermaßen zu einer Anleitung und mit der Zeit begann der revolutionäre Freiheitskampf der Jugend militärische Kampfformen anzunehmen.

Wir erinnern uns daran, dass es die 68er Bewegung der Türkei, wie überall auf der Welt einen Slogan hatte, der wie ein „Revolutionsschwur” nach jeder Kundgebung aufgesagt wurde: “Wenn unsere Waffen von Hand zu Hand gereicht werden, wenn sich die Laute der Maschinengewehre Welle für Welle ausbreiten, ist der Tod sehr willkommen.”

So erweitern wir im 50. Jahr 1968 die Vorbereitung auf den revolutionären Krieg mit unseren von Hand zu Hand gereichten Waffen. Wir wissen, dass das “Unmögliche” nur möglich ist, wenn wir den politischen militärischen Krieg, der in allen Bereichen des Lebens gegen die faschistische Diktatur geführt wird, stärken. Es ist eine bekannte Tatsache, dass Deniz und seine Genossen die Straßen und Universitäten mit ihrer revolutionären Aktion füllten, während sie sich gleichzeitig auf die Revolution in Palästina vorbereiteten. Das machen wir heute. Wir können dies sagen, während wir die Freude erleben, unsere revolutionären Aufgaben zu erfüllen, fühlen wir gleichzeitig die Ehre, den Ruf von Deniz, Mahir und Ibrahim nicht unbeantwortet zu lassen.

Wie steht es mit der 68er Bewegung in der Türkei? Was waren ihre markanten Linien?

Taylan Boran: Man muss eine Sache klären. Jeder Teil der revolutionären Bewegung in der Türkei hatte sehr unterschiedliche Ansichten über die 68er Bewegung und den anschließenden revolutionären Sprung von 1971. Um es genauer auszudrücken, wo auch immer sie herkommen, was auch immer sie sehen, sie haben auch die 68er Bewegung entsprechend gesehen und aus ihrer eigenen Perspektive bewertet.

In diesem Sinne ist die Aggression der faschistischen Diktatur und ihrer Handlanger gegen unsere revolutionäre Tradition verständlich und wirklich ehrenhaft für uns. Mahir Çayan, der einer der Anführer des Sprunges von 1971 war, sagte in einem seiner Gedichte: “Mach dir keine Sorgen, mein Freund, erinnere dich daran, was der Meister sagte: ‘so viele Pfeile wie der Feind auf uns wirft, so richtig ist unser Weg.” Deshalb erinnert uns jeder Angriff der Konterrevolution gegen die 68er-Jugendbewegung mehr daran, wie richtig unser Kampf ist. Wir müssen jedoch betonen, dass einige kleinbürgerlichen Intellektuellen, die sich hinter linken Begriffen verstecken und einige Verständnisse innerhalb der Jugendbewegung die revolutionären Vorstöße von 1968 und 1971 absichtlich verzerren.
Der Zweck ist, eine Tradition zu schwächen, die revolutionär und kämpferisch ist. Diese Kreise zielen darauf ab, die jungen Revolutionäre von heute innerhalb der Grenzen der herrschenden Ordnung zu halten und behaupten deshalb, dass die 68er Bewegung eine harmlose, friedliche Oppositionsbewegung mit Forderungen innerhalb des Systems gewesen sei. Natürlich konnten sie ihre Absichten nicht erreichen. Denn die 68er Türkei entwickelte sich von Anfang an mit dem Ansatz, die Grenzen des Systems herauszufordern und mit dem Sprung von 1971 erzielte sie einen soliden Bruch. Während die 68er-Bewegung in Europa oder an verschiedenen anderen Orten gegen Ende der 1970er Jahre zu ruhen begann, wurde sie in der Türkei-Kurdistan militanter und mit dem Aufschwung von 1971 entstand eine neue revolutionären Bewegung. Und um die revolutionären Aufgaben der heutigen Zeit verständlich zu machen, müssen zwei charakteristische Linien dieser Zeit hervorgehoben werden. Erstens beharrte die 68er Bewegung auf dem praktischen-legitimen Kampf. Alle Aktionen dieser Ära rissen Löcher in die Grenzen des Systems, ein militanter Stil, der darum kämpfte, Rechte zu brechen, wurde auf den Straßen ins Leben gerufen, statt nur zu protestieren. Die Jugendbewegung hatte in diesem Sinne die ganze Gesellschaft geführt. Ihre Militanz machte die Aktionen der Arbeiter*innen, Landenteignungen Bauern*Bäuerinnen militanter. Besetzungen, Boykotte, Straßenkämpfe, Widerstand gegen die zivile faschistische Aggression waren in dieser Zeit die hauptsächliche Handlungsweise. Der revolutionären Jugend gelang es, die Jugendbewegung massenhafter und militanter zu organisieren, indem sie sich nicht vor der Unterdrückung und den Verboten der faschistischen Diktatur zurückzog. Diese militante Entschlossenheit prädestinierte auch den Sprung von 1971. Genau von diesem Punkt ausgehend, von Deniz, Mahir und Ibrahim, also vom revolutionären Sprung von 1971, müssen wir den politisch-militärischen Kampf und den revolutionären Krieg erwähnen. Dies ist der markanteste Aspekt der 68er in der Türkei. Beginnend als eine Jugendbewegung brachte der Prozess von 1968 revolutionäre Organisationen, junge revolutionäre Führer*innen und Kämpfer*innen hervor, die darauf abzielten, die politische Macht in kurzer Zeit zu ergreifen. Dieser Sprung war ein gewisser Sieg der revolutionären Jugend gegen verschiedene opportunistische Ansichten und den Reformismus, welche die linke Bewegung beschattet hatten. Sie zeigten, dass der Sieg auf dem Weg zur Revolution nur durch den politisch-militärischen Kampf gewonnen werden konnte und hohe Opfer unvermeidbar waren. Sie sagten, dass die Revolutionär*innen durch ihre Aktionen keine andere Wahl hätten. Und sie hielten an diesen berühmten Worten fest: “Wer nicht für die Revolution kämpft, ist kein Sozialist.” Das Erbe von Deniz, Mahir und Ibrahim war schon immer ein Wegweiser für den Weg der Jugendbewegung.

Glaubt ihr, dass es der Jugendbewegung heute gelingt, das Vermächtnis des Jahres 1971 aufrecht zu erhalten?

Roza Özgür: Meiner Meinung nach ist es nicht möglich, eine vollständige Antwort auf diese Frage zu geben, weil es innerhalb der Jugendbewegung unterschiedliche politische Linien und Organisationsebenen gibt. Und unter diesen Subjekten gibt es ebenso wie diejenigen, die das Erbe und die Waffen der Revolutionäre von 1971 mit einer Ehre beanspruchen, auch diejenigen, die das Revolutionärsein des Jahres 1971 verzerren wollen. Aber abgesehen von dieser Tatsache ist der interessante Punkt hier: Obwohl zwischen den Jugendorganisationen, die den Anspruch auf Revolution und Sozialismus haben, tiefe Unterschiede bestehen, präsentieren sich alle diese Organisationen als die Vertreter von Deniz, Mahir und Ibrahim und versuchen die Jugendmassen auf diesem Weg zu beeinflussen. Was wir jedoch als revolutionär bezeichnen, ist nichts anderes als die Realität selbst. Und deshalb gelingt es niemandem, sich zu verstecken, indem er sich hinter die Revolutionäre der 71er flüchtet. Deshalb setzen die 68er Bewegung und der Sprung von 1971 immer wieder aktuelle Aufgaben auf die Tagesordnung der Jugendbewegung, wie ein durchgehender revolutionärer Handlungsführer. In diesem Punkt sind die Kriterien ziemlich klar. “Das Revolutionärsein bedeutet mit dem Alten zu brechen” bedeutet mit der Ordnung zu brechen, Militanz im praktischen-legitimen Kampf, sowie einen politisch-militärischen Kampf gegen die faschistische Diktatur zu entwickeln. Dies sind die wichtigsten Ansatzpunkte für diejenigen, die den Weg von Deniz gehen wollen.

Wie ist es aus der Sicht der Frauen?

68 war auch der Prozess, der das Bewusstsein der Frauenbefreiung auf die Straße gezogen ist und der Kampf gegen die reaktionäre feudale patriarchalische Macht und all ihre Phänomene angefacht hat. Heute versucht die faschistische Koalition der AKP und MHP Frauen in die Häuser zu sperren und sie in den Schatten von Männern zu ziehen, indem sie sich an die reaktionären faschistischen Traditionen dieser Zeit anlehnt. Als die Schwestern dieser unbekannten Heldinnen der ’68er, kämpfen wir gegen die patriarchale faschistische Herrschaft, vergrößern ihre Träume und erheben das Banner der Frauenbefreiung. Nur ein Blick auf die Straßen oder Schulen und Universitäten würde reichen, um die bestehende Realität zu sehen: Diejenigen, die gegen die Angriffe der politisch-islamischen faschistischen Diktatur den Rückzug von der Straße empfehlen, diejenigen, die die Universitäten ohne Kampf verlassen haben, diejenigen, die ihre existentielle Sache aufgegeben haben, um einfach nicht verhaftet zu werden, oder lasst es mich deutlicher sagen: können diejenigen, die sich tot stellen, fähig sein das Erbe der Revolutionäre der 68er aufrecht zu erhalten? Aber es gibt junge Frauen und Männer, Kommunist*innen und Revolutionär*innen, die mit Ehre kämpfen, um diese revolutionäre Tradition nicht zu verunglimpfen, die das revolutionäre Banner der 68er auf den Straßen, auf den Barrikaden, wehen lassen. Als die revolutionäre Jugendbewegung mit einer Massenmilitanz von den Universitäten auf die Straße sprang, versuchte der faschistische Staat die Bewegung durch das Massaker von Kanlı Pazar (Blutiger Sonntag) aufzuhalten. Aber so kam es nicht und das Massaker griff eher die faschistische Diktatur an, als die revolutionäre Jugend. Obwohl Verhöre und Strafen, Verhaftungen, Angriffen auf Studentenwohnheime oder sogar einzelne Morde ausgeführt wurden, sind sie alle gescheitert. Die Jugend, die ihre Massen und Militanz erweiterte, schuf den Prozess für den revolutionären Sprung von 1971 mit ihrer eigenen Aktion. Es stimmt, dass der Verlauf der heutigen Jugendbewegung wirklich daran erinnert, was 1968 passierte. Der junge kommunistische Wille, der das Suruç-Massaker mit revolutionärem Mut beantwortet hatte, überließ die Straße und Schulen nicht dem Diktator, trotz zahlreicher Verhaftungen, Operationen und aller Arten von Liquidationsangriffen. Die jungen Kommunist*innen wollen nicht nur ihren praktischen-legitimen Kampf mit einem militanten Kampf fortsetzen, sondern auch den einheitlichen Kampf ausweiten, so wie die 68er Jugendbewegung. Und in diesem Sinne übernimmt es die Rolle einer Avantgarde. Und wie Deniz, Mahir und Ibrahim und wie es ihre Genossinnen Kutsiye Bozoklar und Meral Yakar taten, setzen die jungen Kommunist*innen ihre Vorbereitungen fort, um den politischen- militärischen Kampf für den Sieg der Revolution zu führen und ihren Marsch durch Kämpfe an den Schützengräben fortzusetzen, auf diesem Weg zu fallen. Kein Zweifel daran, dass die revolutionäre Fahne der 71er Revolutionäre in sicheren Händen ist, in den Händen der jungen Kommunistinnen und Kommunisten. Sie werden an allen Fronten der Revolution Fahne zeigen.

Was sind die gegenwärtigen Aufgaben der Jugendbewegung?

Destan Güneş: Die revolutionäre Jugendbewegung steht vor einer historischen Pflicht wie im Jahr 1968. Eine grundlegende Tagesordnung und Aufgabe der Jugendbewegung ist es die Avantgarde der revolutionären demokratischen Bewegung gegen die politisch-islamische Diktatur des Palasts zu sein und ein Eisbrecher für die Bewegung zu werden, um ihr den Weg zu ebnen.

Die Jugend muss sich selbst in den Vordergrund aller Kämpfe stellen, um den Diktator zurückzuschlagen, sie zu besiegen und die Völker zum Sieg zu führen. Sie muss die Straßen mit ihrer Lebendigkeit und Militanz füllen. Dies sind fast die Routineaufgaben aller Jugendlichen, die einen revolutionären Anspruch haben. Die aufrichtigen revolutionären Kämpfer der heutigen Jugendbewegung, die Aufgaben und Verantwortungen übernehmen, würden alle schätzen, dass es nicht ausreicht, Politik in alten Formen mit denselben Gewohnheiten zu machen. Wir müssen die Wirklichkeit auf eine reale Weise beschreiben. Was wir durchmachen, ist ein neuer Prozess und dieser neue Prozess ist nichts anderes als der Vernichtungskrieg der politisch-islamischen faschistischen Diktatur zur Unterdrückung der revolutionären Jugendbewegung. Wenn Sie keine liberalen Gedanken haben, sondern an Ihren revolutionären Ansprüchen festhalten, dann sind sie sich gleichzeitig bewusst, dass es keine andere Wahl gibt, als den revolutionären Kampf gegen diesen Vernichtungskrieg zu führen. Während die faschistische Koalition der AKP-MHP nicht nur den Revolutionär*innen und Kommunist*innen, sondern auch den durchschnittlichen Demokraten oder derer, die einen säkularen Lebensstil annehmen, das Leben zum Gefängnis machen, bauen sie an den Grenzen der Türkei und Nordkurdistan Kilometer von Stacheldrahtmauern auf. Sie sind die Vertreter des IS mit Krawatte und verbreiten ihren Terror in der politischen Arena. Ist es nicht klar, dass es keine andere Wahl oder keinen Weg mehr gibt? Es wäre angebracht, an dieser Stelle Stalin zu zitieren. Als Hitlers faschistische Armee vor Moskau stand, sagte der Oberbefehlshaber der Roten Armee: “Wenn die Faschisten einen Vernichtungskrieg verlangen, dann sollen sie ihn bekommen.” Heute reagiert die kommunistische Jugend auf die Anschläge der politisch-islamischen faschistischen Diktatur, die darauf abzielt, die revolutionäre Bewegung auszurotten und zu liquidieren, mit den gleichen Gefühlen, die an den Moskauer Fronten gelebt wurden. Es wachsen die Vorbereitungen des revolutionären Kampfes und die Kämpfer*innen der revolutionären Jugendbewegung werden aufgerufen entschlossen, in diesen revolutionären Schützengräben zu kämpfen. Dieser Aufruf gehört nicht nur den jungen Kommunist*innen, sondern auch Deniz, Mahir und Ibrahim. Sie fielen nicht zurück nach dem Staatsstreich vom 12. März 1970. Sowohl in den Bergen als auch in den Städten kämpften sie gegen den faschistischen Putsch und wurden diejenigen, die einen viel größeren revolutionären Bruch für die Zukunft besiegelt hatten. Die Aufgabe, die wir jetzt zu erfüllen haben, besteht darin, für den Sieg der vereinten Revolution der Türkei und Kurdistans auf allen Gebieten zu kämpfen. auf den Straßen, auf den Barrikaden und natürlich in den Gräben mit unseren Waffen in der Hand. Wir haben unsere erhabenen jungen Militanten und unsere Träume für ein freies und ehrenwertes Leben, für das wir kämpfen. Abschließend möchten wir in diesem Zusammenhang noch einmal unseren Slogan sagen; “Kein Traum wird aufgegeben!” und rufen die hoffnungsvollen “Traumfolgenden” auf, das Feuer des Kampfes für den Sieg der Revolution zu wecken.

“Unsere Gefallenen sind unsterblich” erklärt

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I. Unsterblichkeit als politisch-gesellschaftlicher Moment

Im Gegensatz zum “Sterben” als physischer und biologischer Zustand beschreibt die “Unsterblichkeit” einen politisches und gesellschaftliches Moment. Jemand, der Existenz lediglich auf “Dasein” und “Nichtsein” reduziert, kann die “Unsterblichkeit als politisch-gesellschaftliches Moment” nicht verstehen.

“Unsterblichkeit” ist keine esoterische Verbundenheit zum “Toten” oder die Parole “sie sind unter uns” beschreibt keine Geister, die sich in unseren Räumen befinden und uns nicht allein lassen.
“Unsterblichkeit” ist Ausdruck des kontinuierlichen Verlaufs der Geschichte der Gesellschaften als Geschichte von Klassenkämpfen. Klassenkämpfe und Revolutionen sind letztendlich Kämpfe zwischen Menschen, die eine Rolle in der Gesellschaft haben ausgehend von ihrer Position in der Produktion. Es sind die Menschen, die Geschichte schreiben, aber die Entwicklung der Geschichte richtet sich nach Gesetzmäßigkeiten, denen der “aktuelle” Mensch unterworfen ist. Der Kommunismus ist nichts anderes als die Befreiung des Menschen von dieser Unterwerfung.

Revolutionär*innen sind Menschen, die sich die Aufgabe setzen, die Zukunft umzusetzen. Sie verstehen die Gesetze und versuchen, einzugreifen, “Frauen* und Herren über die Gesetze zu werden”.
Che entgegnet den “Tod” mit den Worten: “Ich weiß, dass du gekommen bist, um mich zu töten. Schieß, du Feigling, du tötest nur einen Menschen.” Das ist die materielle Grundlage für den gesellschaftlich-politischen Zustand der “Unsterblichkeit”. Der Mensch als “lebender Organismus” kann “getötet” werden, dem Menschen kann das “Leben genommen werden”, aber dann hat der Feind “nur” einen Menschen getötet, die Revolution als gesetzmäßige Entwicklung aber “lebt weiter”.
“Unsterblichkeit” kann sich aber nur realisieren, wenn sie mit den Fragen und Aufgaben der gesellschaftlichen Entwicklung übereinstimmt. Gramsci hatte gesagt, dass die “alte Welt stirbt”. Die Unsterblichkeit der Streiter*innen der “alten Welt” kann nur so weit führen, bis die “alte Welt” lebt. Dies ist der Grund warum der Vorreiter des Sklavenaufstands Spartakus noch heute unsterblich ist, weil der Inhalt seines “Lebens”, der Kampf für ein gerechtes und befreites Leben noch eine Frage der Zukunft ist.

Bouazizi, ein junger Arbeitsloser in Tunesien hat sich angezündet und seit fast zehn Jahren sind die Unterdrückten im Mittleren Osten auf den Straßen. In diesen Tagen sind die Arbeiter*innen und Unterdrückten im Libanon, im Irak und Iran, in Rojava/Nord- und Ostssyrien auf den Straßen und kämpfen gegen Verarmung und politische Freiheiten. Indem sich Bouazizi anzündete “nahm er sich sein Leben”, aber noch heute tragen die Aufstände und jedes Feuer in einem Land in Nordafrika und im Mittleren Osten seinen Namen.

II. “Die Fahne, die nicht fällt” und “Lichter auf unserem Weg”

Letztendlich ist die Voraussetzung für die “Unsterblichkeit” nicht nur der gesellschaftlich-politische Charakter des “gestorbenen” Individuums, sondern inwieweit sich die Unsterblichkeit in der Klasse und Gesellschaft widerspiegelt.
“Die Fahne, die niemals fällt” funktioniert nur mit Menschen, die die Fahnen von den “Gefallenen” übernehmen. Die “Unsterblichkeit” ist ein Ausdruck davon, dass Menschen wissen, dass es Menschen gibt, die die Fahne übernehmen und übergeben.

“Unsterblichkeit” ist nicht nur Ausdruck der Kontinuität des Klassenkampfs, sondern auch eine Mahnung und Erinnerung, wie Geschichte geschrieben wurde und wird. Gefallene sind für Menschen, die sich (Mit-)verantwortlich dafür sehen, Geschichte zu schreiben (Revolutionär*innen), ein politischer Leitfaden, wie Errungenschaften gewonnen und angesammelt wurden und werden. Hinter jede*r gesellschaftlichen Entwicklung, hinter jeder Errungenschaft der Arbeiter*innen, unterdrückten Völker, der Frauen* und der Jugend gibt es “Unsterbliche”.

Für die, die auf dem Weg laufen, die aus dieser Ordnung führt, sind die “Unsterblichen” Lichter. Die “Perfektion”, die wir in den “Gefallenen” erkennen, rührt nicht aus einer “Fehlerfreiheit”, sondern aus der einfachen Realität, dass sie sich – trotz Risiken und Gefahren – nicht der “Einfachheit” ergeben haben, sondern – trotz Fehler und Schwächen – “Adler” geblieben sind. Denn: “Ein Adler kann wohl manchmal tiefer hinabsteigen als ein Huhn, aber nie kann ein Huhn in solche Höhen steigen wie ein Adler.” (Lenin)
Folglich hat die “Unsterblichkeit” jene Voraussetzung unabhängig vom “Unsterblichen”: “Die Fahne fällt nicht”, wenn es Menschen gibt, die die Fahne weitertragen und sie sind “Lichter auf unserem Weg”, wenn Menschen diesen Weg gehen.

III. “Unsterblichkeit” gehört dazu

Ivana Hoffmanns “Unsterblichkeit” war wie ein Schlag ins Gesicht vieler Revolutionär*innen, weil sie und danach noch viele weitere Herzen der Revolution die Frage nach dem Umgang nach “Unsterblichen” wieder in die Mitte der revolutionären und radikalen linken Bewegung getragen hat.
Wie sie in ihrem Brief ausgeführt hatte, war sie sich bewusst in dem, was sie tat. “Ich will ein Teil der Revolution in Rojava sein, ich will mich weiter entwickeln, ich will in diesen 6 Monaten den Kampf, der alle unterdrückten Völker miteinander verbindet, kennenlernen und vor allen Dingen die Revolution in Rojava, wenn es sein muss mit meinem Leben zu verteidigen.” Das “begrenzte” Revolutionärsein mit niedriger Opferbereitschaft ist typisch für die imperialistischen Zentren, in denen die “Revolution weit vorkommt“. “Es gibt noch nicht einmal eine revolutionäre Kampfpartei“, “die Arbeiter*innenklasse ist noch weit im Einfluss der gelben Gewerkschaften un bürgerlichen Parteien“, “Der Kapitalismus und der bürgerliche Staat sind noch zu stark” werden zu Ausreden für “begrenztes” Revolutionärsein. Eigentlich sind diese Feststellungen Gründe, das konforme und “begrenzte” Revolutionärsein zu überwinden. 

Während für Frauen*, Arbeiter*innen und Kinder dieser Welt Tod aus imperialistischer und patriarchaler Hand zum Alltag gehören, muss die revolutionäre Hinterfragung derer, die sich als Repräsentant*innen dieser “Opfer” sehen, noch stärker und dynamischer aussehen.

Die kommunistische Kommandantin Yeliz Erbay schreibt in ihrem Brief “Ein neues Jahr im Wettstreit mit der Unsterblichkeit”, den sie zu ihrem eigenen Geburtstag schreibt: “Dem Tod einen Wert geben… Ich denke, dies ist eine der Qualitäten, die eine*n Kommunist*in von den Gedanken und Praxis der “einfachen” Menschen abhebt. Sich nicht fürchten, wovor “man” sich fürchtet, sich dem nähern, wovon “man” sich entfernen will. […] Dem Tod gerecht werden. Nicht “einfach”, sondern kämpfend und die Fahne unserer Ideale hebend. Es ist so “normal” für Kommunist*innen, die jede Minute ihres Lebens organisieren, auch ihren “Tod” organisieren zu wollen. […] Ich möchte mein Leben als Frau beenden mit einem Tod, den Feind und Freund*in nicht vergessen. Eine Unterschrift, die nicht zu löschen ist. […] Ist der Tod von mir ein zu großes Opfer, während fünf meiner Schwestern auf Grund von Männergewalt jeden Tag in meiner Region sterben? Keineswegs!” Yeliz Erbay hat sich mit ihrer Genossin Şirin Öter nicht ergeben, als ihre Wohnung in Istanbul von türkischen faschistischen Polizisten und Soldaten umzingelt wurden und ist unsterblich geworden, nachdem sie bis zu ihrer letzten Kugeln kämpften. 

Die “Unsterblichkeit” gehört zur “revolutionären Art des Lebens” wie eine Zelle zum Körper. Denn wie Ulrike Meinhoff schon sagte, ist “jedes Herz eine revolutionäre Zelle”. “Man trägt die Revolution nicht auf den Lippen um von ihr zu reden, sondern im Herzen um für sie zu sterben.” (Che Guevara)

Unsere Märtyrer sind unsterblich!
Şehîd namirin!

Das Leben in der Guerilla – Interview mit einem IFB Kämpfer

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Gründungserklärung des IFB Juni 2015 in Sêrekaniyê

Das Internationale Feiheitsbataillon, oft abgekürzt als IFB oder EÖT (türkisches Akronym für Enternasyonalist Özgürlük Taburu), ist eine bewaffnete Einheit welche in Rojava operiert. Gegründet wurde das IFB im Juni 2015 von mehreren kommunistischen türkischen/kurdischen Parteien, insbesondere die Parteien und Organisationen MLKP, BÖG und Tikko spielten bei dem Aufbau des Bataillons eine zentrale Rolle. Die AktivistInnen der MLKP sind stark und zahlreich im IFB vertreten. Sie arbeiten intensiv und beteiligen sich an Basisarbeiten um langfristig an dem Prozess in Rojava mitzuwirken. Das IFB organisiert sich selbst und untersteht mittlerweile nicht mehr dem Kommando der Volksverteidigungseinheiten YPG. Das IFB verfügt über eine eigene militärische Frauenstruktur, die nach unserer im März 2015 gefallenen Genossin Ivana Hoffman benannt ist. Das Bataillon besteht aus einer Vielzahl von linken InternationalistInnen.

KommunistInnen, AnarchistInnen und RevolutionärInnen aus der ganzen Welt sind in dem IFB zusammengekommen, um die Rojava Revolution zu verteidigen und um sie im Kampf gegen die vielen reaktionären Feinde zu unterstützen. Unter anderem kämpfte das IFB in der historischen Offensive auf Raqqa (2016-2017) und gegen die türkische Invasion in Serekaniye (2019). Das Internationale Freiheitsbataillon beweist das ein gemeinsamer links-solidarischer Kampf, auch bewaffnet, möglich ist.  

Wir hatten die Möglichkeit mit einem Internationalisten des IFB ein Interview zu führen. Unser Interview Partner kommt selbst aus ursprünglich aus Frankreich. Er sprach viel über sein tägliches Leben in der Guerilla, über die Zeit während der Invasion und dem Widerstandskampf in Serêkaniyê.

Das Interview ist auch als Podcast verfügbar:

Kannst du dich kurz Vorstellen? 

Also über mich selbst: Ich bin ein französischer Militant, offensichtlich ein revolutionärer Militant. Ich bin ein Antifaschist, ein Antikapitalist. Ich bin so etwas, was wir in Frankreich als autonomen Militanten bezeichnen. Autonom, nicht wie ein einziger Militanter, sondern ein Militanter aus der autonomen Bewegung. Die Autonome Bewegung ist die wichtigste radikale Bewegung in Frankreich. Autonome Bewegung bedeutet nicht, dass wir nicht organisiert sind, wir haben autonome Organisationen, und ich bin in einigen von ihnen. Ich bin Mitglied verschiedener Gruppen in Frankreich und in Italien. Wir machen Dinge und reden nicht nur darüber. Jetzt bin ich 24. Ich habe mit 14 Jahren mit Militantismus angefangen. Aufgrund meines Lebens und meiner Lebensweise auf dem Land war es ziemlich schwierig tatsächliche politische Dinge zu machen. Es war so, man hat viel politisches Wissen gesammelt und versucht, sich mit Menschen zu vernetzen. Als ich 16 bis 18 Jahre alt war, begann ich mit politischen Aktionen und mich organisatorisch zu vernetzen. Mit 17 bis 18 Jahren konnte ich Mitglied einer Organisation in der Stadt werden. Ich bin für meine Universität und mein Studium in die Stadt gezogen. Ich konnte einige Jahre lang radikalen Militantismus betreiben. Kurz nachdem ich 21 geworden war, ging ich nach Rojava. Es war Ende 2016 und ich blieb anderthalb Jahre dort. Zuerst verbrachte ich 5 Wochen in der YPG-Akademie, wo die YPG ideologisch und militaristisch ausbildet und die neuen internationalen Freiwilligen bildet. Danach ging ich zum IFB. Wenn man dem IFB beitreten möchten, muss man einer türkischen Partei angeschlossen sein. Zu dieser Zeit habe ich mich entschieden, der Partei DKP BÖG beizutreten. DKP ist die Partei und BÖG ist im Grunde der bewaffnete Flügel. Ich war Teil der Qalta-Linie in einer Stadt 25 Kilometer nördlich von Raqqa. Dann ging ich bis zum Ende nach Raqqa. Dann ging ich nach Afrin, als die Invasion Anfang 2018 begann. Ich war der erste internationalistische Kämpfer, der dort ankam und in den Frontkrieg zog. Ich blieb bis März 2018 in Afrin. Danach kehrte ich zu unserer Zentrale zurück. Ich blieb dort bis Mai, dann ging ich für 9 Monate nach Europa zurück. Ich habe politische Arbeit geleistet und dank meines Netzwerks und des Netzwerks meiner Freunde in verschiedenen Ländern einige Konferenzen über Rojava abgehalten. Ich bin im März 2019 nach Rojava zurückgekehrt. Ich verbrachte eine Woche in den Bergen. (…) ch wurde jedes Mal mobilisiert, wenn wir uns wegen einer Invasion in einer Alarmsituation befanden. Ich wurde einige Male nach Serekaniye geschickt. Als die Invasion begann, war ich schon da. Ich habe die 12-tägige Schlacht von Serekaniye gekämpft. Dann verließ ich die Stadt mit dem letzten Konvoi. Wir wurden angewiesen, alle die Stadt zu verlassen. Dann kämpfte ich weiter an der Frontlinie von Til Temir. In all diesen Dörfern zwischen Serekaniye und Til Temir kämpfte ich weiter gegen die türkische Armee und diese Dschihadistengruppen, die mit der türkischen Armee zusammenarbeiten, und ich kämpfe immer noch. Seit Januar sind wir in einer ruhigeren Situation. Trotzdem haben wir einige Kämpfe manchmal, aber nicht so oft. Seit Januar bin ich nur auf Standby und bilde die neuen internationalen Freiwilligen aus. Ich bin so etwas wie ein Trainer. Sobald die Front wieder aktiver wird, gehe ich gerne zurück und kämpfe. Einmal im Oktober 2019 wurde ich zum ersten Mal verletzt und im November 2019 zum zweiten Mal. Nach dem zweiten Mal für eine Woche blieb ich zurück und wartete darauf, dass sich meine Verletzungen erholten. Danach ging ich wieder an die Front. Das ist es mehr oder weniger für die Einführung. Ein bisschen lang, tut mir leid.

Bild könnte enthalten: eine oder mehrere Personen
Unser Interviewpartner am Lesen und mit einem verletzten Daumen.

Es sind viele Kräfte im Rojava Konflikt beteiligt. Warum hast du dich dazu entschieden dem IFB beizutreten? 

Grundsätzlich, weil IFB eine in Rojava existierende politische Militärstruktur ist und weil ich ihnen politisch sehr nahestehe. Es gibt diese Struktur namens YPG International, aber ich habe zwei Probleme mit der YPG International. Das erste ist, dass viele verschiedene Arten von Freiwilligen dorthin gehen. Menschen, die nicht politisch sind, oder sie sind politisch, aber rechts und sogar Menschen von radikalen Rechten, aber das gibt es mittlerweile nicht mehr. Das war also mein Problem. Das zweite Problem ist, dass ich taktisch gesehen nicht so gerne Zeit mit ihnen verbringe. Sie sind nicht so sehr an vorderster Front. Sie nehmen an Kämpfen teil und ich respektiere sie wirklich, aber sie sind weniger aktiv als das IFB zum Beispiel und auch in Bezug auf die Autonomie haben sie nicht so viel Autonomie. Sie sind sehr abhängig von der kurdischen Bewegung. Sie können nicht selber Initiative ergreifen. In dem IFB können wir eine gewisse Handlungsautonomie haben. Wir können wählen, ob wir direkt an der Struktur an vorderster Front beteiligt sein möchten. Das IFB kooperiert mit kurdischen Kämpfern von YPG oder YPJ, was wir tatsächlich tun. Das ist meiner Meinung nach interessanter. An vorderster Front arbeitet das IFB sehr hart, während es bei YPG International keinen wirklichen Frontkrieg gibt. Es ist eher so, als würde man in einer Basis warten und dort arbeiten. 

Wir sind in der Lage, viele Dinge wie Schulungen, spezielle Ausbildungen, Besuche bei zivilen Freunden und die Arbeit an anderen Projekten durchzuführen. Normalerweise sind die Leute in dem IFB alle sehr politisch. Es ist eine Mischung aus marxistisch-leninistischen türkischen Parteien, die mit YPG YPJ befreundet sind, und vielen internationalen Freiwilligen, die Anarchisten, Trotzkisten, Autonom und dergleichen sind. Sehr cool. Deshalb ist es für mich sinnvoller, bei dem IFB zu sein. 

Welche Rolle hatte das IFB während der Rojava Invasion der türkischen Armee und der jihadistsichen Proxy-Milizen im Oktober 2019? 

Ein paar Tage vor der Invasion stand das IFB in Bereitschaft in Serekaniye, wir waren also bereit. Das IFB hatte eine neue Kampfart adaptiert. Gemeinsam als große Einheit wie beispielsweise in Raqqa gegen  Daesh, macht keinen Sinn wegen der Luftangriffen, der Luftschlägen, der Dronen und all diesem Zeug. Also mussten wir kleinere autonome Gruppen bilden mit viel Bewegungsspielraum. Wir mussten sehr schnell und fließend sein. Also haben wir uns in viele kleine spezialisierte Gruppen aufgelöst. Manche leute spezialisierten sich im Bereich der schweren Bewaffnung, manche in Raketen, Mörsern, Sabotage, Scharfschützen, solche Sachen. Wir waren Gruppen von 2 bis maximal 4 Leuten und mobilisierten in verschiedenen Bereichen in und rund um Serekaniye. Das gesamte IFB war in der Zeit um Oktober 2019 dort aktiv. Nachdem wir Serekaniye verlassen hatten, schlossen sich ein Teil der IFB und der MLKP der YPG/YPJ an. Also gingen wir zurück um in gemischten Gruppen mit der YPG/YPJ in all den Dörfern zwischen Serekaniye und Til Temir zu kämpfen. Warum? Weil wir Serekaniye kannten, wir kannten die Stadt, die Dörfer der Gegend allerdings nicht. Also wollten wir in Gruppen mit den Einheimischen sein, das machte einfach mehr Sinn. Das ist was wir getan haben, und ich finde wir haben es gut getan. Wir wahren schon immer effizient, aber die Entscheidungen die wir getroffen haben… ich bin fest davon überzeugt, dass das unsere Effizienz erheblich gesteigert hat. Nicht so statisch wie als wir noch einfache IFB Gruppen waren, damals warteten wir immer auf die Befehle kurdischer Kommandanten. Gemischte Gruppen gaben uns viel mehr Möglichkeiten die Initiative zu ergreifen, mit Leuten, die die Schlachtfelder kannten, weil sie aus der Gegend kamen. Fast jeden Tag kam es zu einem Einsatz, seit der Invasion aus vom Oktober bis in den Dezember, was wirklich cool war.  

Dauern die Kämpfe noch an? 

Die Kampfsituationen sind nie verschwunden, aber es ist hier inzwischen sehr viel ruhiger als früher. Kurze, sporadische Gefechte im Bereich Til Temir. Für den Moment gibt es nur Einsätze in der Nacht, mal kürzere Einsätze, selten auch mal als Scharfschützen Einsätze in der Nacht oder auch am Tag. Seit Ende Dezember 2019 ist es ein wenig ruhiger, und wir warten wie sich die Situation weiter entwickelt bevor wir uns wieder zurück in heftigere Kampfeinsätze begeben. 

War die Kampferfahrung gegen die türkischen Kräfte anders als die Kämpfe gegen Daesh?

Natürlich waren die Kämpfe mit den türkischen Streitkräften völlig anders als die mit Daesh. Zum Glück war ich wegen Afrin ein bisschen an diese Art von Krieg gewöhnt. Der Hauptunterschied zu den Kämpfen gegen Daesh bestand darin, dass sich die Situation mit den Flugzeugen umkehrte. Gegen die gemeinsamen Feinde waren es US-Flugzeuge und französische Flugzeuge, die feindliche Positionen bombardierten, aber jetzt treffen uns türkische Flugzeuge und Drohnen. Der Himmel als Dimension ist jetzt völlig feindselig, während er zuvor gegen Daesh hauptsächlich freundlich war. Das ist ein großer Unterschied. Außerdem hatte Daesh nicht so viel große Artillerie. Sie waren nicht sehr gut und treffsicher, wenn sie mit Mörsern schießen. Die Türken sind sehr genau mit Mörsern und haben auch große Artillerie, die sie viel benutzen, scheiße viel. Das ist natürlich ein großes Problem. Ja, es ist offensichtlich schwieriger gegen türkische Streitkräfte, deshalb verlieren wir bis jetzt. Unsere Armee ist keine professionelle und wir sind eine arme Armee, also haben wir nicht die gleichen Mittel wie die türkische Armee, welche die zweitgrößte Armee der NATO ist. Also ja, wegen ihrer technologischen Ausrüstung und Feuerüberlegenheit ist es schwieriger als gegen Daesh. Sie benutzen hauptsächlich ihre Proxy-Einheiten, ihre dschihadistischen oder nationalistischen Proxy-Einheiten gegen uns, die Daesh sehr ähnlich sind, einige sind tatsächlich ehemalige Daesh-Mitglieder. Aber manchmal benutzen sie auch türkische Offiziere, um die Gruppen zu koordinieren, oder einige Kommandeure der türkischen Spezialeinheiten. Und außerdem hatte Daesh Fahrzeuge, aber im Vergleich zur Türkei nicht so viele, weil die Türkei scheiße viele Fahrzeuge hat, viele Panzer, mehr als Daesh, sehr viele Panzer. Alle ihre Truppen bewegen sich in gepanzerten Fahrzeugen. Dies macht es uns schwerer, dagegen vorzugehen. 

Wie sieht dein Alltag aus, wenn du nicht kämpfst?  

Über den Alltag: Es gibt viel zu sagen. Ich kann dir sagen, was unser tägliches Leben aktuell ist. Wir sind zurück und befinden uns nicht in einer ständigen Alarmsituation, in der wir ständig an die vorderste Front mobilisiert werden können. Grundsätzlich wachen wir um 05:30 Uhr morgens auf. Wir bereiten uns vor, waschen uns kurz und beginnen danach um 05:45 Uhr mit dem Sport. Wir machen eine Stunde intensiven Sport, sehr intensiven Sport bis 06:45 Uhr. Jeden Tag machen wir verschiedene Sportarten. Manchmal machen wir allgemeinen Sport, bei dem wir unseren ganzen Körper trainieren. Manchmal machen wir Spezialsport, bei dem wir Arme und Schultern, Rücken und Arsch, Beine und solche Dinge trainieren. Manchmal strecken wir uns nur, wenn wir Ruhetage haben. An manchen Tagen machen wir viel Cardio- und Fraktionslernen. Dann frühstücken wir um 07:00 Uhr. Wir beenden das Frühstück zwischen 07:30 und 08:00 Uhr. Nach dem Frühstück haben wir eine halbe Stunde / eine Stunde gemeinsame Aufgaben um unsere Basis vorzubereiten und zu reinigen. Also machen wir von 07:30 bis 08:30 oder von 08:00 bis 09:00 mehr oder weniger diese Arbeit. Danach bis 11:30 / 12:00 haben wir Ausbildung. Abhängig vom Tag haben wir politische und ideologische Ausbildung, oder zurzeit haben wir viel militärische Ausbildung, viel Theorie, speziell am Morgen. Es kann auch sowas wie technische Ausbildung, Informatikausbildung sein, es kann m Grunde alles sein. In diesen Tagen ist es vor allem militärische Ausbildung und an manchen Tagen eine ideologische. Gegen 12:30 Uhr essen wir dann zu Mittag. Abhängig von den Tagen von 12:00 bis 12:30 Uhr oder von 12:30 bis 13:00 Uhr. Dann können wir uns bis 14.00 Uhr etwas ausruhen. Und dann haben wir von 14:00 bis 17:30 Uhr oder von 14:30 bis 18:00 Uhr wieder eine Ausbildung, normalerweise eine militärische Ausbildung. An manchen Tagen kann es Sprache oder Ideologie sein. Wenn wir morgens Theorie machen, üben wir nachmittags praktisch. Manchmal haben wir volle Theorie-Tage, manchmal haben wir volle Praxistage. Es hängt von der Situation ab. Aber normalerweise haben wir morgens Theorie und nachmittags Praxis. Gegen 18:00 Uhr haben wir ein kleines tägliches Treffen nur zwischen den Trainingsgruppen, um unseren Trainingstag zu analysieren, unsere Fehler zu analysieren, zu kritisieren, neue Dinge vorzuschlagen, die zu tun sind. Gegen 18:30 Uhr essen wir zu Abend. Grundsätzlich von 18:00 bis 18.30 Uhr oder von 18.30 bis 19.00 Uhr. Dann haben wir zwischen 07:00 und 19:30 Uhr etwas das was wir DPT nennen. Es ist wie ein Tekmil, ein Treffen mit jedem, jedem Mitglied unserer Basis, internationalen Genossen, jedem anderen Mitglied unserer Basis, kurdische und türkische Genossen, alle. Normalerweise beenden wir zwischen 19:30 und 20:00 Uhr. Es besteht aus 3 Teilen. Der erste Teil geht über den Tag, was wir gemacht haben, wir teilen, welche Informationen wir während des Tages erhalten haben. Z. B. so etwas wie “Okay, wir sind nach draußen gegangen – wir haben diesen Genossen getroffen – wir sind zu diesem Treffen nach draußen gegangen – wir sind gegangen, um Dinge zu kaufen – wir haben dies und das heute trainiert.” diese Art von Dingen. Hier teilen wir auch Kritik, Vorschläge, wie andere Dinge verändern und wie Sie Dinge verbessern können. Im zweiten Teil dieses Treffens geht es um Nachrichten. Wir teilen spezifische Neuigkeiten rund um Rojava und über internationale Neuigkeiten. (…)
Und dann ist der dritte Teil die Vorbereitung der nächsten Tage. Speziell für den Tag danach, aber auch für spätere Tage. (…).  
Nach 20:00 bis 21:00 Uhr oder von 20:30 bis 21:30 Uhr haben wir Sprachunterricht, vorerst auf Kurdisch. Dies ist alle zwei Tage. An allen anderen Tagen von 08:00 bis 22:00 Uhr machen wir gemeinsame Dinge, wie z.B. Zusammen einen Film schauen, normalerweise ziemlich cool. Oder wir haben Diskussionen, aber entspanntere, entspanntere Diskussionen. Oder wir spielen zusammen, kollektive Spiele. Um 09:30 oder 22:30 Uhr gehen wir schlafen. Und dann wünschen wir natürlich eine gute Nacht bis zum guten Morgen, wenn alle aufwachen. Wir müssen Nachtwache halten, es kommt auf die Nacht an, 1 Stunde, 12 Stunden, es kommt darauf an. Wir haben Wachdienst draußen für die Sicherheit. Wir haben also sehr arbeitsreiche Tage und sehr kurze Nächte, aber es ist cool. Es ist interessant. (…)  
Zumindest machen wir nützliche Dinge. Dies ist unser Alltag. Natürlich sind einige Tage etwas Besonderes. Einmal in der Woche haben wir einen halben freien Tag. Und einmal alle 10 Tage haben wir normalerweise volle freie Tage. Wir nutzen diese freien Tage, um in die Städte um Til Temir oder Serêkaniyê zu fahren, Serêkaniyê leider nicht mehr. Wir sehen Freunde, wir arbeiten mit ihnen, machen verschiedene Dinge, kaufen Sachen, gehen zum Schneider, um unsere Kleidung zu reparieren, oder besuchen einfach Freunde, Militärfreunde oder Zivilfreunde. Wir besuchen Familien von Guerillafreunden, es ist cool. Wir haben einige Freunde in Qamişlo und ich versuche sie zu besuchen. Wir nehmen uns auch gemeinsam Zeit. Wenn es Sommer ist, sind wir oft an verschiedenen Orten schwimmen gegangen. Wir gehen zu einigen schönen Orten, um Zeit miteinander zu verbringen. Wir gehen spazieren, machen Rallyes in einigen Hügeln, machen Picknicks, Sport … Wir machen Fußballpartys mit Kameraden aus anderen Strukturen, es ist cool. Wir besuchen jede Woche viele Leute. Wir besuchen Leute jedes Mal, wenn wir Freizeit haben. Wenn wir keine Ausbildungszeit haben und mehr freie Tage haben, sind wir viel mehr draußen. In ein paar Monaten werden wir mehr Freizeit haben. Dann werden wir Freunde aus Tekoşîna Anarşîst besuchen, die gute Freunde von uns sind. Sie sind eine anarchistische Gruppe von Westlernern. Sie waren vorher in der IFB. Oder wir gehen Freunde von YPG International besuchen. Es ist cool, ich kann mich nicht beschweren. In unserer Struktur haben wir viel Freiheit und Autonomie, um Menschen zu besuchen.

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IFB Mitglieder hissen die rote Fahne über Raqqa

Hat sich dein Leben verändert seit den Tagen der Invasion Oktober 2019? 

Ja, offensichtlich hat sich unser Leben seit der türkischen Invasion sehr verändert. Wie wir gemerkt haben, haben wir viele Sicherheitsprobleme, einige Notfallbesprechungen. Insbesondere Personen, die der IFB, also türkischen Linksparteien, angeschlossen sind, werden von Geheimdiensten aus der Türkei angegriffen. Und vor allem Internationalisten. Internationale Freiwillige, die von der türkischen Linken in dem IFB waren, sind sehr in Gefahr. Das ist ein Problem für uns. Normalerweise benutzen wir unsere Autos und unsere Autos sind nichtmilitärische Autos. Es gibt keine militärischen Symbole, keine militärischen Zeichen. Wir vermeiden es, sie zu verwenden, weil sie gefährlich sind und uns zu viel entlarven. Wir vermeiden es jetzt, an Orte zu gehen, an denen es für uns jetzt gefährlich ist. Wenn wir nach draußen gehen, müssen wir sehr vorsichtig mit jedem einzelnen Wort sein, das wir Zivilisten oder sogar Sympathisanten sagen, da alle Informationen von unserem Feind verwendet werden können. Grundsätzlich sind wir viel vorsichtiger und müssen oft unsere Positionen räumen, wenn die Gefahr feindlicher Luftangriffe oder Drohnen besteht. Die Türkei benutzt immer noch Drohnen. Es gibt territoriale Grenzen der Besatzung, aber immer noch fliegen türkische Drohnen im Süden von Til Temir und Serêkaniyê. Es ist stressiger, mehr Wachdienst, es ist eine instabile Situation für uns, wir bewegen uns viel, immer vorsichtig, bereit zu gehen, wir sind nicht mehr so in der Lage wie zuvor Freunde zu besuchen, wir können nicht so einfach zu reisen wie zuvor. Früher sind wir manchmal nach Kobanê gegangen, jetzt ist es sehr schwer wegen des Territoriums, das der Feind besetzt. Jetzt müssen wir einen großen Umweg im Süden machen und es dauert lange, also können wir nicht so oft nach Kobanê gehen. Das Leben ist seit der Invasion wirklich weniger schön. Serêkaniyê war eine Stadt, die wir sehr geliebt haben und jetzt können wir nicht mehr dorthin gehen. Das hat unser tägliches Leben wirklich beeinflusst. Es gibt auch einige Dinge, die ich nicht mit dir teilen kann, tut mir leid. Die Ressourcen, die wir erhalten, sind seit der Invasion weniger, wir müssen vorsichtig mit unseren Ressourcen sein. Es könnte immer sein, dass wir in wenigen Minuten evakuieren müssen. Wir können keine langfristige Perspektive haben. Dies ist ein Schmerz, nicht zu wissen, was passieren wird. Wir leben Tag für Tag und können keine großen Pläne machen. Wenn wir Pläne machen, brechen diese ständig zusammen, das ist ein Problem. Diese Unsicherheit fällt mir schwer, um ehrlich zu sein. 

Gibt es noch etwas was du sagen willst? 

Viele Dinge, über die man reden kann. Ich denke, es ist wichtig, dass die Menschen erkennen, dass es gut ist, zu protestieren, Kundgebungen abzuhalten und den Kampf hier zu unterstützen. Ich sage nicht, dass der Kampf des kurdischen Volkes und der Revolutionäre der einzige und der einzig interessante ist. Es gibt viele verschiedene Kämpfe auf der ganzen Welt, die es verdienen, unterstützt zu werden, aber wenn die Leute uns unterstützen wollen, dann sind Kundgebungen nicht genug, es tut mir leid. Im Moment müssen wir Druck auf den faschistischen türkischen Staat ausüben und ihre Wirtschaft beeinflussen. Wir haben keine Wahl, wir müssen bereit sein, Dinge zu machen, die ihrer Wirtschaft echten Schaden zufügen, ihrem Produktionssystem Schaden zufügen und ihrer diplomatischen Vertretung Schaden zufügen. Es ist wichtig, dass die Menschen die Idee akzeptieren, dass wir als Militante in unserer Beziehung zu unserem Feind offensiv sein müssen. Wenn Sie ein Militant sind, müssen Sie offensiv sein, Sie müssen aggressiv sein. Aggressiv in einer Weise:   – Du hast einen Feind haben, zerstöre ihn. –   Wir können mit unserem Feind nicht diskutieren oder debattieren nicht über verschiedene Ideen, wir führen kein Gespräch über das Leben, über die Welt, nein. Wir sprechen über Menschen, die offen faschistisch sind und die Welt, die sie zu bauen versuchen, ist ein Albtraum. Wenn wir uns dem nicht mit allen Mitteln widersetzen, werden wir verlieren. Es ist wichtig, dies zu realisieren. Wir führen Krieg, nicht nur in den Hügeln und Wüsten von Rojava, sondern in jeder Straße, in jedem Staat, auf jedem Kontinent führen wir Krieg gegen eine Idee, und einer der Hauptakteure dieser faschistischen Idee ist derzeit der türkische Staat. Wir müssen ihn mit allen Mitteln angreifen, wir müssen ihn angreifen, es ist wichtig. Es wird keine Freiheit geben, wenn der türkische Staat nicht vollständig zerstört wird. Das ist eine Realität. Der türkische Staat ist seit seiner Gründung ein faschistischer Staat. Alle Staaten sind bedrückend und autoritär, aber der türkische Staat ist etwas ganz Besonderes. Der türkische Staat ist das beste Beispiel für die Richtung, in die moderne liberale Staaten gehen. Der türkische Staat ist nur einen Schritt weiter in der Offenbarung des offenen Faschismus. Der französische Staat, der US-Staat, viele sogenannte liberale Staaten gehen in diese Richtung und wir müssen sie stoppen. Ich denke, wir müssen den türkischen Staat vorrangig zerstören. 

Solidarität mit Rojava! Abschließende Polemiken zum Anfang des Krieges

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Seit 7 Jahren diskutieren wir – von Zeit zu Zeit intensiver – über die Solidarität mit Rojava und die Föderation in Nord- und Ostsyrien. Mit diesem Artikel wollen wir zum Beginn einer neuen Phase, die ohne Zweifel bedrohlicher für die Zukunft der Revolution ist als die davor, einige Erinnerungen machen. Die Organisationen und Parteien, mit denen wir uns unter anderem direkt auseinandersetzen, sollten diesen Artikel nicht als politischen Angriff, sondern als einen revolutionären Versuch ansehen, einen der Realität näheren Einblick nach Deutschland zu tragen. Dafür wollen wir einige Tendenzen zum Anfang des Krieges offen legen, um den jeweiligen Linien die Möglichkeiten zu geben, ihre Haltung zu überdenken.

Leiser Sozialchauvinismus: Solidarität mit den Völkern(!)

Die Kommunistische Organisation (KO), die wir eher von ihren Diskussionsforen kennen als von der Straße, haben nach einer langen Zeit ihr Schweigen zum Thema Rojava gebrochen. Wir werden ihre Erklärung „Wir verurteilen den türkischen Einmarsch in Syrien!“ vom 10.Oktober aus verschiedenen Perspektiven in die Hand nehmen, weil sie uns viele Möglichkeiten bietet, aktuelle Ansätze des Antiimperialismus im Verhältnis zur Solidarität mit Rojava zu diskutieren.

Ihre Haltung zum jüngsten Angriff lässt sich wie folgt zusammenfassen:

1- Die Türkei führt Krieg und greift Syrien(!) an, weil sie unabhängig von der USA eigene Interessen und Ziele verfolgt.

2- Die Kurd*innen haben den Bürgerkrieg ausgenutzt(!), die Region unter ihre Kontrolle(!) gebracht und verfolgen eine „opportunistische und pro-imperialistische Politik“, die nicht zu rechtfertigen sei. 

3- Allein die Einheit des syrischen Staates wäre im Interesse der Arbeiterklasse und Völker der Region gewesen und durch die Schaffung eines faktischen Seperatstaates in Nord- und Ostsyrien haben sich die Kurd*innen an der Zerstückelung des Landes beteiligt. 

4- Keine Unterstützung den Organisationen (YPG/YPJ, SDF), die nicht die Interessen der Arbeiterklasse und der Völker der Region verfolgen, reaktionär sind, sondern „nur“ Solidarität mit den betroffenen Völkern(!).

5- Der Angriff ist ein Ergebnis der Zusammenarbeit der SDF mit der USA.

6- Trotzdem: Gegen die Aggression des türkischen Staates ist Widerstand grundsätzlich legitim.

Leider sind alle diese Einschätzungen mehr als nur verfehlt. Sie sind weit davon entfernt, die inneren Dynamiken des Bürgerkriegs in Syrien und die Bedeutung der kurdischen Frage verstanden zu haben:

1- Die Türkei führt Krieg, weil sie ein kolonialistischer Staat ist. Der Angriff ist ein Ergebnis des kolonialistischen Charakters des türkischen Staates. Der türkische Staat ist ein kapitalistischer Staat, der finanz- ökonomisch von US- und europäischen Imperialisten abhängig ist. Obwohl der türkische Staat selbst abhängig ist, ist er mit dem Iran, Irak und Syrien kolonialistisch im Verhältnis zur kurdischen Nation. Dementsprechend wurde auch die kurdische Befreiung in vier Fronte geteilt. Damit der Norden befreit werden kann, muss der türkische Kolonialismus zerschlagen sein, damit der Westen befreit wird, muss der syrische Kolonialismus zerschlagen sein usw. nichtsdestotrotz gibt es unter der kurdischen Nation aber auch eine nationale Einheit, sodass die Zerschlagung des Kolonialismus in einem Teil auch Auswirkungen auf die nationalen Befreiungsbewegungen in den anderen Teilen führt. Deswegen ist die nationale Befreiung in einem der Teile auch von “existenzieller” Bedeutung für die anderen kolonialistischen Staaten. Dies nennen wir kolonialistische Einheit. Aus diesem Grund ist Rojava und der Status der Kurd*innen in Nordsyrien für alle vier kolonialistischen Staaten eine existenzielle Frage, allen voran für den türkischen Staat. Der türkische Staat und Rojava können nicht langfristig “friedlich” miteinander leben. Der türkische Staat hätte zwei Möglichkeiten. Entweder erkennt er den Kurd*innen im Norden (Türkei) einen Status an oder zerstört Rojava. Die erste Möglichkeit könnte der türkische Staat aber nicht in ihrer jetzigen Form umsetzen, weil die Leugnung der kurdischen Nation in ihren Gründungskodierungen von 1923 festgeschrieben steht. Deswegen entschied er sich für den tamilischen Weg und den damit verbunden totalen Krieg gegen die Föderation in Nord- und Ostsyrien. Es ging der Türkei von Anfang an nicht um Einfluss in Syrien oder im Mittleren Osten. Der kolonialistische türkische Staat hat von Anfang an versucht, die zwischen-imperialistische Konkurrenz dazu auszunutzen, um einen kurdischen Status zu verhindern. Das sagt der faschistische Chef Erdogan und seine Sprecher in letzter Zeit auch immer wieder: “Mit dem syrischen Regime haben wir keine Probleme. Wir führen auch Gespräche. Es geht uns um unsere Sicherheit. Es geht uns um Terroristen.” Der Diktator stellt immer wieder heraus, dass er nicht das syrische Regime angreift. Das Problem sind Terroristen; mit anderen Worten die Kurd*innen.


2- Die Kurd*innen sind taktische Bündnisse mit verschiedenen Kräften eingegangen, die Widersprüche zwischen den Imperialisten ausgenutzt, um überleben zu können. Die jetzige Lage zeigt, dass wir recht hatten im Hinblick auf die Beziehungen der Leitung Rojavas mit imperialistischen Kräften. Der These, der Angriff sei ein Ergebnis der Zusammenarbeit mit Imperialisten, fehlt leider Grund und Boden. Wir hatten schon am Anfang des Jahres herausgestellt: “Auch, wenn es zu politischen Gesprächen mit den USA kam, ist das Verhältnis der QSD zur USA weiterhin taktisch-militärischer Natur. Der Osten Euphrats ist für die USA existenziell im Hinblick auf Syrien. Für die Revolution ist die USA aber nicht existenziell für die Zukunft der Revolution.” (Die nächste Zukunft in Syrien und Rojava) Wie kann eine Beziehung strategisch sein, gar abhängig sein, wenn die Existenz der USA auf dem Gebiet von Nord- und Ostsyrien beschränkt ist auf militärische Stützpunkte? Die US-Truppen ziehen sich zurück. Die Stützpunkte werden nun gefüllt mit Kräften der SDF, in einigen Gebieten mit Kräften des Regimes und Russlands. Die Vermischung und Verwischung von Strategie und Taktik, Programm und Politik ist eine der grundlegendsten Mängel, die die Krise der kommunistischen und marxistischen Weltbewegung begründen. Die Kurd*innen haben es geschafft, durch die Ausnutzung der Widersprüche zwischen den Imperialisten und dem militärisch-taktischen Bündnis mit der USA den kolonialistischen Angriff zu verzögern. Die USA konnte und hat sich zurückgezogen, weil Rojava sich eben nicht den Interessen der USA gerecht positioniert hat.

3- Jede Nation – auch die Kurd*innen – haben ein Recht auf Selbstbestimmung, ohne Wenn und Aber. Die Herangehensweise von Kommunist*innen an die nationale Frage wird immer wieder Prüfstein ihrer Linie. V.I. Lenin hat sich genug in aller Fülle zur nationalen Frage geäußert. Wahrscheinlich wird niemand bezweifeln, dass die Kurd*innen eine Nation im Mittleren Osten sind und Kurdistan eine Kolonie ist, die im Rahmen des Ersten Weltkriegs von den kolonialistischen Staaten mit imperialistischer Planung geteilt wurde. Nicht die Kurd*innen teilen Syrien (als Teil eines Plans der USA), sondern die Kolonialisten – Syrien eingeschlossen – haben Kurdistan geteilt. Die kurdische Frage ist keine 7-jährige Frage des Bürgerkriegs in Syrien, sondern eine, die mindestens genauso alt ist wie die Existenz der Staaten selbst. Mit dieser Annahme werden wir die leninistische Herangehensweise an die Frage zusammenfassend diskutieren. Das “Recht auf nationale Selbstbestimmung” ist Teil des demokratischen Programms von Kommunist*innen und dieses Recht umfasst eben vor allem das Recht auf Abtrennung von unterdrückten Nationen.*  Denn: “Wie die Menschheit zur Abschaffung der Klassen nur durch die Übergangsperiode der Diktatur der unterdrückten Klasse kommen kann, so kann sie zur unvermeidlichen Verschmelzung der Nationen nur durch die Übergangsperiode der völligen Befreiung, das heißt Abtrennungsfreiheit aller unterdrückten Nationen kommen.” Dabei kann es sein, dass die nationale Selbstbestimmung einem Interesse einer imperialistischen Hegemonie kraft zugutekommt. Auch darauf antwortet Lenin: “Die Tatsache, dass der Kampf gegen eine imperialistische Regierung für die nationale Freiheit unter bestimmten Bedingungen von einer andern „Großmacht“ für ihre ebenfalls imperialistischen Ziele ausgenutzt werden kann, kann die Sozialdemokratie eben sowenig bewegen, auf die Anerkennung des Selbstbestimmungsrechts der Nationen zu verzichten, wie die mehrfachen Fälle der Ausnutzung der republikanischen Losungen durch die Bourgeoisie in ihrer politischen Betrügerei und Finanz-Räuberei zum Beispiel in romanischen Ländern die Sozialdemokratie auf ihren Republikanismus zu verzichten bewegen können.” Natürlich hat die kommunistische Organisation das Recht, das Recht auf nationale Selbstbestimmung abzulehnen – aber nicht im Namen des Leninismus.

4- Die SDF und die Leitung der Föderation von Nord- und Ostsyrien sind die revolutionären Vertreter*innen der Völker Nord- und Ostsyriens. Die Behauptung, die SDF und Rojava wären reaktionär, ist kein Ergebnis einer materialistischen Analyse und Beobachtung der Entwicklungen in der Region. “Revolutionäre, die die Revolution nicht verstehen” hatten wir schon immer. Jetzt kommen auch noch “Revolutionäre, die die Revolution als Reaktion sehen” dazu. Leider haben wir natürlich noch zurzeit nicht die Menge an Beobachtungen und Erfahrungen mit jener Organisation, um sie als “revolutionär” zu charakterisieren. Wir haben in der jüngsten Vergangenheit viele Polemiken dazu führen müssen, warum Rojava nicht nur “fortschrittlich”, sondern eine “Revolution” ist. Dazu kann sich die kommunistische Organisation gerne unsere kritische Broschüre zum Demokratischen Konföderalismus durchlesen. Der Hauptgrund für jene Behauptung ist die Perspektive, aus der die kommunistische Organisation diese fehlerhafte Analyse macht. Wenn man aus einem krankhaften Zentralismus auf die Entwicklungen schaut und dem Regime einen (teils) antiimperialistischen Charakter zuschreibt, kann man durchaus zu dem Ergebnis kommen. Die Autor*innen dieser Erklärung sind blind, wenn es um die national-demokratischen Rechte der Kurd*innen und die Gleichberechtigung der Frauen geht. Leider führen sie ihre Blindheit fort, wenn sie von einem abstrakten Klassen- und Volksbegriff reden. Gehören die Kurd*innen, die Armenier*innen und Assyrer*innen im Norden Syriens nicht zum Volk? Die Föderation von Nord- und Ostsyrien, die Frauen* eine eigene Armee gegeben hat, Geschlechterbefreiung nicht nur per Gesetz, sondern auch im Leben durchgesetzt und garantiert hat, Demokratie von Kommunen bis zur Spitze aufbaut in der Realität des Mittleren Ostens als “reaktionär” zu charakterisieren, ist bei bestem Willen eine Absurdität, die es noch nicht einmal verdient, weiter diskutiert zu werden.

5- Widerstand ist notwendig – nicht nur in Rojava, sondern auch in Europa. Das Volk leistet Widerstand. Nicht nur die Verteidigungskräfte, die Kommunist*innen und Internationalist*innen, sondern auch die Kommunen bewaffnen sich und verteidigen ihre Errungenschaften gegen den kolonialistischen Angriff. Die Revolution nutzt ein weiteres Mal zwischen-imperialistische Konkurrenzen aus und arbeitet ein militärisch-taktisches Bündnis mit dem Regime aus. Darüber wird die sozial-chauvinistische Linie wahrscheinlich jubeln. Besonnenheit! Die Kurd*innen und Völker Nord-Ostsyriens wissen und zeigen mit ihrer Praxis, dass nur ihre eigene Selbstorganisierung und die Solidarität der Völker den kolonialistischen Angriff stoppen kann.

Die kommunistische Organisation, die mit ihrer Abspaltung von der DKP eine “neue kommunistische Bewegung” schaffen wollte, positioniert sich leider immer fester auf dem “linken Flügel” der sozialchauvinistischen und revisionistischen Internationale.

Lauter Sozialchauvinismus: Solidarität mit dem Regime(!)

Die DKP, die jeden Realitätsbezug im Hinblick auf Rojava verloren hat, geht noch weiter. Ihr Organ uz fungiert nahezu als “linkes” Auslandsorgan des syrischen Regimes. In der uz vom 11. Oktober schreibt Manfred Ziegler: “Jenseits der Heldensaga um Rojava war der Kampf um weite Gebiete Syriens östlich des Euphrat eine Materialschlacht der US-Luftwaffe und Artillerie. […] Das enge militärische und politische Bündnis mit den USA hat Rojava vollständig zerstört. Es gibt keine kurdischen “Kantone” mehr, sondern nur noch ein Gebiet, das die USA mit ihren Stützpunkten und Waffen kontrollieren – und von der YPG kontrollieren lassen. […] Im besetzten Gebiet im Norden Syriens geht es um nichts anderes als die Kontrolle über Ressourcen. […] [diese liegen größtenteils] unter Kontrolle der USA und ihrer Verbündeten – dem Wiederaufbau des Landes bewusst entzogen.” Leider müssen wir auch hier allen ausgeführten Punkten widersprechen, werden dies aber nicht ausführlich machen, weil wir viele der Diskussionen schon oben geführt hatten. Nach der Schlacht um Kobanê mussten die imperialistischen Kräfte unter der Führung der USA im Rahmen der internationalen Koalition ein militärisch-taktisches Bündnis mit Rojava eingehen. Im Rahmen dieses Bündnisses wurde in der Leitung der SDF der Krieg gegen den IS geführt. Die bewusste Leugnung der Rolle der SDF im Krieg gegen den IS ist im besten Fall eine Täuschung, obwohl die bürgerliche Politik sich dies eingestehen musste. Rakka wurde nicht zerstört wegen Luftangriffen der USA, sondern weil SDF die Stadt Gebäude für Gebäude befreit hat und der IS alles in die Luft gesprengt hat, als sie sich zurückziehen mussten. Wir führen das nicht aus, um die USA besser zu reden, als sie ist. Die USA hat im Mittleren Osten nichts zu suchen. Aber diese Worte vertuschen den Sieg der Revolutionskräfte, der mit unzähligen Opfern und Verletzten gewonnen wurde. Die Föderation von Nord- und Ostsyrien hat eine eigene politische und militärische Instanz und lebt nach dem Abzug US-amerikanischer Truppen weiter. Es ist nicht die USA, die Serêkanîye seit über einer Woche gegen die türkische Armee verteidigt, sondern die Verteidiger*innen der Revolution. Die Ressourcen sind in der Kontrolle der Föderationsverwaltug und sollen im Interesse des Volkes genutzt werden. Leider vergessen die Kolleg*innen von uz, dass es genau das kolonialistische Regime Syriens ist, das den Abbau und die Verwertung von Ressourcen verhindert. Die bewusste kolonialistisch motivierte Unterentwickeltheit von Nord- und Ostsyrien ist das Werk des syrischen Regimes. Erdöl gibt es in Rojava, aber es gibt nicht eine Raffinerie. Landwirtschaftliche Nutzfläche gibt es in Rojava, aber nicht eine einzige Mühle. Das nennt man Kolonialismus! Die DKP guckt sich ihre Linie natürlich bei ihrem Partner der sozial-chauvinistischen Internationale, der “Kommunistischen” Partei der Türkei ab, die bekanntermaßen in den Tiefen des sozial-chauvinistischen Sumpfes schwimmt. Die T”K”P hat es tatsächlich geschafft, eine Erklärung zum türkischen Angriff zu veröffentlichen, ohne die Kurd*innen einmal zu erwähnen! 

Bildergebnis für ypg victory

Rojava steht aufrecht

Wir hatten an sehr vielen Stellen in der jüngsten Vergangenheit über Arten und Möglichkeiten der Solidarität mit Rojava diskutiert. Dieser Artikel ist gedacht als eine abschließende Diskussion zu den oben gestellten Fragen. Für uns ist die Zeit der Polemiken vorbei. Genau so wie die Imperialisten sich ihren Interessen gerecht positionieren, hatte jede Organisation und Partei der werktätigen Linken in den letzten sieben Jahren die Möglichkeit gehabt, sich auf die Seite der Revolution zu stellen. 
Manfred Ziegler von unsere Zeit beendet seinen Kommentar „Leuchtfeuer oder Irrlicht“ vom 11. Oktober ironisch mit: „So ist Rojava untergegangen – in aller Pracht, mit Soldaten und Waffen aus den USA, mit Geld aus den Golfstaaten.“**

Sehr witzig Manfred. Leider wird dir der Spaß vergehen wie Diktator Erdoğan, der zur Zeit  der Schlacht um Kobanê feierlich erklärte: “Kobanê ist gefallen”. Kobanê steht aufrecht. Rojava steht aufrecht. Der Sozialchauvinismus, der mit dem russischen Imperialismus kuschelt und das kolonialistische syrische Regime verteidigt, der Reformismus, der nicht ein Stein gegen den amerikanischen Imperialismus in die Hand nehmen kann, der Revisionismus, der den Marxismus zu Lehrbuchschemata deformiert hat, egal ob laut oder leise ist zum Scheitern verurteilt.
Egal, ob in Rojava, in der Türkei, in Deutschland oder anderswo.

Grüße an die Kommunist*innen, die den Marxismus als Aktionsanleitung nutzen!

*Eigentlich braucht es zu der Frage noch nicht mal ein Kommentar von uns. Die Autor*innen solcher sozial-chauvinistischer Erklärungen und Artikel können sich Lenins Thesen zu “Die sozialistische Revolution und das Selbstbestimmungsrecht der Nationen” durchlesen. Unsere Zitate in diesem Teil stammen auch von diesem hervorragenden Artikel, einer Polemik mit den Opportunisten und Sozialchauvinisten seiner Zeit. Unser Artikel zielt nicht darauf ab, die leninistische Herangehensweise an die nationale Frage zu erläutern. Dies kann an einer anderen Stelle ausführlich gemacht werden – falls erwünscht.**In seinem Kommentar “Das beste Mittel” vom 18. Oktober feiert er dann das Bündnis mit dem Regime. Vorsicht Herr Ziegler. Noch handelt es sich um ein taktisches Bündnis. Nicht, dass Sie den gleichen Fehler machen wie bei der Analyse zur Beziehung zwischen USA und Rojava.

Verteidigen wir die Frauenrevolution in Rojava! Verteidigen wir sie für uns Alle!

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Kurd*Innen, Ezid*Innen, Armenier*Innen, Syrier*Innen, Türkmen*Innen..
All sie haben gemeinsam die Revolution in Rojava vollbracht und der Welt gezeigt, dass sie nicht den Feindbildern folgen werden, die ihnen die imperialistischen Länder versuchen zu lehren. Sie leben zusammen, sie lachen zusammen, sie weinen zusammen und sie kämpfen zusammen. Schulter an Schulter bekämpfen sie die Dunkelheit. Die Frauen* in Rojava leisteten einen großen und wichtigen Beitrag für die Revolution. Sie wurden zu den Subjekten und brachen ihre Fesseln. Die Rojava Revolution gab der Frau* die Freiheit, das Mitbestimmungsrecht, den eigenen Willen und die Teilwerdung des gesellschaftlichen Lebens, der bis kurz zuvor nicht einmal das Atmen erlaubt wurde. Doch all dies kam nicht von allein. Sie wirkten, gestalteten und kämpften mit. In den ersten Reihen standen sie und blickten dem Feind furchtlos in die Augen. Die Frauen*, die bis vor kurzem noch als Gebärmaschinen betrachtet und behandelt wurden, gehen heute mit ihren Waffen aus den Häusern heraus und kämpfen in der Verteidigungsfront der YPG/YPJ für ihre eigene Befreiung und somit für die Frauen*revolution. Sie kämpfen, sie entwickeln sich zu Kommandantinnen, sie werden unsterblich. Sie bringen Opfer, sie erleben Verluste. Doch sie wissen, wenn morgen die Sonne über Rojava aufgeht, dann ist dies ihr Erfolg. Wenn statt weinenden Müttern die Freiheitslaute der Frauen auf den Straßen Kobanes, Efrins, Qamishlos erklingen, dann war es all das Wert.

In allen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens wirken die Frauen* mit und verteidigen die Revolution. Eine der Kämpferinnen der YPJ begründet ihre Teilnahme an der Revolution wie folgt: “Als eine Frau konnte ich das bestehende System so nicht akzeptieren. Wenn wir unser Leben mit dem der (männlichen) Freunde vergleichen, kann ich das Leben in dem ich lebe so nicht wahrhaben. Deswegen habe ich mich für ein freies Leben entschieden.”*

Die Frauen kämpfen dafür, dass nichts mehr nach dem Krieg so ist wie in dem patriarchalen und verfaulten System zuvor. Avesta, eine Kämpferin der YPJ verdeutlicht mit ihren Worten welches Geschlechtsbewusstsein die Revolution bei ihr ausgelöst hat: “Ich habe ein Versprechen gegeben und werde mich daran halten. Ich habe jeglichen Kontakt zu meinem Elternhaus abgebrochen und bin bereit für die Verteidigung meines Volkes und für die Freiheit dahin zu gehen wo das Bedürfnis besteht.”* 
Die Frauen* haben eine aktive Rolle an der Front aber auch bei dem Aufbau der Revolution.Sie kämpfen an vorderster Front, haben führende Verpflichtungen in der zivilgesellschaftlichen Organisation TEV-DEM und sorgen für die Sicherheit, in dem sie im Sicherheitsdienst der Asayiş Platz einnehmen.Sie besitzen eine vorreitende Rolle in den Räten und im Parlament durch ihre Arbeit. Jede Frau* versucht auf ihre Art und ihrer Kapazität sich an der Revolution zu beteiligen und einen Beitrag zu leisten. Frauen, die zu alt sind um an die Front zu gehen, versuchen hinter der Front alles was sie können und besitzen der Revolution zu widmen.
Auch in Rojava und auch nach der Revolution sind die Menschen von ihren patriarchalen Eigenschaften nicht befreit. Auch hier gibt es Fälle von sexueller Gewalt innerhalb der Gesellschaft.

Das Recht auf Selbstverteidigung der Frau ist rechtlich gesehen gesichert worden. Nicht nur das. Die Rechte der Frau gesellschaftlich, politisch, ökonomisch, kulturell usw. wurde sichergestellt. Die angewandte Frauenquote in Kantonen, Räten etc. beträgt 40 Prozent. In den meisten Fällen übersteigen die Frauen diese Quote. Beispielsweise ist die prozentuale Frauenbeteiligung im Kanton in Efrîn 65 Prozent. Frauen bilden ihre eigenen Gerichte und fallen ihre eigenen Urteile. In den Frauenhäusern finden Frauen, die von Gewalt betroffen waren oder sind Zuflucht. Dieser Ort dient aber gleichzeitig dafür die Frauen gegen das Patriarchat zu stärken, sie in den Widerstand zu integrieren und bei ihnen ein Geschlechtsbewusstsein zu schaffen. Das, was die Revolution bereichert sind, die Frauen*. Ihre Gerechtigkeit, ihre Gleichberechtigung, ihre Kultur. Sie machen das 21. Jahrhundert neben dem Jahrhundert der Revolution, zu dem Jahrhundert der Frauen*revolution.

Das Frauenbataillon Şehid Ruken

Der kritischste Punkt zwischen Efrîn und Halep wird von YPJ’lern im Şehid Ruken Bataillon verteidigt. Dieses Bataillon wurde am 5 März 2013 verkündet und war somit das erste Frauenbataillon. Danach folgten noch weitere. Die meisten der Frauen darin sind unter 20 Jahre alt. Diese Frauenwaren bevor sie sich der Revolution angeschlossen hatten, Schülerinnen, Studentinnen, Arbeiterinnen oder Arbeitslose. Alle haben erst bei der YPG eine Bildung bekommen und im Anschluss haben sich einige an den Kämpfen in ihren Dörfern oder Städten beteiligt und andere sich komplett der Verteidigung der Rojava Revolution gewidmet und sich dem Frauenbataillon angeschlossen. 

Die Kommandantin des Şehid Ruken Bataillons “Zozan Deniz” hat auf einige Fragen geantwortet. 

Hier ein paar Einblicke:

Weswegen hattet ihr das Bedürfnis nach einem Frauenbataillon innerhalb der YPG?
„In Gesellschaften, vor allem aber in der kurdischen Gesellschaft trauen sich die Frauen selbst nicht zu. Die Gesellschaft vertraut der Frau aber auch nicht. In gemischten Räumlichkeiten kann die Frau allein im Schatten des Mannes existieren. Wenn die Frau jedoch allein ist, lernt sie schnell, dass sie auch alleine mit ihrer Kraft auf ihren eigenen Beinen stehen kann. Wir mussten das Verständnis “Wenn es ein Problem gibt, werden Männer das schon lösen” aufbrechen.“

Besteht dieses Verständnis auch in der Praxis im Krieg?
„Nicht ganz. Unsere Art zu kämpfen ist gleich. Jedoch achten Frauen viel mehr auf kleine Details, die von Bedeutung sein können. Das extreme Selbstbewusstsein der Männer führte manchmal zu Unachtsamkeit und somit zu Fehlern, welche vor allem an der Front sehr gefährlich sein konnten. Deswegen können wir vor allem an Orten wie hier, einer der wichtigsten Stellungen den Frauen vertrauen.“

Wie hat das Volk in Efrîn auf das Frauenbataillon reagiert?
„Vor allem waren das Interesse und die Unterstützung der Familien sehr stark. Wenn wir mit unseren Autos und Fahnen nach Efrîn fuhren, wurden wir mit viel Liebe und Respekt begrüßt.  Die Menschen standen auf, schrien Slogans und winkten uns zu. Für alle anderen Orte hört sich das vielleicht normal an aber sogar unsere Autofahrerin war eine Frau. Die Menschen wurden nervös, freuten sich und redeten noch mehrere Tage darüber. Mit dem Frauenbataillon zusammen haben sich immer mehr Frauen dem Kamp angeschlossen. Sie entschieden sich dagegen zu fliehen und blieben um gegen den Islamischen Staat Widerstand zu leisten. Sie wussten was passieren kann, wenn sie heute nicht dagegen ankämpfen. Sie würden sie verkaufen, versklaven, vergewaltigen und umbringen.“

Was wird in der YPJ für die Weiterentwicklung das Geschlechtsbewusstsein gemacht?
„Bevor sich die Frauen der YPJ anschließen bekommen sie eine 20 tägige Ausbildung bei der YPG. Neben allen anderen Bildungseinheiten gibt es auch Einheiten über die Geschichte der Frauen und gesellschaftlicher Geschlechterrollen. Das Ziel dieser Bildungen ist vor allem den Frauen ihre eigene Stärke aufzeigen. Die Frauen wissen nicht, welche Veränderungen sie bereits in der Geschichte geschaffen haben. Außerdem wird Analphabetiker*Innen das Lesen und schreiben gelehrt, damit sie sich anschließen können.“

Was haben die Frauen der Rojava Revolution beigetragen?
„Wären die Frauen nicht da, würde ein sehr wichtiger Teil dieser Revolution fehlen. Die Frauen sind die, die den Verlauf, sowie die Zukunft der Revolution bestimmen. Wäre nicht Unterstützung, sowie die Führung der Frauen, hätte sich die Revolution nicht so sehr weiterentwickelt. Von den Räten und Akademien bis zu den Verteidigungseinheiten, überall ist eine Führung der Frauen der Fall. So stark wie die Beteiligung der Frauen ist, so stark wird auch die Revolution sein. Hier wird gerade Geschichte geschrieben und wir Frauen sind ein Teil dessen.“

Die Frauenakademie in Efrîn

In Efrîn ist eine von den Akademien (Sprachen-Akademie, freie Presse-Akademie etc.) die Frauen-Akademie, welche vor allem im Vordergrund steht weil viele Frauen dort sind. Frauen lernen und lehren – Das Ziel ist hiermit die aktive Beteiligung der Frauen an der Revolution. Doch dies reicht ihnen nicht– gesellschaftliche Rollenbilder thematisiert und aufgebrochen, man zielt einen neuen Menschen an. Vor der Tür der Akademie stehen zwei Frauen mit Kalaschnikows und achten darauf, dass Männer nur mit einer Erlaubnis hereingehen. Vor der Revolution war es das Haus des Bürgermeisters gewesen. Am 8.März 2013 war die offizielle Eröffnung, doch die Bildungen fanden auch bereits davor statt. Als erstes wurden die 40 Frauen für die Asayiş ausgebildet. Arşen Kurdman ist im Vorstand der Akademie und äußerte sich bei einem Interview mit der Autorin Arzu Demir wie folgt:„Die Frauen müssen das System, welches wir hier aufbauen verstehen und in diesem System einen Platz einnehmen. Mit unserer Bildung versuchen wir dieses grundlegende Bewusstsein zu schaffen.”*2 Die Frauen in der Akademie erfahren ein 15-tägiges Bildungsprogramm. In den ersten sechs Tagen dieser Bildung werden “die Geschichte der Frau” und “gesellschaftliche Rollenbilder und ihre Funktion ” gelehrt. In den restlichen Tagen wird über das System diskutiert, welches aufgebaut werden soll. Aus den Verteidigungen von Abdullah Öcalan wird der Teil “freies und gleichberechtigtes Leben” (türkisch: “Özgür Eş Yaşamı“) gelesen und diskutiert.

Kurdmann beschreibt die Teilnehmerinnen wie folgt: “Wir setzen keine Altersbegrenzung. Erst kamen die Frauen, die in der Asayiş einen Platz einnehmen wollten. Diese Frauen waren jung, aber auch mittleren Alters.Die Ratsmitglieder waren eher im mittleren Alter und verheiratet. Frauen über 50 Jahren nehmen auch daran teil, vor allem die, die früher auch schon in den politischen Strukturen waren. Außerdem nehmen auch Frauen an Bildungen teil, welche in Institutionen arbeiten. Beispielsweise bilden wir Lehrerinnen oder Pressearbeiter*innen aus.”

Als Kurdman nach den Veränderungen gefragt wird, welche die Bildung schafft, unterstreicht auch sie die Aussage, dass Frauen ihre eigene Stärke erkennen müssen. Die Bildungen waren erst 10 Tage, dann wurden 15 Tage erkämpft. Die damalige Situation gab nicht einmal her, dass die Frauen 15 Tage aus ihren Häusern geholt wurden. Dochsie haben darum gekämpft. Natürlich reichten auch die 15 Tage nicht, aber die Diskussionen schaffen eine Grundlage im Bewusstsein der Frauen, sagte sie. Mit der Rojava Revolution sind Widersprüche entstanden, welche die Frauen mit Hilfe der Bildungen lernen zu erkennen. Manchmal können Ehemänner den Frauen die Arbeit begrenzen, auch wenn sie beide in den politischen Arbeiten drin sind. Sobald sie Entwicklungen sehen, versuchen sie Grenzen zu ziehen. Es scheint manchmal als wäre die gesellschaftlichen Rollenbilder überwunden, doch tief im Inneren sind sie manchmal fest verankert. Eins der größten Probleme der Frauen geographisch gesehen sind die Ehen von minderjährigen Mädchen. TEV DEM hat ein Gesetz aufgestellt, welche das heiraten vor dem 18. Lebensalter verbietet, doch in der Praxis wird es nicht immer eingehalten. Nach der Revolution wurden Frauenhäuser gegründet, an die sich die zwangsverheirateten Mädchen wenden können, damit sie eingreifen. Ehrenmorde werden immer noch verübt. In den letzten sieben Monaten vor dem Interview mit Kurdmann kam es zu drei Ehrenmorden, berichtet sie. Sie versuchen vorbeugende Maßnahmen einzuführen, doch sagen auch dassdie Veränderungen erst durch geschaffenes Bewusstsein entstehen werden.

Solange das traditionelle Verständnis über die Frau  und ihre Rolle in der Gesellschaft in der restlichen Welt nicht bekämpft wurde, ist die Revolution und vor allem die Frauenrevolution in Rojava einem Risiko ausgesetzt. Die YPJ ist organisatorisch an die YPG gebunden, aber organisiert sich vollkommen unabhängig. Die YPJ hat eine eigenes Bataillone und eine Bildungsakademie gegründet. Die ersten Gefallenen der YPJ haben bewirkt, dass ein großer Respekt vor Gefallenen Frauen und in erster Linie den ersten gefallenen Slava und Berivan gegenüber entstanden ist. Besondere Treffen für die Frauen stärkten das Selbstbewusstsein, angeforderte Frauenberichte bewirkten schnelles Eingreifen und die Konferenzen in jedem Bezirk schufen einen kollektiven Ort, wo Probleme und Vorschläge diskutiert wurden. „Die Frauen aus Rojava schreiben Geschichte.“ Eine wichtige Errungenschaft für die Frauenbewegung der Welt, welche international gesehen werden muss.

Darum lasst uns die Frauenrevolution in Rojava gegen die Angriffe der imperialistischen Länder verteidigen. Lasst uns die gefallenen Frauen* die ihr Leben für die Freiheit ließen in unserer Praxis unsterblich machen und die Errungenschaften der Frauenrevolution in jeden Zentimeter dieser Erde tragen und verbreiten. Denn das sind wir ihnen als Internationalist*Innen schuldig.

Hoch lebe die Rojava Revolution!  Hoch lebe die Frauenrevolution!
Jin Jiyan Azadî


*Özgür Genclik18. Ausgabe – Juli/August 2015, Seite 9 –“KadinlarinDirilisi Rojava”   *2 Sosyalist Kadin – Herbst 2013 / Ausgabe 10