Black Lives Matter!

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Gestern sind überall in Deutschland Zehntausende Menschen, insbesondere migrantische und schwarze Jugendliche, unter dem Motto “Black Lives Matter” gegen rassistische Polizeigewalt auf die Straßen gegangen.
In Hamburg wurden Barrikaden gebaut, in Berlin wurden Demonstrierende von Seiten der Polizei brutal angegriffen. In Frankfurt war eine Stimmung, die noch niemand so erlebt hat: die ganze Stadt war gefüllt von Jugendlichen, die ganze Woche schon gibt es verschiedene Aktionsaufrufe, an denen jedes Mal Tausende teilnahmen. Kundgebungen wurden zu Spontandemonstrationen, sogar die Wege zu den Demonstrationen wurden zu Spontandemonstrationen. Gestern wurde mittags bis spät in den Abend hinein die ganze Stadt lahmgelegt.

Von Instagram auf die Straße
Die Proteste der Black Lives Matter-Bewegung sind anders als normale Proteste hier in Deutschland. Der Aufruf zu diesen Protesten kam nicht in jeder Stadt von der lokalen antifaschistischen Organisierung oder auch bundesweit von einer breiteren linken Organisation. Der Aufruf zu den “Silent Protests” wurde von den beiden Instagrammerinnen Perla und Nadje gestartet, die bis dahin mit Modefotos, auf denen sie posen, einige tausend Followerinnen gesammelt haben und sonst auch kaum politisches auf diesen Accounts von sich gegeben haben. Zwei schwarze junge Frauen, die die Ungerechtigkeit, die sie erfahren, nicht mehr ertragen wollen. Nadje sagt in dem Video, das dem Aufruf vorausgeht: “Am Abend, als das Video kam, war ich bei meiner Mama. Sie hat mich in der Nacht dann nach Hause gefahren, weil ich so fertig war. Im Auto meinte sie zu mir: ‘Nimm dir das nicht so zu Herzen, das ist doch schon normal.’‘ Sie konnte es nicht fassen und sagt in dem Video, dass es Zeit ist, auf die Straßen zu gehen. Dass die Generation ihrer Eltern immer nur gebetet und in Gott vertraut hätten, aber dass wir heute sehen würden, was das Beten gebracht hat. Dass Gott uns einen Mund gegeben habe, um ihn zu benutzen. Die Videos der beiden Instagrammerinnen lösten eine riesige Welle der Unterstützung und Proteste in allen möglichen halbwegs großen Städten Deutschlands aus. Diese Proteste wurden in der Regel zu einem Großteil von genau so politische unerfahrenen Menschen organisiert wie ihnen selbst. In Frankfurt gab es am Abend im Anschluss an den Silent Protest eine Demonstration vom Hauptbahnhof aus quer durchs Gallus, ein migrantisches Arbeiterinnenviertel. Auch diese Demo wurde von zwei migrantischen jungen Frauen von Instagram aus gestartet. Auf der Abschlusskundgebung, nachdem die Demo entgegen der eigentlichen Planung fast vier Stunden lang immer, immer weiter lief, erzählte eine der Organisatorinnen, eine schwarze junge Frau, von den Gründen, warum sie zu dieser Demo aufrufen musste. Sie erzählt von ihren eigenen Erlebnissen mit rassistischer Polizeigewalt und sie sagt, dass sie deshalb nicht weiter schweigen konnte. Abends um zehn Uhr, nach fast 8 Stunden der Aktion, stehen immer noch hunderte, tausende Jugendliche um sie herum und schreien gemeinsam mit ihr “No justice no peace!”.
Die Jugendlichen, die dort mit ihr stehen und schreien, waren zu einem großen Teil wahrscheinlich noch nie auf einer Demo. Bei der deutschlandweiten Demo in Hanau nach dem Massaker waren nicht einmal 10.000 Menschen. Gestern waren alleine in Frankfurt über 10.000 und in vielen anderen Städte waren es noch viel mehr. Sogar Frankfurts größter Meme-Account auf Instagram hat zu den Protesten diese Woche aufgerufen. Auf den Demos standest du plötzlich neben deinen ehemaligen Nachbar*innen und völlig vergessenen alten Bekannten. Die schwarze Jugend der Stadt war auf der Straße.

Eines der entscheidenden Dinge, die die letzten Tage wieder einmal gezeigt haben, ist, dass auch der Widerstand mit der Zeit wächst. Die Proteste wurden in erster Linie über Instagram organisiert.
So wie bei den Corona-Demos auf der anderen Seite wurden auch die Silent Protests über Telegram-Gruppen kommuniziert, in die innerhalb weniger Tage hunderte, tausende Menschen eintraten. Das Potential, wie ein Video aus den USA eine Massenbewegung in etlichen Teilen der Welt anstoßen kann, ist unglaublich. Die Zeiten der imperialistischen Globalisierung machen auch den internationalistischen Widerstand auf einem ganz anderen Niveau möglich, wenn wir es endlich schaffen, die Mittel der Zeit ensprechend zu nutzen.

Hanau und Minneapolis
Das rassistische Massaker in Hanau ist jetzt fast vier Monate her. Die Tränen sind noch lange nicht getrocknet. Minneapolis, George Floyd, ist ein weiterer drückender Finger in der Wunde. Die Bewegung “Black Lives Matter” hat sich grenzenlos ausgebreitet; so grenzenlos, wie die Unterdrückung schwarzer Menschen auch ist. Antischwarzer Rassismus ist nicht nur in den USA ein Problem. Rassistische Polizeigewalt ist sicherlich nicht nur in den USA ein Problem. Die Redner*innen auf den zahlreichen Kundgebungen haben das eindeutig klar gemacht und die Unterdrückung und den Widerstand schwarzer Menschen in Deutschland in ihren eigenen Worten ausgedrückt. Christy Schwundeck, Oury Jalloh, Matiullah Jabarkhil sind einige tragische Beispiele, die diese Erkenntnis, mit dem Leben bezahlen mussten: dass rassistische Polizeigewalt ein ganz akutes, ganz lokales deutsches Problem ist. Den meisten migrantischen Jugendlichen ist das sonnenklar, schon aus dem eigenen Erlebten
heraus.

Auch hier in Deutschland erleben wir seit längerer Zeit schon einen großen Anstieg von Rassismus und rechter Gewalt. Polizeigewalt kam dabei auch immer wieder auf die Tagesordnung. Wir alle kennen die Videos auf Instagram, wo besonders in der Corona-Zeit etliche Menschen die
Polizeigewalt, die sie oder andere erlebt haben, dokumentiert und veröffentlicht haben. Will Smith hat es auf den Punkt gebracht: “Racism isn’t getting worse, it’s getting filmed.” (“Rassismus wird nicht schlimmer, er wird gefilmt.”) Der grausame Fall von George Floyd hat die Bombe zum Platzen gebracht, aber wie in den USA hatte sich auch hier in Deutschland schon lange vieles aufgestaut. Das Video, die grausamen acht Minuten voller Unmenschlichkeit, konnten keinen normal denkenden Menschen auf dieser Welt unberührt lassen. George Floyd ist derjenige, der diese riesigen Massen vorher unorganisierter Menschen auf die Straßen gezogen hat. Aber den allermeisten ist bewusst, dass es um mehr geht: ob die Faschisten in den USA stehen oder in Deutschland, ist egal. Während auf der ersten Spontandemo in Frankfurt noch fast ausschließlich englischsprachige Slogans zu hören waren, waren gestern schon viele “Fuck AfD”- und “Nazis raus”-Slogans zu hören, nachdem ein Rassist provoziert hat und von einer wütenden Masse schwarzer Jugendlicher aus der Demo getrieben wurde. Diese Menschen brauchen keine 2-stündigen Vorträge in linken Zentren, um zu verstehen, dass Antifaschismus und Antirassismus zwei Finger der selben Faust sind, dass Selbstverteidigung unser Recht und dieser Kampf international ist.


In der vergangenen Woche haben viele Linke die Organisatorinnen der Silent Protests kritisiert. Es gäbe #alllivesmatter-Leute in ihren Reihen (weil die Leute die Bedeutung des Slogans nicht kannten, wie sich herausstellte), stiller Protest sei nicht angemessen, Weiße würden die Proteste mitorganisieren. An vielen der genannten Kritiken mag viel Wahres dran sein. Andere Genossinnen nahmen Kontakt auf, diskutierten über #alllivesmatter und die Wichtigkeit von lautstarkem Protest und überzeugten. Von außen kritisieren können viele. In der Bewegung zu kämpfen ist schwerer, aber der richtige Weg. Sind wir hier, um Jugendliche für den revolutionären
Kampf zu organisieren, oder um uns und unseren Follower*innen in eloquenten Twitter-Posts zu beweisen, wie super schlau und politisch wir doch sind?


In anderthalb Wochen ist der 19. Juni, 4 Monate Hanau.
In zwei Wochen ist der 22. Juni, ein Monat George Floyd.
Hanau und Minneapolis sind zwei Seiten der selben Medaille. Migrantifa und Black Lives Matter lassen sich nicht voneinander trennen. Hanau hat etlichen migrantischen Jugendlichen gezeigt, dass Politik nicht einfach ein Schulfach, sondern eine Überlebensfrage in einer rassistischen Gesellschaft ist. George Floyd hat dieser Erkenntnis jedem und jeder noch einmal mitten ins Gesicht geschlagen. Wenn wir eine starke Bewegung gegen Rassismus und Faschismus schaffen wollen, dann müssen wir klar machen: Migrantifa und Black Lives Matter sind nicht nur untrennbar, sie gehören auch zusammen. Wir müssen die Bewegungen zusammenführen und den Massen an wütenden Jugendlichen wirklich offene Orte schaffen, um sich zu organisieren.

Rassismus und Kapitalismus
Überall auf der Welt sind Rassismus und Faschismus auf dem Vormarsch. Aber die letzten Tage zeigen uns die ganz klare Hoffnung, dass die Unterdrückten bereit sind, zu kämpfen. Vieles steht uns bevor: die massenhaften Corona-Tode in den Armenvierteln der Welt zeigen uns
den Klassencharakter der staatlichen “Bekämpfung” des Virus. Ein Großteil der Arbeiterinnenklasse ist gleichzeitig rassistisch unterdrückt: wer sind diejenigen, die während Corona in beschissen bezahlten Jobs weiterschuften müssen, weil “Home Office” für sie nie möglich war? In erster Linie migrantische Menschen und Frauen. Wer sind diejenigen, die sich in Deutschland keine private Krankenversicherung und zum Beispiel in den USA gar keine m Krankenversicherung leisten können? Die in der Wirtschaftskrise gerade als erste entlassen oder in Kurzarbeit gesteckt werden? Ihr alle wisst die Antwort.
Die rassistische Gewalt ist unübersehbar und die Wut, die sich gerade dagegen organisiert, war schon längst überfällig. Die Ermordung von George Floyd ist nicht einfach aus dem Nichts aufgekommen! Allein im selben Monat gab es in den USA schon vier rassistische Morde an
schwarzen Menschen durch weiße Polizisten. Armut und Perspektivlosigkeit sind die tägliche Realität schwarzer und migrantischer Jugendlicher – nicht nur in den USA, auch hier in Europa. Die globale Wirtschaftskrise, die erst noch in ihren Kinderschuhen steckt, wird diese Widersprüche noch viel weiter vertiefen. Die unterdruückte migrantische Jugend war lange unorganisiert und die linke Bewegung war unfähig, den Unterdrückten einen Ort zur Organisierung zu bieten. Jetzt haben sich die Jugendlichen diese Orte selbst geschaffen, während der Großteil der linken Bewegung mit großen Augen zuschaut. Langsam sollten wir anfangen zu blinzeln und uns fangen.


I am no longer accepting the things I cannot change. I am changing the things I cannot accept!” – Angela Davis
(“Ich akzeptiere nicht weiter die Dinge, die ich nicht verändern kann. Ich verändere die Dinge, die ich nicht akzeptieren kann!”)
BLM-Protest, Berlin
BLM-Protest, Franfurt am Main