Solidarität mit Rojava! Abschließende Polemiken zum Anfang des Krieges

Seit 7 Jahren diskutieren wir – von Zeit zu Zeit intensiver – über die Solidarität mit Rojava und die Föderation in Nord- und Ostsyrien. Mit diesem Artikel wollen wir zum Beginn einer neuen Phase, die ohne Zweifel bedrohlicher für die Zukunft der Revolution ist als die davor, einige Erinnerungen machen. Die Organisationen und Parteien, mit denen wir uns unter anderem direkt auseinandersetzen, sollten diesen Artikel nicht als politischen Angriff, sondern als einen revolutionären Versuch ansehen, einen der Realität näheren Einblick nach Deutschland zu tragen. Dafür wollen wir einige Tendenzen zum Anfang des Krieges offen legen, um den jeweiligen Linien die Möglichkeiten zu geben, ihre Haltung zu überdenken.

Leiser Sozialchauvinismus: Solidarität mit den Völkern(!)

Die Kommunistische Organisation (KO), die wir eher von ihren Diskussionsforen kennen als von der Straße, haben nach einer langen Zeit ihr Schweigen zum Thema Rojava gebrochen. Wir werden ihre Erklärung „Wir verurteilen den türkischen Einmarsch in Syrien!“ vom 10.Oktober aus verschiedenen Perspektiven in die Hand nehmen, weil sie uns viele Möglichkeiten bietet, aktuelle Ansätze des Antiimperialismus im Verhältnis zur Solidarität mit Rojava zu diskutieren.

Ihre Haltung zum jüngsten Angriff lässt sich wie folgt zusammenfassen:

1- Die Türkei führt Krieg und greift Syrien(!) an, weil sie unabhängig von der USA eigene Interessen und Ziele verfolgt.

2- Die Kurd*innen haben den Bürgerkrieg ausgenutzt(!), die Region unter ihre Kontrolle(!) gebracht und verfolgen eine „opportunistische und pro-imperialistische Politik“, die nicht zu rechtfertigen sei. 

3- Allein die Einheit des syrischen Staates wäre im Interesse der Arbeiterklasse und Völker der Region gewesen und durch die Schaffung eines faktischen Seperatstaates in Nord- und Ostsyrien haben sich die Kurd*innen an der Zerstückelung des Landes beteiligt. 

4- Keine Unterstützung den Organisationen (YPG/YPJ, SDF), die nicht die Interessen der Arbeiterklasse und der Völker der Region verfolgen, reaktionär sind, sondern „nur“ Solidarität mit den betroffenen Völkern(!).

5- Der Angriff ist ein Ergebnis der Zusammenarbeit der SDF mit der USA.

6- Trotzdem: Gegen die Aggression des türkischen Staates ist Widerstand grundsätzlich legitim.

Leider sind alle diese Einschätzungen mehr als nur verfehlt. Sie sind weit davon entfernt, die inneren Dynamiken des Bürgerkriegs in Syrien und die Bedeutung der kurdischen Frage verstanden zu haben:

1- Die Türkei führt Krieg, weil sie ein kolonialistischer Staat ist. Der Angriff ist ein Ergebnis des kolonialistischen Charakters des türkischen Staates. Der türkische Staat ist ein kapitalistischer Staat, der finanz- ökonomisch von US- und europäischen Imperialisten abhängig ist. Obwohl der türkische Staat selbst abhängig ist, ist er mit dem Iran, Irak und Syrien kolonialistisch im Verhältnis zur kurdischen Nation. Dementsprechend wurde auch die kurdische Befreiung in vier Fronte geteilt. Damit der Norden befreit werden kann, muss der türkische Kolonialismus zerschlagen sein, damit der Westen befreit wird, muss der syrische Kolonialismus zerschlagen sein usw. nichtsdestotrotz gibt es unter der kurdischen Nation aber auch eine nationale Einheit, sodass die Zerschlagung des Kolonialismus in einem Teil auch Auswirkungen auf die nationalen Befreiungsbewegungen in den anderen Teilen führt. Deswegen ist die nationale Befreiung in einem der Teile auch von “existenzieller” Bedeutung für die anderen kolonialistischen Staaten. Dies nennen wir kolonialistische Einheit. Aus diesem Grund ist Rojava und der Status der Kurd*innen in Nordsyrien für alle vier kolonialistischen Staaten eine existenzielle Frage, allen voran für den türkischen Staat. Der türkische Staat und Rojava können nicht langfristig “friedlich” miteinander leben. Der türkische Staat hätte zwei Möglichkeiten. Entweder erkennt er den Kurd*innen im Norden (Türkei) einen Status an oder zerstört Rojava. Die erste Möglichkeit könnte der türkische Staat aber nicht in ihrer jetzigen Form umsetzen, weil die Leugnung der kurdischen Nation in ihren Gründungskodierungen von 1923 festgeschrieben steht. Deswegen entschied er sich für den tamilischen Weg und den damit verbunden totalen Krieg gegen die Föderation in Nord- und Ostsyrien. Es ging der Türkei von Anfang an nicht um Einfluss in Syrien oder im Mittleren Osten. Der kolonialistische türkische Staat hat von Anfang an versucht, die zwischen-imperialistische Konkurrenz dazu auszunutzen, um einen kurdischen Status zu verhindern. Das sagt der faschistische Chef Erdogan und seine Sprecher in letzter Zeit auch immer wieder: “Mit dem syrischen Regime haben wir keine Probleme. Wir führen auch Gespräche. Es geht uns um unsere Sicherheit. Es geht uns um Terroristen.” Der Diktator stellt immer wieder heraus, dass er nicht das syrische Regime angreift. Das Problem sind Terroristen; mit anderen Worten die Kurd*innen.


2- Die Kurd*innen sind taktische Bündnisse mit verschiedenen Kräften eingegangen, die Widersprüche zwischen den Imperialisten ausgenutzt, um überleben zu können. Die jetzige Lage zeigt, dass wir recht hatten im Hinblick auf die Beziehungen der Leitung Rojavas mit imperialistischen Kräften. Der These, der Angriff sei ein Ergebnis der Zusammenarbeit mit Imperialisten, fehlt leider Grund und Boden. Wir hatten schon am Anfang des Jahres herausgestellt: “Auch, wenn es zu politischen Gesprächen mit den USA kam, ist das Verhältnis der QSD zur USA weiterhin taktisch-militärischer Natur. Der Osten Euphrats ist für die USA existenziell im Hinblick auf Syrien. Für die Revolution ist die USA aber nicht existenziell für die Zukunft der Revolution.” (Die nächste Zukunft in Syrien und Rojava) Wie kann eine Beziehung strategisch sein, gar abhängig sein, wenn die Existenz der USA auf dem Gebiet von Nord- und Ostsyrien beschränkt ist auf militärische Stützpunkte? Die US-Truppen ziehen sich zurück. Die Stützpunkte werden nun gefüllt mit Kräften der SDF, in einigen Gebieten mit Kräften des Regimes und Russlands. Die Vermischung und Verwischung von Strategie und Taktik, Programm und Politik ist eine der grundlegendsten Mängel, die die Krise der kommunistischen und marxistischen Weltbewegung begründen. Die Kurd*innen haben es geschafft, durch die Ausnutzung der Widersprüche zwischen den Imperialisten und dem militärisch-taktischen Bündnis mit der USA den kolonialistischen Angriff zu verzögern. Die USA konnte und hat sich zurückgezogen, weil Rojava sich eben nicht den Interessen der USA gerecht positioniert hat.

3- Jede Nation – auch die Kurd*innen – haben ein Recht auf Selbstbestimmung, ohne Wenn und Aber. Die Herangehensweise von Kommunist*innen an die nationale Frage wird immer wieder Prüfstein ihrer Linie. V.I. Lenin hat sich genug in aller Fülle zur nationalen Frage geäußert. Wahrscheinlich wird niemand bezweifeln, dass die Kurd*innen eine Nation im Mittleren Osten sind und Kurdistan eine Kolonie ist, die im Rahmen des Ersten Weltkriegs von den kolonialistischen Staaten mit imperialistischer Planung geteilt wurde. Nicht die Kurd*innen teilen Syrien (als Teil eines Plans der USA), sondern die Kolonialisten – Syrien eingeschlossen – haben Kurdistan geteilt. Die kurdische Frage ist keine 7-jährige Frage des Bürgerkriegs in Syrien, sondern eine, die mindestens genauso alt ist wie die Existenz der Staaten selbst. Mit dieser Annahme werden wir die leninistische Herangehensweise an die Frage zusammenfassend diskutieren. Das “Recht auf nationale Selbstbestimmung” ist Teil des demokratischen Programms von Kommunist*innen und dieses Recht umfasst eben vor allem das Recht auf Abtrennung von unterdrückten Nationen.*  Denn: “Wie die Menschheit zur Abschaffung der Klassen nur durch die Übergangsperiode der Diktatur der unterdrückten Klasse kommen kann, so kann sie zur unvermeidlichen Verschmelzung der Nationen nur durch die Übergangsperiode der völligen Befreiung, das heißt Abtrennungsfreiheit aller unterdrückten Nationen kommen.” Dabei kann es sein, dass die nationale Selbstbestimmung einem Interesse einer imperialistischen Hegemonie kraft zugutekommt. Auch darauf antwortet Lenin: “Die Tatsache, dass der Kampf gegen eine imperialistische Regierung für die nationale Freiheit unter bestimmten Bedingungen von einer andern „Großmacht“ für ihre ebenfalls imperialistischen Ziele ausgenutzt werden kann, kann die Sozialdemokratie eben sowenig bewegen, auf die Anerkennung des Selbstbestimmungsrechts der Nationen zu verzichten, wie die mehrfachen Fälle der Ausnutzung der republikanischen Losungen durch die Bourgeoisie in ihrer politischen Betrügerei und Finanz-Räuberei zum Beispiel in romanischen Ländern die Sozialdemokratie auf ihren Republikanismus zu verzichten bewegen können.” Natürlich hat die kommunistische Organisation das Recht, das Recht auf nationale Selbstbestimmung abzulehnen – aber nicht im Namen des Leninismus.

4- Die SDF und die Leitung der Föderation von Nord- und Ostsyrien sind die revolutionären Vertreter*innen der Völker Nord- und Ostsyriens. Die Behauptung, die SDF und Rojava wären reaktionär, ist kein Ergebnis einer materialistischen Analyse und Beobachtung der Entwicklungen in der Region. “Revolutionäre, die die Revolution nicht verstehen” hatten wir schon immer. Jetzt kommen auch noch “Revolutionäre, die die Revolution als Reaktion sehen” dazu. Leider haben wir natürlich noch zurzeit nicht die Menge an Beobachtungen und Erfahrungen mit jener Organisation, um sie als “revolutionär” zu charakterisieren. Wir haben in der jüngsten Vergangenheit viele Polemiken dazu führen müssen, warum Rojava nicht nur “fortschrittlich”, sondern eine “Revolution” ist. Dazu kann sich die kommunistische Organisation gerne unsere kritische Broschüre zum Demokratischen Konföderalismus durchlesen. Der Hauptgrund für jene Behauptung ist die Perspektive, aus der die kommunistische Organisation diese fehlerhafte Analyse macht. Wenn man aus einem krankhaften Zentralismus auf die Entwicklungen schaut und dem Regime einen (teils) antiimperialistischen Charakter zuschreibt, kann man durchaus zu dem Ergebnis kommen. Die Autor*innen dieser Erklärung sind blind, wenn es um die national-demokratischen Rechte der Kurd*innen und die Gleichberechtigung der Frauen geht. Leider führen sie ihre Blindheit fort, wenn sie von einem abstrakten Klassen- und Volksbegriff reden. Gehören die Kurd*innen, die Armenier*innen und Assyrer*innen im Norden Syriens nicht zum Volk? Die Föderation von Nord- und Ostsyrien, die Frauen* eine eigene Armee gegeben hat, Geschlechterbefreiung nicht nur per Gesetz, sondern auch im Leben durchgesetzt und garantiert hat, Demokratie von Kommunen bis zur Spitze aufbaut in der Realität des Mittleren Ostens als “reaktionär” zu charakterisieren, ist bei bestem Willen eine Absurdität, die es noch nicht einmal verdient, weiter diskutiert zu werden.

5- Widerstand ist notwendig – nicht nur in Rojava, sondern auch in Europa. Das Volk leistet Widerstand. Nicht nur die Verteidigungskräfte, die Kommunist*innen und Internationalist*innen, sondern auch die Kommunen bewaffnen sich und verteidigen ihre Errungenschaften gegen den kolonialistischen Angriff. Die Revolution nutzt ein weiteres Mal zwischen-imperialistische Konkurrenzen aus und arbeitet ein militärisch-taktisches Bündnis mit dem Regime aus. Darüber wird die sozial-chauvinistische Linie wahrscheinlich jubeln. Besonnenheit! Die Kurd*innen und Völker Nord-Ostsyriens wissen und zeigen mit ihrer Praxis, dass nur ihre eigene Selbstorganisierung und die Solidarität der Völker den kolonialistischen Angriff stoppen kann.

Die kommunistische Organisation, die mit ihrer Abspaltung von der DKP eine “neue kommunistische Bewegung” schaffen wollte, positioniert sich leider immer fester auf dem “linken Flügel” der sozialchauvinistischen und revisionistischen Internationale.

Lauter Sozialchauvinismus: Solidarität mit dem Regime(!)

Die DKP, die jeden Realitätsbezug im Hinblick auf Rojava verloren hat, geht noch weiter. Ihr Organ uz fungiert nahezu als “linkes” Auslandsorgan des syrischen Regimes. In der uz vom 11. Oktober schreibt Manfred Ziegler: “Jenseits der Heldensaga um Rojava war der Kampf um weite Gebiete Syriens östlich des Euphrat eine Materialschlacht der US-Luftwaffe und Artillerie. […] Das enge militärische und politische Bündnis mit den USA hat Rojava vollständig zerstört. Es gibt keine kurdischen “Kantone” mehr, sondern nur noch ein Gebiet, das die USA mit ihren Stützpunkten und Waffen kontrollieren – und von der YPG kontrollieren lassen. […] Im besetzten Gebiet im Norden Syriens geht es um nichts anderes als die Kontrolle über Ressourcen. […] [diese liegen größtenteils] unter Kontrolle der USA und ihrer Verbündeten – dem Wiederaufbau des Landes bewusst entzogen.” Leider müssen wir auch hier allen ausgeführten Punkten widersprechen, werden dies aber nicht ausführlich machen, weil wir viele der Diskussionen schon oben geführt hatten. Nach der Schlacht um Kobanê mussten die imperialistischen Kräfte unter der Führung der USA im Rahmen der internationalen Koalition ein militärisch-taktisches Bündnis mit Rojava eingehen. Im Rahmen dieses Bündnisses wurde in der Leitung der SDF der Krieg gegen den IS geführt. Die bewusste Leugnung der Rolle der SDF im Krieg gegen den IS ist im besten Fall eine Täuschung, obwohl die bürgerliche Politik sich dies eingestehen musste. Rakka wurde nicht zerstört wegen Luftangriffen der USA, sondern weil SDF die Stadt Gebäude für Gebäude befreit hat und der IS alles in die Luft gesprengt hat, als sie sich zurückziehen mussten. Wir führen das nicht aus, um die USA besser zu reden, als sie ist. Die USA hat im Mittleren Osten nichts zu suchen. Aber diese Worte vertuschen den Sieg der Revolutionskräfte, der mit unzähligen Opfern und Verletzten gewonnen wurde. Die Föderation von Nord- und Ostsyrien hat eine eigene politische und militärische Instanz und lebt nach dem Abzug US-amerikanischer Truppen weiter. Es ist nicht die USA, die Serêkanîye seit über einer Woche gegen die türkische Armee verteidigt, sondern die Verteidiger*innen der Revolution. Die Ressourcen sind in der Kontrolle der Föderationsverwaltug und sollen im Interesse des Volkes genutzt werden. Leider vergessen die Kolleg*innen von uz, dass es genau das kolonialistische Regime Syriens ist, das den Abbau und die Verwertung von Ressourcen verhindert. Die bewusste kolonialistisch motivierte Unterentwickeltheit von Nord- und Ostsyrien ist das Werk des syrischen Regimes. Erdöl gibt es in Rojava, aber es gibt nicht eine Raffinerie. Landwirtschaftliche Nutzfläche gibt es in Rojava, aber nicht eine einzige Mühle. Das nennt man Kolonialismus! Die DKP guckt sich ihre Linie natürlich bei ihrem Partner der sozial-chauvinistischen Internationale, der “Kommunistischen” Partei der Türkei ab, die bekanntermaßen in den Tiefen des sozial-chauvinistischen Sumpfes schwimmt. Die T”K”P hat es tatsächlich geschafft, eine Erklärung zum türkischen Angriff zu veröffentlichen, ohne die Kurd*innen einmal zu erwähnen! 

Bildergebnis für ypg victory

Rojava steht aufrecht

Wir hatten an sehr vielen Stellen in der jüngsten Vergangenheit über Arten und Möglichkeiten der Solidarität mit Rojava diskutiert. Dieser Artikel ist gedacht als eine abschließende Diskussion zu den oben gestellten Fragen. Für uns ist die Zeit der Polemiken vorbei. Genau so wie die Imperialisten sich ihren Interessen gerecht positionieren, hatte jede Organisation und Partei der werktätigen Linken in den letzten sieben Jahren die Möglichkeit gehabt, sich auf die Seite der Revolution zu stellen. 
Manfred Ziegler von unsere Zeit beendet seinen Kommentar „Leuchtfeuer oder Irrlicht“ vom 11. Oktober ironisch mit: „So ist Rojava untergegangen – in aller Pracht, mit Soldaten und Waffen aus den USA, mit Geld aus den Golfstaaten.“**

Sehr witzig Manfred. Leider wird dir der Spaß vergehen wie Diktator Erdoğan, der zur Zeit  der Schlacht um Kobanê feierlich erklärte: “Kobanê ist gefallen”. Kobanê steht aufrecht. Rojava steht aufrecht. Der Sozialchauvinismus, der mit dem russischen Imperialismus kuschelt und das kolonialistische syrische Regime verteidigt, der Reformismus, der nicht ein Stein gegen den amerikanischen Imperialismus in die Hand nehmen kann, der Revisionismus, der den Marxismus zu Lehrbuchschemata deformiert hat, egal ob laut oder leise ist zum Scheitern verurteilt.
Egal, ob in Rojava, in der Türkei, in Deutschland oder anderswo.

Grüße an die Kommunist*innen, die den Marxismus als Aktionsanleitung nutzen!

*Eigentlich braucht es zu der Frage noch nicht mal ein Kommentar von uns. Die Autor*innen solcher sozial-chauvinistischer Erklärungen und Artikel können sich Lenins Thesen zu “Die sozialistische Revolution und das Selbstbestimmungsrecht der Nationen” durchlesen. Unsere Zitate in diesem Teil stammen auch von diesem hervorragenden Artikel, einer Polemik mit den Opportunisten und Sozialchauvinisten seiner Zeit. Unser Artikel zielt nicht darauf ab, die leninistische Herangehensweise an die nationale Frage zu erläutern. Dies kann an einer anderen Stelle ausführlich gemacht werden – falls erwünscht.**In seinem Kommentar “Das beste Mittel” vom 18. Oktober feiert er dann das Bündnis mit dem Regime. Vorsicht Herr Ziegler. Noch handelt es sich um ein taktisches Bündnis. Nicht, dass Sie den gleichen Fehler machen wie bei der Analyse zur Beziehung zwischen USA und Rojava.

Verteidigen wir die Frauenrevolution in Rojava! Verteidigen wir sie für uns Alle!

Kurd*Innen, Ezid*Innen, Armenier*Innen, Syrier*Innen, Türkmen*Innen..
All sie haben gemeinsam die Revolution in Rojava vollbracht und der Welt gezeigt, dass sie nicht den Feindbildern folgen werden, die ihnen die imperialistischen Länder versuchen zu lehren. Sie leben zusammen, sie lachen zusammen, sie weinen zusammen und sie kämpfen zusammen. Schulter an Schulter bekämpfen sie die Dunkelheit. Die Frauen* in Rojava leisteten einen großen und wichtigen Beitrag für die Revolution. Sie wurden zu den Subjekten und brachen ihre Fesseln. Die Rojava Revolution gab der Frau* die Freiheit, das Mitbestimmungsrecht, den eigenen Willen und die Teilwerdung des gesellschaftlichen Lebens, der bis kurz zuvor nicht einmal das Atmen erlaubt wurde. Doch all dies kam nicht von allein. Sie wirkten, gestalteten und kämpften mit. In den ersten Reihen standen sie und blickten dem Feind furchtlos in die Augen. Die Frauen*, die bis vor kurzem noch als Gebärmaschinen betrachtet und behandelt wurden, gehen heute mit ihren Waffen aus den Häusern heraus und kämpfen in der Verteidigungsfront der YPG/YPJ für ihre eigene Befreiung und somit für die Frauen*revolution. Sie kämpfen, sie entwickeln sich zu Kommandantinnen, sie werden unsterblich. Sie bringen Opfer, sie erleben Verluste. Doch sie wissen, wenn morgen die Sonne über Rojava aufgeht, dann ist dies ihr Erfolg. Wenn statt weinenden Müttern die Freiheitslaute der Frauen auf den Straßen Kobanes, Efrins, Qamishlos erklingen, dann war es all das Wert.

In allen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens wirken die Frauen* mit und verteidigen die Revolution. Eine der Kämpferinnen der YPJ begründet ihre Teilnahme an der Revolution wie folgt: “Als eine Frau konnte ich das bestehende System so nicht akzeptieren. Wenn wir unser Leben mit dem der (männlichen) Freunde vergleichen, kann ich das Leben in dem ich lebe so nicht wahrhaben. Deswegen habe ich mich für ein freies Leben entschieden.”*

Die Frauen kämpfen dafür, dass nichts mehr nach dem Krieg so ist wie in dem patriarchalen und verfaulten System zuvor. Avesta, eine Kämpferin der YPJ verdeutlicht mit ihren Worten welches Geschlechtsbewusstsein die Revolution bei ihr ausgelöst hat: “Ich habe ein Versprechen gegeben und werde mich daran halten. Ich habe jeglichen Kontakt zu meinem Elternhaus abgebrochen und bin bereit für die Verteidigung meines Volkes und für die Freiheit dahin zu gehen wo das Bedürfnis besteht.”* 
Die Frauen* haben eine aktive Rolle an der Front aber auch bei dem Aufbau der Revolution.Sie kämpfen an vorderster Front, haben führende Verpflichtungen in der zivilgesellschaftlichen Organisation TEV-DEM und sorgen für die Sicherheit, in dem sie im Sicherheitsdienst der Asayiş Platz einnehmen.Sie besitzen eine vorreitende Rolle in den Räten und im Parlament durch ihre Arbeit. Jede Frau* versucht auf ihre Art und ihrer Kapazität sich an der Revolution zu beteiligen und einen Beitrag zu leisten. Frauen, die zu alt sind um an die Front zu gehen, versuchen hinter der Front alles was sie können und besitzen der Revolution zu widmen.
Auch in Rojava und auch nach der Revolution sind die Menschen von ihren patriarchalen Eigenschaften nicht befreit. Auch hier gibt es Fälle von sexueller Gewalt innerhalb der Gesellschaft.

Das Recht auf Selbstverteidigung der Frau ist rechtlich gesehen gesichert worden. Nicht nur das. Die Rechte der Frau gesellschaftlich, politisch, ökonomisch, kulturell usw. wurde sichergestellt. Die angewandte Frauenquote in Kantonen, Räten etc. beträgt 40 Prozent. In den meisten Fällen übersteigen die Frauen diese Quote. Beispielsweise ist die prozentuale Frauenbeteiligung im Kanton in Efrîn 65 Prozent. Frauen bilden ihre eigenen Gerichte und fallen ihre eigenen Urteile. In den Frauenhäusern finden Frauen, die von Gewalt betroffen waren oder sind Zuflucht. Dieser Ort dient aber gleichzeitig dafür die Frauen gegen das Patriarchat zu stärken, sie in den Widerstand zu integrieren und bei ihnen ein Geschlechtsbewusstsein zu schaffen. Das, was die Revolution bereichert sind, die Frauen*. Ihre Gerechtigkeit, ihre Gleichberechtigung, ihre Kultur. Sie machen das 21. Jahrhundert neben dem Jahrhundert der Revolution, zu dem Jahrhundert der Frauen*revolution.

Das Frauenbataillon Şehid Ruken

Der kritischste Punkt zwischen Efrîn und Halep wird von YPJ’lern im Şehid Ruken Bataillon verteidigt. Dieses Bataillon wurde am 5 März 2013 verkündet und war somit das erste Frauenbataillon. Danach folgten noch weitere. Die meisten der Frauen darin sind unter 20 Jahre alt. Diese Frauenwaren bevor sie sich der Revolution angeschlossen hatten, Schülerinnen, Studentinnen, Arbeiterinnen oder Arbeitslose. Alle haben erst bei der YPG eine Bildung bekommen und im Anschluss haben sich einige an den Kämpfen in ihren Dörfern oder Städten beteiligt und andere sich komplett der Verteidigung der Rojava Revolution gewidmet und sich dem Frauenbataillon angeschlossen. 

Die Kommandantin des Şehid Ruken Bataillons “Zozan Deniz” hat auf einige Fragen geantwortet. 

Hier ein paar Einblicke:

Weswegen hattet ihr das Bedürfnis nach einem Frauenbataillon innerhalb der YPG?
„In Gesellschaften, vor allem aber in der kurdischen Gesellschaft trauen sich die Frauen selbst nicht zu. Die Gesellschaft vertraut der Frau aber auch nicht. In gemischten Räumlichkeiten kann die Frau allein im Schatten des Mannes existieren. Wenn die Frau jedoch allein ist, lernt sie schnell, dass sie auch alleine mit ihrer Kraft auf ihren eigenen Beinen stehen kann. Wir mussten das Verständnis “Wenn es ein Problem gibt, werden Männer das schon lösen” aufbrechen.“

Besteht dieses Verständnis auch in der Praxis im Krieg?
„Nicht ganz. Unsere Art zu kämpfen ist gleich. Jedoch achten Frauen viel mehr auf kleine Details, die von Bedeutung sein können. Das extreme Selbstbewusstsein der Männer führte manchmal zu Unachtsamkeit und somit zu Fehlern, welche vor allem an der Front sehr gefährlich sein konnten. Deswegen können wir vor allem an Orten wie hier, einer der wichtigsten Stellungen den Frauen vertrauen.“

Wie hat das Volk in Efrîn auf das Frauenbataillon reagiert?
„Vor allem waren das Interesse und die Unterstützung der Familien sehr stark. Wenn wir mit unseren Autos und Fahnen nach Efrîn fuhren, wurden wir mit viel Liebe und Respekt begrüßt.  Die Menschen standen auf, schrien Slogans und winkten uns zu. Für alle anderen Orte hört sich das vielleicht normal an aber sogar unsere Autofahrerin war eine Frau. Die Menschen wurden nervös, freuten sich und redeten noch mehrere Tage darüber. Mit dem Frauenbataillon zusammen haben sich immer mehr Frauen dem Kamp angeschlossen. Sie entschieden sich dagegen zu fliehen und blieben um gegen den Islamischen Staat Widerstand zu leisten. Sie wussten was passieren kann, wenn sie heute nicht dagegen ankämpfen. Sie würden sie verkaufen, versklaven, vergewaltigen und umbringen.“

Was wird in der YPJ für die Weiterentwicklung das Geschlechtsbewusstsein gemacht?
„Bevor sich die Frauen der YPJ anschließen bekommen sie eine 20 tägige Ausbildung bei der YPG. Neben allen anderen Bildungseinheiten gibt es auch Einheiten über die Geschichte der Frauen und gesellschaftlicher Geschlechterrollen. Das Ziel dieser Bildungen ist vor allem den Frauen ihre eigene Stärke aufzeigen. Die Frauen wissen nicht, welche Veränderungen sie bereits in der Geschichte geschaffen haben. Außerdem wird Analphabetiker*Innen das Lesen und schreiben gelehrt, damit sie sich anschließen können.“

Was haben die Frauen der Rojava Revolution beigetragen?
„Wären die Frauen nicht da, würde ein sehr wichtiger Teil dieser Revolution fehlen. Die Frauen sind die, die den Verlauf, sowie die Zukunft der Revolution bestimmen. Wäre nicht Unterstützung, sowie die Führung der Frauen, hätte sich die Revolution nicht so sehr weiterentwickelt. Von den Räten und Akademien bis zu den Verteidigungseinheiten, überall ist eine Führung der Frauen der Fall. So stark wie die Beteiligung der Frauen ist, so stark wird auch die Revolution sein. Hier wird gerade Geschichte geschrieben und wir Frauen sind ein Teil dessen.“

Die Frauenakademie in Efrîn

In Efrîn ist eine von den Akademien (Sprachen-Akademie, freie Presse-Akademie etc.) die Frauen-Akademie, welche vor allem im Vordergrund steht weil viele Frauen dort sind. Frauen lernen und lehren – Das Ziel ist hiermit die aktive Beteiligung der Frauen an der Revolution. Doch dies reicht ihnen nicht– gesellschaftliche Rollenbilder thematisiert und aufgebrochen, man zielt einen neuen Menschen an. Vor der Tür der Akademie stehen zwei Frauen mit Kalaschnikows und achten darauf, dass Männer nur mit einer Erlaubnis hereingehen. Vor der Revolution war es das Haus des Bürgermeisters gewesen. Am 8.März 2013 war die offizielle Eröffnung, doch die Bildungen fanden auch bereits davor statt. Als erstes wurden die 40 Frauen für die Asayiş ausgebildet. Arşen Kurdman ist im Vorstand der Akademie und äußerte sich bei einem Interview mit der Autorin Arzu Demir wie folgt:„Die Frauen müssen das System, welches wir hier aufbauen verstehen und in diesem System einen Platz einnehmen. Mit unserer Bildung versuchen wir dieses grundlegende Bewusstsein zu schaffen.”*2 Die Frauen in der Akademie erfahren ein 15-tägiges Bildungsprogramm. In den ersten sechs Tagen dieser Bildung werden “die Geschichte der Frau” und “gesellschaftliche Rollenbilder und ihre Funktion ” gelehrt. In den restlichen Tagen wird über das System diskutiert, welches aufgebaut werden soll. Aus den Verteidigungen von Abdullah Öcalan wird der Teil “freies und gleichberechtigtes Leben” (türkisch: “Özgür Eş Yaşamı“) gelesen und diskutiert.

Kurdmann beschreibt die Teilnehmerinnen wie folgt: “Wir setzen keine Altersbegrenzung. Erst kamen die Frauen, die in der Asayiş einen Platz einnehmen wollten. Diese Frauen waren jung, aber auch mittleren Alters.Die Ratsmitglieder waren eher im mittleren Alter und verheiratet. Frauen über 50 Jahren nehmen auch daran teil, vor allem die, die früher auch schon in den politischen Strukturen waren. Außerdem nehmen auch Frauen an Bildungen teil, welche in Institutionen arbeiten. Beispielsweise bilden wir Lehrerinnen oder Pressearbeiter*innen aus.”

Als Kurdman nach den Veränderungen gefragt wird, welche die Bildung schafft, unterstreicht auch sie die Aussage, dass Frauen ihre eigene Stärke erkennen müssen. Die Bildungen waren erst 10 Tage, dann wurden 15 Tage erkämpft. Die damalige Situation gab nicht einmal her, dass die Frauen 15 Tage aus ihren Häusern geholt wurden. Dochsie haben darum gekämpft. Natürlich reichten auch die 15 Tage nicht, aber die Diskussionen schaffen eine Grundlage im Bewusstsein der Frauen, sagte sie. Mit der Rojava Revolution sind Widersprüche entstanden, welche die Frauen mit Hilfe der Bildungen lernen zu erkennen. Manchmal können Ehemänner den Frauen die Arbeit begrenzen, auch wenn sie beide in den politischen Arbeiten drin sind. Sobald sie Entwicklungen sehen, versuchen sie Grenzen zu ziehen. Es scheint manchmal als wäre die gesellschaftlichen Rollenbilder überwunden, doch tief im Inneren sind sie manchmal fest verankert. Eins der größten Probleme der Frauen geographisch gesehen sind die Ehen von minderjährigen Mädchen. TEV DEM hat ein Gesetz aufgestellt, welche das heiraten vor dem 18. Lebensalter verbietet, doch in der Praxis wird es nicht immer eingehalten. Nach der Revolution wurden Frauenhäuser gegründet, an die sich die zwangsverheirateten Mädchen wenden können, damit sie eingreifen. Ehrenmorde werden immer noch verübt. In den letzten sieben Monaten vor dem Interview mit Kurdmann kam es zu drei Ehrenmorden, berichtet sie. Sie versuchen vorbeugende Maßnahmen einzuführen, doch sagen auch dassdie Veränderungen erst durch geschaffenes Bewusstsein entstehen werden.

Solange das traditionelle Verständnis über die Frau  und ihre Rolle in der Gesellschaft in der restlichen Welt nicht bekämpft wurde, ist die Revolution und vor allem die Frauenrevolution in Rojava einem Risiko ausgesetzt. Die YPJ ist organisatorisch an die YPG gebunden, aber organisiert sich vollkommen unabhängig. Die YPJ hat eine eigenes Bataillone und eine Bildungsakademie gegründet. Die ersten Gefallenen der YPJ haben bewirkt, dass ein großer Respekt vor Gefallenen Frauen und in erster Linie den ersten gefallenen Slava und Berivan gegenüber entstanden ist. Besondere Treffen für die Frauen stärkten das Selbstbewusstsein, angeforderte Frauenberichte bewirkten schnelles Eingreifen und die Konferenzen in jedem Bezirk schufen einen kollektiven Ort, wo Probleme und Vorschläge diskutiert wurden. „Die Frauen aus Rojava schreiben Geschichte.“ Eine wichtige Errungenschaft für die Frauenbewegung der Welt, welche international gesehen werden muss.

Darum lasst uns die Frauenrevolution in Rojava gegen die Angriffe der imperialistischen Länder verteidigen. Lasst uns die gefallenen Frauen* die ihr Leben für die Freiheit ließen in unserer Praxis unsterblich machen und die Errungenschaften der Frauenrevolution in jeden Zentimeter dieser Erde tragen und verbreiten. Denn das sind wir ihnen als Internationalist*Innen schuldig.

Hoch lebe die Rojava Revolution!  Hoch lebe die Frauenrevolution!
Jin Jiyan Azadî


*Özgür Genclik18. Ausgabe – Juli/August 2015, Seite 9 –“KadinlarinDirilisi Rojava”   *2 Sosyalist Kadin – Herbst 2013 / Ausgabe 10