Den Bruch mit der gesellschaftlichen Männlichkeit schaffen

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Die Tradition aller toten Geschlechter lastet wie ein Alp auf dem Gehirne der Lebenden.
(Marx)

Die Tradition der Ungleichheit zwischen den beiden Geschlechtern und die erste große gesellschaftliche Niederlage der Frau, durch die der Mann seine Herrschaft begründete, ist mit der gesellschaftlichen Arbeitsteilung die Älteste dieser Traditionen.

Der Status der gesellschaftlichen Geschlechterrollen und die ihr zugesprochenen Grenzen des Verhaltens dienen zur problemlosen Reproduktion der Herrschaft des Mannes über die Frau* durchgehend in allen Formen in den Klassengesellschaften.

Diese Geschichte der Unterdrückung der Frau* ist die Geschichte der Entmenschlichung des männlichen Geschlechts: Denn diese Herrschaft ist aufgebaut auf reiner Erniedrigung, Gewalt und Ausbeutung. Und sie ist älter als jede andere Form der aktuellen Unterdrückung.

Auch wir sozialistischen Männer sind oft – bewusst oder unbewusst – Teil dieser Herrschaft.

Kapitalismus ist die Entfremdung des Menschen von seiner Menschlichkeit. Revolutionärinnen sind Menschen, „die im Hause der Nacht ein Feuer entfachen“. Das tun sie, indem sie alle Werte des Menschseins ins Zentrum ihrer politischen Existenz setzen und für diese Werte kämpfen. Auch wenn die Menschwerdung, das heißt die Aufhebung jeglicher Entfremdung, kategorisch/gesamtgesellschaftlich erst mit dem Übergang zu einer Produktionsweise möglich ist, in der die produzierten Waren nicht den Produzentinnen entfremdete Gegenstände sind, kann der Mensch mit dem Bruch aller entmenschlichenden Lebensarten und –formen, das heißt mit der Entwicklung der revolutionären Persönlichkeit zu einem Menschen werden – auch in der kapitalistischen Welt.

Für den sozialistischen Mann ist dies vor allem der Bruch mit der gesellschaftlichen Männlichkeit.

Ümit Yetik (Baran Munzur), kommunistischer Guerillakämpfer der MLKP, der in Dersîm fiel, schrieb in seinem Bericht zur Frauen*befreiung nach einem Workshop über seine Gefühle und Gedanken:

Wenn ich meine Realität aus einer kritischen und selbstkritischen Perspektive in die Hand nehme, komme ich zu einem Schluss: Es ist meine Pflicht, die Frauen zu verstehen und mich von meinen patriarchalen Verhaltensweisen zu befreien. Man kann sich nicht schnell von ihnen befreien, so träumerisch gehe ich nicht an die Sache heran. Ich weiß nun, dass diese Befreiung ein Ergebnis eines langfristigen Kampfes ist. Der zentrale Punkt, der mich von ihnen befreien wird ist, dass ich mir dessen bewusst geworden bin. Dies [ein Männer-Workshop] sollte zu einem Ausgangsweg für mich werden. Ich muss mich weiterentwickeln mit diesem Verständnis, das ich gewonnen habe. Ich denke auch, dass mein Revolutionärsein keine Bedeutung haben wird, wenn ich mich nicht weiterentwickle. Wir sagen ja immer, dass wir eine neue Welt ohne Ausbeutung schaffen, in der Gleichheit herrscht und geteilt wird. Das zu schaffen bedeutet, schon von heute Veränderung in mir zu bewirken. Ich bin mir nun dessen bewusst geworden. Erst, wenn ich und meine männlichen Genossen sich von diesen patriarchalen Verhaltensmustern befreien können, werden wir unserem Ziel näher kommen. Diese Anschauungsweise ist nun mein grundlegender Gedanke.“

Die Frage, ob die Herangehensweise an die Frauen*befreiung ein Hindernis meiner revolutionären Entwicklung werden konnte, habe ich lange Zeit mit „Nein“ beantwortet. Es hat sich aber für mich herausgestellt, dass jeder revolutionäre Mann einen bestimmten Augenblick erreicht, in dem er sich mit der Frauen*befreiung auseinandersetzen muss und dass diese Auseinandersetzung seine Entwicklung zentral mitbestimmt.

Wie konnte es sein, dass ich als sozialistischer Mann nicht in der Lage war, meine Genossin, die neben mir steht, gleich entschlossen ist und den gleichen Weg geht, zu verstehen? Wie konnte ich mich als Revolutionär immer noch von den Vorteilen ernähren, die sich mir als ein Mitglied des unterdrückenden Geschlechts ergaben?

Und diese Vorteile ergaben sich nicht nur in den Räumen außerhalb „unserer“ Hegemonie. Niemand kann bezweifeln, dass du es als revolutionärer Mann einfacher hast als als revolutionäre Frau. Du wirst ernster genommen, du wirst als eine Adresse der Lösungsfindung betrachtet, du hast das letzte Wort… Und aus dieser Widerspiegelung der männlichen Herrschaft in den revolutionären Organisationen entsteht ein Typ des männlichen Revolutionärs, der sich in das Zentrum seines Arbeitsbereichs setzt, verantwortliche Genossinnen nicht ernst nimmt, seine persönliche „männliche“ Herrschaft und Hegemonie ausbaut und dafür mit seinen männlichen Genossen konkurriert.

Ist es denn denkbar, dass ein solcher revolutionärer Mann zu einer Miniatur des „neuen Menschen“ der kommunistischen Welt wird? Oder ist dieser Mann nicht vielmehr ein Repräsentant der Tradition aller toten Geschlechter und würde immer wieder in den bürgerlichen Horizont zurückfallen?

Die Antwort liegt auf der Hand.

Wenn irgendwo auf dieser Erde eine Frau* ermordet oder vergewaltigt wird… Was für Gefühle erweckt dies in uns? Schämen wir uns für die Taten der Männer, werden wir wütend und setzen uns als erstes Ziel, diese Männlichkeit zu töten? Oder sehen wir diese Taten als etwas, was mit uns nichts zu tun hat, eine Tat von einzelnen, degenerierten und psychisch erkrankten Männern?

Der Schädling eines jeden Baums steckt in ihm selber

Der Schädling eines jeden Baums steckt in ihm selber“ heißt es in einem Sprichwort. So ist es auch mit der Männlichkeit im sozialistischen Mann. Was ist das Gegengift?

Ich habe mir diese innere Auseinandersetzung nun als Aufgabe gestellt. Um ein Teil des neuen Lebens zu werden, muss ich mich früh von diesen Verhaltensweisen befreien. Ich bin hoffnungsvoll, denn ich weiß, dass diese Verhaltensweisen mir vom bürgerlich-kapitalistischen System eingetrichtert wurden und nicht zu meinem Charakter gehören. Und deswegen kämpfe ich nun dafür, die Verhaltensweisen, die mir ohne meinen Willen gegeben wurden, willentlich an sie zurückzudrängen. Jetzt ist die Zeit, aufzustehen und nach vorne zu gehen. Durch Warten wird sich nichts verändern. Das Richtigste ist, an der Hoffnung festhaltend voranzuschreiten. Und das wird auf meinem Weg zu einem „neuen Menschen“ mein erster Schritt zum Revolutionärsein sein. Und erst, wenn ich den neuen Menschen geschaffen habe, kann ich ein entschlossener Revolutionärer sein.“

Das sind nicht die Worte eines Mannes, der erst anfängt, Revolutionär zu werden, am Anfang des Weges steht. Ümit Yetik schreibt dies nach einem Workshop, nachdem er „jahrelang von sich dachte, er hätte die gesellschaftliche Männlichkeit schon überwunden.“ Er habe sich „jahrelang selbst angelogen“, schreibt er. Und wie sieht es aus mit uns sozialistischen Männern hier? Inwieweit haben wir die gesellschaftliche Männlichkeit in unserer revolutionären Persönlichkeit, im Alltag, in der Wohnung, in der Beziehung, auf den Treffen, bei den Aktionen überwunden? Lehnen wir tatsächlich jegliche Form von Vorteilen ab, die uns lediglich wegen unseres natürlichen Geschlechts geboten werden? Wie aufrichtig sind wir, wenn wir von uns behaupten, dass wir patriarchale Verhaltensweisen schon größtenteils aufgegeben haben? Oder belügen wir uns und unsere Genoss*innen nur, obwohl unsere Realität ein offenes Geheimnis ist?

Die Antworten auf diese Fragen liegen gleichfalls auf der Hand.

Einen Willen zum Ablegen der gesellschaftlichen Männlichkeit muss der sozialistische Mann haben. Aber das reicht nicht. Allein, dass wir uns diese Frage stellen, ist ein Kampf unserer Genossinnen. Die Herausbildung eines solchen Willens ist das Ergebnis eines regelrechten ideologischen Krieges sozialistischer Frauen mit den Männern.

Der Bruch mit der gesellschaftlichen Männlichkeit ist nichts, was wir nach einem Workshop schaffen können. Aber wenn wir uns verändern wollen, werden wir uns und unsere Verhaltensweisen hinterfragen müssen. Das heißt auch, dass wir erst einmal zugeben, dass wir den Bruch mit der gesellschaftlichen Männlichkeit eben noch nicht geschafft haben. Das heißt auch, dass wir aufhören, allgemeine und abstrakte Artworten auf die kritischen Fragen unserer Genossinnen zu geben und anfangen, uns konkret zu diskutieren und diskutieren zu lassen.

Wie kann diese Entwicklung konkret aussehen?

Der kommunistische Kämpfer der MLKP, Halil Aksakal (Mazlum Aktas), beschreibt in seinem „Bericht zur Frauenbefreiung“ an einem konkreten Beispiel seine Entwicklung: „Früher habe ich Widerstand geleistet bei der (gerechten oder ungerechten) Verteilung von Aufgaben an meine Genossinnen, aber das hat sich verändert. Zum Beispiel war ich bei der Operation in Hasakê ein Kommandant eines Arms in der offensiven Gruppe. Meine Verteidigung war eine Freundin von der PKK. Ich war dagegen und hab es geschafft, alle davon zu überzeugen, dass die Freundin in der offensiven Gruppe ist und ich ihre Verteidigung übernehme. Der Grund, warum ich das gemacht habe, war die Praxis, die theoretischen Gedanken und Perspektiven der Partei in der militärischen Front umzusetzen und ich habe auch somit einen Kampf gegen mich selbst geführt.

Welche Lehren können wir sozialistischen Männer aus diesem Beispiel für uns hier ziehen?

Unsere Genossinnen sind dabei, die Welt auf den Kopf zu stellen. Wir werden uns fragen, wo wir ihnen zu Hindernissen werden. Denn jedes Mal, wenn wir ihnen auf die Füße treten, werden wir zu den Mitträgern der Herrschaft des Mannes über die Frau. Wenn wir aufrichtig das Ende der Herrschaft des Mannes über die Frau wollen, werden wir unsere Genossinnen in ihrem und unserem Krieg gegen diese Herrschaft unterstützen. Wir müssen mehr allgemeine Aufgaben übernehmen, damit sie die Aufgaben der Frauenbefreiung umsetzen können. Wir müssen sie logistisch und technisch unterstützen und an der einen oder anderen Stelle (meistens) müssen wir uns einfach zurückhalten, damit sich der Wille der Frau entfalten kann.

Wenn wir wieder zu Menschen werden wollen, die nicht die Tradition aller toten Geschlechter in sich tragen und reproduzieren, sondern das „Neue“ repräsentieren, müssen wir uns ernsthaft mit der Frage der Frauenbefreiung auseinandersetzen, die Veränderung wollen und den Spuren von Ümit und Mazlum folgen.

Dann werden wir unsere Gehirne von diesem Alp befreien können.

– Deniz Boran

Verteidigen wir die Frauenrevolution in Rojava! Verteidigen wir sie für uns Alle!

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Kurd*Innen, Ezid*Innen, Armenier*Innen, Syrier*Innen, Türkmen*Innen..
All sie haben gemeinsam die Revolution in Rojava vollbracht und der Welt gezeigt, dass sie nicht den Feindbildern folgen werden, die ihnen die imperialistischen Länder versuchen zu lehren. Sie leben zusammen, sie lachen zusammen, sie weinen zusammen und sie kämpfen zusammen. Schulter an Schulter bekämpfen sie die Dunkelheit. Die Frauen* in Rojava leisteten einen großen und wichtigen Beitrag für die Revolution. Sie wurden zu den Subjekten und brachen ihre Fesseln. Die Rojava Revolution gab der Frau* die Freiheit, das Mitbestimmungsrecht, den eigenen Willen und die Teilwerdung des gesellschaftlichen Lebens, der bis kurz zuvor nicht einmal das Atmen erlaubt wurde. Doch all dies kam nicht von allein. Sie wirkten, gestalteten und kämpften mit. In den ersten Reihen standen sie und blickten dem Feind furchtlos in die Augen. Die Frauen*, die bis vor kurzem noch als Gebärmaschinen betrachtet und behandelt wurden, gehen heute mit ihren Waffen aus den Häusern heraus und kämpfen in der Verteidigungsfront der YPG/YPJ für ihre eigene Befreiung und somit für die Frauen*revolution. Sie kämpfen, sie entwickeln sich zu Kommandantinnen, sie werden unsterblich. Sie bringen Opfer, sie erleben Verluste. Doch sie wissen, wenn morgen die Sonne über Rojava aufgeht, dann ist dies ihr Erfolg. Wenn statt weinenden Müttern die Freiheitslaute der Frauen auf den Straßen Kobanes, Efrins, Qamishlos erklingen, dann war es all das Wert.

In allen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens wirken die Frauen* mit und verteidigen die Revolution. Eine der Kämpferinnen der YPJ begründet ihre Teilnahme an der Revolution wie folgt: “Als eine Frau konnte ich das bestehende System so nicht akzeptieren. Wenn wir unser Leben mit dem der (männlichen) Freunde vergleichen, kann ich das Leben in dem ich lebe so nicht wahrhaben. Deswegen habe ich mich für ein freies Leben entschieden.”*

Die Frauen kämpfen dafür, dass nichts mehr nach dem Krieg so ist wie in dem patriarchalen und verfaulten System zuvor. Avesta, eine Kämpferin der YPJ verdeutlicht mit ihren Worten welches Geschlechtsbewusstsein die Revolution bei ihr ausgelöst hat: “Ich habe ein Versprechen gegeben und werde mich daran halten. Ich habe jeglichen Kontakt zu meinem Elternhaus abgebrochen und bin bereit für die Verteidigung meines Volkes und für die Freiheit dahin zu gehen wo das Bedürfnis besteht.”* 
Die Frauen* haben eine aktive Rolle an der Front aber auch bei dem Aufbau der Revolution.Sie kämpfen an vorderster Front, haben führende Verpflichtungen in der zivilgesellschaftlichen Organisation TEV-DEM und sorgen für die Sicherheit, in dem sie im Sicherheitsdienst der Asayiş Platz einnehmen.Sie besitzen eine vorreitende Rolle in den Räten und im Parlament durch ihre Arbeit. Jede Frau* versucht auf ihre Art und ihrer Kapazität sich an der Revolution zu beteiligen und einen Beitrag zu leisten. Frauen, die zu alt sind um an die Front zu gehen, versuchen hinter der Front alles was sie können und besitzen der Revolution zu widmen.
Auch in Rojava und auch nach der Revolution sind die Menschen von ihren patriarchalen Eigenschaften nicht befreit. Auch hier gibt es Fälle von sexueller Gewalt innerhalb der Gesellschaft.

Das Recht auf Selbstverteidigung der Frau ist rechtlich gesehen gesichert worden. Nicht nur das. Die Rechte der Frau gesellschaftlich, politisch, ökonomisch, kulturell usw. wurde sichergestellt. Die angewandte Frauenquote in Kantonen, Räten etc. beträgt 40 Prozent. In den meisten Fällen übersteigen die Frauen diese Quote. Beispielsweise ist die prozentuale Frauenbeteiligung im Kanton in Efrîn 65 Prozent. Frauen bilden ihre eigenen Gerichte und fallen ihre eigenen Urteile. In den Frauenhäusern finden Frauen, die von Gewalt betroffen waren oder sind Zuflucht. Dieser Ort dient aber gleichzeitig dafür die Frauen gegen das Patriarchat zu stärken, sie in den Widerstand zu integrieren und bei ihnen ein Geschlechtsbewusstsein zu schaffen. Das, was die Revolution bereichert sind, die Frauen*. Ihre Gerechtigkeit, ihre Gleichberechtigung, ihre Kultur. Sie machen das 21. Jahrhundert neben dem Jahrhundert der Revolution, zu dem Jahrhundert der Frauen*revolution.

Das Frauenbataillon Şehid Ruken

Der kritischste Punkt zwischen Efrîn und Halep wird von YPJ’lern im Şehid Ruken Bataillon verteidigt. Dieses Bataillon wurde am 5 März 2013 verkündet und war somit das erste Frauenbataillon. Danach folgten noch weitere. Die meisten der Frauen darin sind unter 20 Jahre alt. Diese Frauenwaren bevor sie sich der Revolution angeschlossen hatten, Schülerinnen, Studentinnen, Arbeiterinnen oder Arbeitslose. Alle haben erst bei der YPG eine Bildung bekommen und im Anschluss haben sich einige an den Kämpfen in ihren Dörfern oder Städten beteiligt und andere sich komplett der Verteidigung der Rojava Revolution gewidmet und sich dem Frauenbataillon angeschlossen. 

Die Kommandantin des Şehid Ruken Bataillons “Zozan Deniz” hat auf einige Fragen geantwortet. 

Hier ein paar Einblicke:

Weswegen hattet ihr das Bedürfnis nach einem Frauenbataillon innerhalb der YPG?
„In Gesellschaften, vor allem aber in der kurdischen Gesellschaft trauen sich die Frauen selbst nicht zu. Die Gesellschaft vertraut der Frau aber auch nicht. In gemischten Räumlichkeiten kann die Frau allein im Schatten des Mannes existieren. Wenn die Frau jedoch allein ist, lernt sie schnell, dass sie auch alleine mit ihrer Kraft auf ihren eigenen Beinen stehen kann. Wir mussten das Verständnis “Wenn es ein Problem gibt, werden Männer das schon lösen” aufbrechen.“

Besteht dieses Verständnis auch in der Praxis im Krieg?
„Nicht ganz. Unsere Art zu kämpfen ist gleich. Jedoch achten Frauen viel mehr auf kleine Details, die von Bedeutung sein können. Das extreme Selbstbewusstsein der Männer führte manchmal zu Unachtsamkeit und somit zu Fehlern, welche vor allem an der Front sehr gefährlich sein konnten. Deswegen können wir vor allem an Orten wie hier, einer der wichtigsten Stellungen den Frauen vertrauen.“

Wie hat das Volk in Efrîn auf das Frauenbataillon reagiert?
„Vor allem waren das Interesse und die Unterstützung der Familien sehr stark. Wenn wir mit unseren Autos und Fahnen nach Efrîn fuhren, wurden wir mit viel Liebe und Respekt begrüßt.  Die Menschen standen auf, schrien Slogans und winkten uns zu. Für alle anderen Orte hört sich das vielleicht normal an aber sogar unsere Autofahrerin war eine Frau. Die Menschen wurden nervös, freuten sich und redeten noch mehrere Tage darüber. Mit dem Frauenbataillon zusammen haben sich immer mehr Frauen dem Kamp angeschlossen. Sie entschieden sich dagegen zu fliehen und blieben um gegen den Islamischen Staat Widerstand zu leisten. Sie wussten was passieren kann, wenn sie heute nicht dagegen ankämpfen. Sie würden sie verkaufen, versklaven, vergewaltigen und umbringen.“

Was wird in der YPJ für die Weiterentwicklung das Geschlechtsbewusstsein gemacht?
„Bevor sich die Frauen der YPJ anschließen bekommen sie eine 20 tägige Ausbildung bei der YPG. Neben allen anderen Bildungseinheiten gibt es auch Einheiten über die Geschichte der Frauen und gesellschaftlicher Geschlechterrollen. Das Ziel dieser Bildungen ist vor allem den Frauen ihre eigene Stärke aufzeigen. Die Frauen wissen nicht, welche Veränderungen sie bereits in der Geschichte geschaffen haben. Außerdem wird Analphabetiker*Innen das Lesen und schreiben gelehrt, damit sie sich anschließen können.“

Was haben die Frauen der Rojava Revolution beigetragen?
„Wären die Frauen nicht da, würde ein sehr wichtiger Teil dieser Revolution fehlen. Die Frauen sind die, die den Verlauf, sowie die Zukunft der Revolution bestimmen. Wäre nicht Unterstützung, sowie die Führung der Frauen, hätte sich die Revolution nicht so sehr weiterentwickelt. Von den Räten und Akademien bis zu den Verteidigungseinheiten, überall ist eine Führung der Frauen der Fall. So stark wie die Beteiligung der Frauen ist, so stark wird auch die Revolution sein. Hier wird gerade Geschichte geschrieben und wir Frauen sind ein Teil dessen.“

Die Frauenakademie in Efrîn

In Efrîn ist eine von den Akademien (Sprachen-Akademie, freie Presse-Akademie etc.) die Frauen-Akademie, welche vor allem im Vordergrund steht weil viele Frauen dort sind. Frauen lernen und lehren – Das Ziel ist hiermit die aktive Beteiligung der Frauen an der Revolution. Doch dies reicht ihnen nicht– gesellschaftliche Rollenbilder thematisiert und aufgebrochen, man zielt einen neuen Menschen an. Vor der Tür der Akademie stehen zwei Frauen mit Kalaschnikows und achten darauf, dass Männer nur mit einer Erlaubnis hereingehen. Vor der Revolution war es das Haus des Bürgermeisters gewesen. Am 8.März 2013 war die offizielle Eröffnung, doch die Bildungen fanden auch bereits davor statt. Als erstes wurden die 40 Frauen für die Asayiş ausgebildet. Arşen Kurdman ist im Vorstand der Akademie und äußerte sich bei einem Interview mit der Autorin Arzu Demir wie folgt:„Die Frauen müssen das System, welches wir hier aufbauen verstehen und in diesem System einen Platz einnehmen. Mit unserer Bildung versuchen wir dieses grundlegende Bewusstsein zu schaffen.”*2 Die Frauen in der Akademie erfahren ein 15-tägiges Bildungsprogramm. In den ersten sechs Tagen dieser Bildung werden “die Geschichte der Frau” und “gesellschaftliche Rollenbilder und ihre Funktion ” gelehrt. In den restlichen Tagen wird über das System diskutiert, welches aufgebaut werden soll. Aus den Verteidigungen von Abdullah Öcalan wird der Teil “freies und gleichberechtigtes Leben” (türkisch: “Özgür Eş Yaşamı“) gelesen und diskutiert.

Kurdmann beschreibt die Teilnehmerinnen wie folgt: “Wir setzen keine Altersbegrenzung. Erst kamen die Frauen, die in der Asayiş einen Platz einnehmen wollten. Diese Frauen waren jung, aber auch mittleren Alters.Die Ratsmitglieder waren eher im mittleren Alter und verheiratet. Frauen über 50 Jahren nehmen auch daran teil, vor allem die, die früher auch schon in den politischen Strukturen waren. Außerdem nehmen auch Frauen an Bildungen teil, welche in Institutionen arbeiten. Beispielsweise bilden wir Lehrerinnen oder Pressearbeiter*innen aus.”

Als Kurdman nach den Veränderungen gefragt wird, welche die Bildung schafft, unterstreicht auch sie die Aussage, dass Frauen ihre eigene Stärke erkennen müssen. Die Bildungen waren erst 10 Tage, dann wurden 15 Tage erkämpft. Die damalige Situation gab nicht einmal her, dass die Frauen 15 Tage aus ihren Häusern geholt wurden. Dochsie haben darum gekämpft. Natürlich reichten auch die 15 Tage nicht, aber die Diskussionen schaffen eine Grundlage im Bewusstsein der Frauen, sagte sie. Mit der Rojava Revolution sind Widersprüche entstanden, welche die Frauen mit Hilfe der Bildungen lernen zu erkennen. Manchmal können Ehemänner den Frauen die Arbeit begrenzen, auch wenn sie beide in den politischen Arbeiten drin sind. Sobald sie Entwicklungen sehen, versuchen sie Grenzen zu ziehen. Es scheint manchmal als wäre die gesellschaftlichen Rollenbilder überwunden, doch tief im Inneren sind sie manchmal fest verankert. Eins der größten Probleme der Frauen geographisch gesehen sind die Ehen von minderjährigen Mädchen. TEV DEM hat ein Gesetz aufgestellt, welche das heiraten vor dem 18. Lebensalter verbietet, doch in der Praxis wird es nicht immer eingehalten. Nach der Revolution wurden Frauenhäuser gegründet, an die sich die zwangsverheirateten Mädchen wenden können, damit sie eingreifen. Ehrenmorde werden immer noch verübt. In den letzten sieben Monaten vor dem Interview mit Kurdmann kam es zu drei Ehrenmorden, berichtet sie. Sie versuchen vorbeugende Maßnahmen einzuführen, doch sagen auch dassdie Veränderungen erst durch geschaffenes Bewusstsein entstehen werden.

Solange das traditionelle Verständnis über die Frau  und ihre Rolle in der Gesellschaft in der restlichen Welt nicht bekämpft wurde, ist die Revolution und vor allem die Frauenrevolution in Rojava einem Risiko ausgesetzt. Die YPJ ist organisatorisch an die YPG gebunden, aber organisiert sich vollkommen unabhängig. Die YPJ hat eine eigenes Bataillone und eine Bildungsakademie gegründet. Die ersten Gefallenen der YPJ haben bewirkt, dass ein großer Respekt vor Gefallenen Frauen und in erster Linie den ersten gefallenen Slava und Berivan gegenüber entstanden ist. Besondere Treffen für die Frauen stärkten das Selbstbewusstsein, angeforderte Frauenberichte bewirkten schnelles Eingreifen und die Konferenzen in jedem Bezirk schufen einen kollektiven Ort, wo Probleme und Vorschläge diskutiert wurden. „Die Frauen aus Rojava schreiben Geschichte.“ Eine wichtige Errungenschaft für die Frauenbewegung der Welt, welche international gesehen werden muss.

Darum lasst uns die Frauenrevolution in Rojava gegen die Angriffe der imperialistischen Länder verteidigen. Lasst uns die gefallenen Frauen* die ihr Leben für die Freiheit ließen in unserer Praxis unsterblich machen und die Errungenschaften der Frauenrevolution in jeden Zentimeter dieser Erde tragen und verbreiten. Denn das sind wir ihnen als Internationalist*Innen schuldig.

Hoch lebe die Rojava Revolution!  Hoch lebe die Frauenrevolution!
Jin Jiyan Azadî


*Özgür Genclik18. Ausgabe – Juli/August 2015, Seite 9 –“KadinlarinDirilisi Rojava”   *2 Sosyalist Kadin – Herbst 2013 / Ausgabe 10