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Das Rot im Regenbogen – Aydan Ezgi Şalcı

Wer schon einmal von der Stadt Kobanê gehört hat, wird wahrscheinlich auch an Suruç (Pirsûs) denken. Eine Stadt unmittelbar in der Nähe von Kobanê, hinter den türkischen Staatsgrenzen. Kobanê liegt in Rojava (Westkurdistan/Nordostsyrien), an der Grenze zum türkischen Staat. Im September 2014 wurde Kobanê überfallen vom sogenannten Islamischen Staat, der die Stadt versuchte einzunehmen, aber immer wieder von den YPG und YPJ (Volks- und Frauenverteidigungseinheiten) davon abgehalten wurde. Monatelang, bis Februar 2015 waren Meter um Meter, Haus um Haus heftig umkämpft. Stück für Stück nahmen die YPG und YPJ Kobanê wieder ein und befreiten die Stadt von den faschistischen IS-Banden. Nach der Befreiung von Kobanê, wollten junge Revolutionäre aus der gesamten Türkei und Nordkurdistan die Stadt wieder aufbauen und gingen auf eine Reise. In Suruç, während einer Pressekonferenz der SGDF, wurden 33 dieser jungen Menschen durch ein Bombenattentat des IS, mit Unterstützung des faschistischen, türkischen Staates, ermordet.

„Gemeinsam haben wir Kobanê befreit, gemeinsam bauen wir es wieder auf!“

Nach der Befreiung Kobanês lag die Stadt, wegen der heftigen Kämpfe mit schwerer Artillerie, in Trümmern. Die Jugendorganisation SGDF rief daher in der ganzen Türkei und Nordkurdistan in einer Kampagne dazu auf, Kobanê wieder aufzubauen. Etliche junge Menschen beteiligten sich an dieser Kampagne der SGDF, um nach Kobanê zu reisen, die Stadt wieder aufzubauen und den Kindern Kobanês Spielzeug mitzubringen. Darunter die 33 jungen Revolutionäre. Sie veranstalteten mehrere Spendensammelaktionen, wo sie Schmuck verkauften, um Geld zu sammeln für Einwohner:innen der Stadt, deren Häuser wegen der Gefechte nun in Trümmern lagen.

„Die Frau mit den Haaren in den Farben der Revolution“

Eine von ihnen, die dem Aufruf der SGDF folgten, war Aydan Ezgi Şalcı. Eine junge Frau aus Samsun, eine Stadt im Nordosten der Türkei, die bereits politische Arbeit machte; insbesondere für die LGBTI+-Bewegung. Neben ihrer Beteiligung an HDP-Wahlkämpfen, gründete sie die Gruppe Kizil Okyanus (dt.: „Roter Ozean“) in Samsun, die sich auf LGBTI+-Arbeiten fokussierte. Sie gründete die LGBTI+-Organisation Kizil Okyanus mit, aber dabei war sie selbst nicht LGBTI+. Sie selbst verstand sich nicht so. Doch sie erkannte, dass die Befreiung von LGBTI+ eine der Grundvoraussetzungen für die Befreiung aller Menschen von Unterdrückung und Gewalt weltweit ist.

Unter den Menschen in Samsun war sie bekannt. Jede:r kannte ihr Lächeln, ihren Kampfgeist und ihre Militanz, die sie gegen Faschisten zeigte. Jede:r kannte die junge, 19-jährige Journalismus-Studentin mit den roten Haaren, die sich im Juli 2015 auf eine Reise begeben würde, auf der sie unsterblich werden würde.

„Kein Traum wird unerfüllt bleiben“

Sie träumte davon ein Buch zu veröffentlichen, das die Geschichten von LGBTI+-Personen aus der gesamten Türkei und Nordkurdistans erzählte. Dafür suchte sie nach LGBTI+, die ihr Leben in Form von Briefen erzählten. Am 19. Juli 2015, ein Tag vor dem Attentat von Suruç, schrieb Ezgi auf Facebook eine ihrer Genoss:innen an: Loren Elva, die auch mit nach Kobanê ging. Mitten in der Nacht, kurz vor 2 Uhr. Ezgi entschuldigte sich bei Loren, sie mitten in der Nacht zu stören. Sie erzählte von ihrem Wunsch, Geschichten von LGBTI+ zu sammeln und in einem Buch zusammenzutragen und ob Loren interessiert sei ein Teil davon zu werden. Sie willigte ein und erklärte sich bereit weitere Menschen anzufragen, um zu Ezgis Projekt etwas beizutragen. Ezgi gab ihr bis zum 26. Juli 2015, um die Briefe gesammelt und an Ezgi verschickt zu haben. Von den Briefen würde Ezgi nie mehr was sehen, denn einen Tag später riss ein IS-Selbstmordattentäter sie und 32 weitere junge Revolutionäre in den Tod, als sie im Amara-Kulturzentrum von Suruc eine Pressekonferenz der SGDF abhielten und kollektive Zeit dort verbrachten.

Unter den Verletzten war auch Loren. Sie überlebte das Attentat, aber verlor 33 ihrer Genoss:innen durch den IS und den türkischen Faschismus, der jegliche Bestrebungen und Kämpfe für eine befreite Welt von Kapitalismus und Patriarchat versucht zunichtezumachen. Nach dem Verlust und der Unsterblichkeit ihrer Genoss:innen entschied sie sich, den Wunsch Ezgis nicht unerfüllt zu lassen, sondern sich zur Aufgabe zu machen Menschen aus der gesamten Türkei und Nordkurdistans zu suchen, die von ihrem Leben als LGBTI+ erzählen wollen. Nach 6 Jahren harter Arbeit wurde das Buch endlich fertiggestellt und erschien vor 2 Jahren das erste Mal auf türkischer Sprache. Unter dem Motto „Kein Traum wird unvollendet bleiben“ erfüllte Loren diesen Traum von Aydan Ezgi Şalcı.

Konkretes Gedenken

Gefallenen Revolutionären zu gedenken ist nichts Ungreifbares. Es ist etwas, das in die Tat umgesetzt werden muss. Ihnen zu gedenken, bedeutet nicht nur an sie zu denken und Schweigeminuten abzuhalten. Gefallenen zu gedenken, bedeutet ihre Lücken zu füllen und ihre Wünsche, Träume, Ideale und Kämpfe für eine bessere und befreite Welt zu konkretisieren. Und zwar indem wir ihre Kämpfe weiterführen, zum Beispiel wie Loren es tat, um Ezgis Traum zu erfüllen. Als Ezgi unsterblich wurde, tat sie das, was Ezgi zu Lebzeiten nicht vollenden konnte. Ezgi hielt die LGBTI+-Fahne im Kampf, für eine befreite, sozialistische Welt, hoch. Sie wurde von uns genommen, aber Loren Elva und 28 andere Menschen nahmen diese Fahne wieder auf. Ezgi ist unsterblich, denn sie lebt in unserem Kampf weiter. 

Die Fertigstellung von Ezgis Buch „Gökkuşağından Ezgi’ye Mektuplar“ ist ein Beispiel dafür, wie das Gedenken an unsere Gefallenen konkret wird. Wie die Lücken, die sie uns nach ihrem Ableben hinterlassen, gefüllt werden müssen und was dafür notwendig ist. Gedenken ist nicht abstrakt. Gedenken ist greifbar. Gedenken ist den Kampf weiterzutragen und weiterzuführen! Genau wie Ezgi ihr Leben für eine befreite Welt von Kapitalismus, Imperialismus, Heterosexismus und Patriarchat ließ, so kämpfen wir für das Gleiche weiter.

Suruç için adalet!

Herkes için adalet!

Gerechtigkeit für Suruc!

Gerechtigkeit für alle!p