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Ein neuer Wind, ein neues Jahr, die selben Regentropfen

Der November ist vorbei, das Jahr neigt sich dem Ende zu, doch der Regen tropft  weiterhin sanft und kalt auf unsere Köpfe. An diesen Tagen denke ich oft daran, was Lenin schon beschrieben hat: „Es gibt Wochen, die fühlen sich wie Jahre an und Jahre, die fühlen sich wie Wochen an.“ Es ist in diesem Jahr viel passiert, manches ist in unseren Köpfen eingebrannt, als wäre es gestern gewesen, und manches fühlt sich an, als läge es bereits Jahre in der Vergangenheit. 

Die rote Fahne der Gefallenen tragen

Bereits wenige Tage, nachdem dieses Jahr begann, erhielten wir die Nachricht, dass unser Genosse gefallen ist. Viele kannten den Genossen nicht, viele lernten ihn erst nach seinem Tod kennen und lieben, doch dies bedeutete nicht, dass unsere Wut, unsere Trauer und unsere Liebe weniger groß sind. Özgür Namoglu, hat sich in unsere Herzen gebrannt. Mit seiner sanften Art, und seiner Willenskraft hat er Tausende Jugendliche berührt. Er hat uns einen Aufruf hinterlassen, der für jeden eine andere Form annehmen mag. Was dieser Aufruf jedoch bei uns allen vereint ist die Revolution mit allen Mitteln zu stärken, egal an welchem Ort wir uns befinden, die Hindernisse, welche oft nur in unseren Köpfen existieren zu überwinden und den Aufopferungsgeist in uns selbst zu stärken. 

Auch wenn der Monat der Gefallenen vergangen ist, die Gefallenen leiten uns jeden Tag den Weg. Jeden Tag blicken wir auf ihre Fußstapfen und versuchen sie zu füllen. Stellen wir uns die Frage: wie können wir unsere Grenzen einreißen? 

Jede:r von uns hat Grenzen, das bedeutet nicht, dass wir schlechte Revolutionär:innen sind, wichtig ist, dass wir den Willen haben sie einzureißen, nicht stehen zu bleiben, sondern uns selbst entwickeln. Manche von uns haben Schwierigkeiten damit, mit alten Denkmustern zu brechen, was auch eine Grenze ist, andere haben Probleme damit sich ihren Ängsten zu stellen, gerade bei den steigenden Repressionen, ist dies ein normales Gefühl. Wichtig ist jedoch nicht an den Problemen festzuhalten, sondern nach Lösungen zu suchen und sie zu finden. Wenn wir uns die Leben verschiedener Gefallener anschauen, so finden wir oft bei ihnen eine Lösung für unsere Probleme. Özgür hat schon früh daran gedacht nach Rojava zu gehen, doch durch seine Behinderung, dachte er anfangs es sei nicht möglich für ihn. Er hat sich selbst zuerst begrenzt, bis er den endgültigen Entschluss fasste in das Land der Revolution zu gehen. Er riss seine Grenzen auf und wurde zu Firat, der trotz seiner Behinderung einen Weg fand ein Teil der Revolution zu werden. 

Ob es Schönheitsideale sind, oder eine Familie, die einen einschränkt, gerade wir als Frauenrevolutionärinnen, stehen aufgrund unseres Geschlechts in einer Besonderen Position. Wir führen zwei Revolutionen, was keine einfache Aufgabe ist. Doch auch die, die vor uns kämpften hatten diese Probleme. Alexandra Kollontai hat für die Revolution ihr eigenes Kind, welches sie sehr liebte, verlassen. Denn sie hat sich für ein freies Leben entschieden, und dieses hätte sie als Hausfrau im Zarenrussland nicht finden können. Diese Brüche einzugehen, sind oft nicht einfach, doch sie belohnen uns mit Freiheit. Auch unsere Genossin Ivana musste Brüche eingehen, sie verließ die Schule kurz vor dem Abitur, um nach Rojava zu gehen, somit verzichtete sie auf ihren Abschluss, jedoch brach sie auch mit dem Gewohntem. Sie verließ ihre Stadt, ihre Freunde, ihre Familie, und zog in ein anderes Land, auf einem anderen Kontinent, und spürte den Wind der Freiheit. 

Wenn wir also vom Grenzen einreißen, sprechen dann meinen wir viele Dinge. 

Als das Jahr mit einem Sturm anfing, war der Wind kalt, doch anstatt sich in die warmen Wohnungen, zurückzuziehen, traten viele, in die kalte Mitte dieser Welt. Einige scheinen es schon vergessen zu haben, das Erdbeben, mit seinem Epizentrum in Maras. Die Bilder von eingefallenen Häusern, dem Schutt, und die Geschichten der Überlebenden, sind unmöglich zu vergessen. Ich erinnere mich an das orangene Haus, welches in sich zusammen viel, und an den Hafen von Iskenderun, aber auch an den Geruch des Dorfes in Hatay. Es war ein Moment, wo wir viele Grenzen überwunden haben, nicht nur die die gingen, sondern alle. In diesem Moment zeigten wir, dass wir die Genoss:innen von Avasin und Firat sind, und das Prinzip des Internationalismus nicht nur auf Papier verstehen. Es zeigt uns jedoch auch, dass an Gefallene gedenken, etwas Praktisches ist. 

Wir dürfen nicht die Geschichten der Gefallenen bloß lesen und kennen, sondern müssen sie verinnerlichen. Wir müssen uns fragen, „Was hätte Ivana gemacht?“, „Wie hätte Özgür dieses Problem gelöst?“, selbst in den schwersten Momenten müssen wir uns das fragen, damit wir nicht am selben Punkt von gestern stehen bleiben, sondern, mit einem Fuß schon in der Zukunft stehen können. Wenn wir sagen, die Gefallenen leiten uns, dann meinen wir nicht, dass sie uns magisch durch die Welt bewegen, oder sie größer sind als wir. Nein, wir wissen, dass sie einfache Menschen waren, die Fehler gemacht haben und trotzdem ihr Ziel klar vor Augen hatten. Sie leiten uns zur Revolution, mit ihren Erfahrungen, ihren Lebensgeschichten, und ihrer Hoffnung. Fred Hampton sagte „ Du kannst einen Revolutionär umbringen, aber du kannst nicht die Revolution umbringen.“ Und mit dieser Herangehensweise betrachteten auch die Gefallenen ihr eigenes Leben. 

Natürlich ist das Kopfhochhalten oft einfacher gesagt als getan, wenn wir uns die aktuelle Situation in Palästina anschauen, oder den steigenden Hass und Faschismus in Europa, dann ist es oft leicht den Kopf hängen zu lassen, die Hoffnung zu verlieren. James Baldwin sagte dazu: 

„Aber ich glaube nicht, dass ich verzweifelt bin. Ich kann mir Verzweiflung nicht leisten. Ich kann es meinem Neffen und meiner Nichte nicht sagen – man kann den Kindern nicht sagen, dass es keine Hoffnung gibt.“

Der Wille, die Grenzen und die Sprünge: Wenn nicht jetzt, wann dann?

Wir können es uns nicht leisten die Hoffnung auf eine bessere Welt zu verlieren. Wenn wir keine Liebe, keine Hoffnung auf ein besseres Morgen haben, wofür kämpfen wir dann ? Eben weil unsere Liebe für eine neue Welt so groß ist, kämpfen wir. Jedoch ist unsere Wut auf dieses System, welches uns unterdrückt und für den Tod so vieler Menschen verantwortlich ist, genauso groß. Für viele kann diese Haltung befremdlich wirken, oft denken einige, dass uns diese Haltung daran hindert zu trauern, den Schmerz der Unterdrückten nicht zu spüren, oder gar mit einer Ignoranz an die Situation dieser Welt zu treten. Doch die Hoffnung nicht zu verlieren, sie stetz in sich zu tragen, bedeutet auch den Schmerz aller Unterdrückten so zu spüren, als wäre es unser eigener Schmerz. 

Dieses Jahr begann, wie ich oben schon beschrieben habe, mit einem gewaltigen Gefühl der Trauer und des Schmerzes. Doch es war nicht der letzte Moment, in dem wir Tränen vergossen haben, einen Stich in unserem Herzen fühlten. Nein, es kamen viele weiterer Momente der Trauer dazu. Und auch in den letzten Monaten verfolgen uns die Schreie der Unterdrückten dieser Welt. Die Hoffnung zu organisieren, bedeutet also den Schmerz anderer so tief zu spüren, dass es uns nicht anders möglich ist, als den Kopf für all die zu heben, die es nun nicht mehr können. Es bedeutet daran festzuhalten, dass wir uns selbst befreien können und Generationen schaffen können, die unseren Schmerz nicht mehr kennen müssen. Dies ist jedoch nicht der einzige Weg Hoffnung zu finden. Egal wo wir hinblicken, überall auf der Welt gibt es Widerstand gegen Unterdrückung. Von den Frauen Lateinamerikas, über die Jugendlichen und LGBTI+ in Ghana, hin zu den Selbstverteidigungseinheiten in Rojava, den Widerstand des palästinensischen Volkes überall, bis hin zu uns nach Europa, wo Jugendliche für ihre Zukunft kämpfen. Solange es Unterdrückung gibt, gibt es auch Widerstand. Lasst uns mit erhobenen Köpfen und voller nächster Liebe und Hoffnung das neue Jahr begrüßen. 

Und wie Rosa eins sagte: 

Ich war, ich bin, ich werde sein…