„Unsere Gefallenen sind unsterblich“ erklärt

I. Unsterblichkeit als politisch-gesellschaftlicher Moment

Im Gegensatz zum „Sterben“ als physischer und biologischer Zustand beschreibt die „Unsterblichkeit“ einen politisches und gesellschaftliches Moment. Jemand, der Existenz lediglich auf „Dasein“ und „Nichtsein“ reduziert, kann die „Unsterblichkeit als politisch-gesellschaftliches Moment“ nicht verstehen.

„Unsterblichkeit“ ist keine esoterische Verbundenheit zum „Toten“ oder die Parole „sie sind unter uns“ beschreibt keine Geister, die sich in unseren Räumen befinden und uns nicht allein lassen.
„Unsterblichkeit“ ist Ausdruck des kontinuierlichen Verlaufs der Geschichte der Gesellschaften als Geschichte von Klassenkämpfen. Klassenkämpfe und Revolutionen sind letztendlich Kämpfe zwischen Menschen, die eine Rolle in der Gesellschaft haben ausgehend von ihrer Position in der Produktion. Es sind die Menschen, die Geschichte schreiben, aber die Entwicklung der Geschichte richtet sich nach Gesetzmäßigkeiten, denen der „aktuelle“ Mensch unterworfen ist. Der Kommunismus ist nichts anderes als die Befreiung des Menschen von dieser Unterwerfung.

Revolutionär*innen sind Menschen, die sich die Aufgabe setzen, die Zukunft umzusetzen. Sie verstehen die Gesetze und versuchen, einzugreifen, „Frauen* und Herren über die Gesetze zu werden“.
Che entgegnet den „Tod“ mit den Worten: „Ich weiß, dass du gekommen bist, um mich zu töten. Schieß, du Feigling, du tötest nur einen Menschen.“ Das ist die materielle Grundlage für den gesellschaftlich-politischen Zustand der „Unsterblichkeit“. Der Mensch als „lebender Organismus“ kann „getötet“ werden, dem Menschen kann das „Leben genommen werden“, aber dann hat der Feind „nur“ einen Menschen getötet, die Revolution als gesetzmäßige Entwicklung aber „lebt weiter“.
„Unsterblichkeit“ kann sich aber nur realisieren, wenn sie mit den Fragen und Aufgaben der gesellschaftlichen Entwicklung übereinstimmt. Gramsci hatte gesagt, dass die „alte Welt stirbt“. Die Unsterblichkeit der Streiter*innen der „alten Welt“ kann nur so weit führen, bis die „alte Welt“ lebt. Dies ist der Grund warum der Vorreiter des Sklavenaufstands Spartakus noch heute unsterblich ist, weil der Inhalt seines „Lebens“, der Kampf für ein gerechtes und befreites Leben noch eine Frage der Zukunft ist.

Bouazizi, ein junger Arbeitsloser in Tunesien hat sich angezündet und seit fast zehn Jahren sind die Unterdrückten im Mittleren Osten auf den Straßen. In diesen Tagen sind die Arbeiter*innen und Unterdrückten im Libanon, im Irak und Iran, in Rojava/Nord- und Ostssyrien auf den Straßen und kämpfen gegen Verarmung und politische Freiheiten. Indem sich Bouazizi anzündete „nahm er sich sein Leben“, aber noch heute tragen die Aufstände und jedes Feuer in einem Land in Nordafrika und im Mittleren Osten seinen Namen.

II. „Die Fahne, die nicht fällt“ und „Lichter auf unserem Weg“

Letztendlich ist die Voraussetzung für die „Unsterblichkeit“ nicht nur der gesellschaftlich-politische Charakter des „gestorbenen“ Individuums, sondern inwieweit sich die Unsterblichkeit in der Klasse und Gesellschaft widerspiegelt.
„Die Fahne, die niemals fällt“ funktioniert nur mit Menschen, die die Fahnen von den „Gefallenen“ übernehmen. Die „Unsterblichkeit“ ist ein Ausdruck davon, dass Menschen wissen, dass es Menschen gibt, die die Fahne übernehmen und übergeben.

„Unsterblichkeit“ ist nicht nur Ausdruck der Kontinuität des Klassenkampfs, sondern auch eine Mahnung und Erinnerung, wie Geschichte geschrieben wurde und wird. Gefallene sind für Menschen, die sich (Mit-)verantwortlich dafür sehen, Geschichte zu schreiben (Revolutionär*innen), ein politischer Leitfaden, wie Errungenschaften gewonnen und angesammelt wurden und werden. Hinter jede*r gesellschaftlichen Entwicklung, hinter jeder Errungenschaft der Arbeiter*innen, unterdrückten Völker, der Frauen* und der Jugend gibt es „Unsterbliche“.

Für die, die auf dem Weg laufen, die aus dieser Ordnung führt, sind die „Unsterblichen“ Lichter. Die „Perfektion“, die wir in den „Gefallenen“ erkennen, rührt nicht aus einer „Fehlerfreiheit“, sondern aus der einfachen Realität, dass sie sich – trotz Risiken und Gefahren – nicht der „Einfachheit“ ergeben haben, sondern – trotz Fehler und Schwächen – „Adler“ geblieben sind. Denn: „Ein Adler kann wohl manchmal tiefer hinabsteigen als ein Huhn, aber nie kann ein Huhn in solche Höhen steigen wie ein Adler.“ (Lenin)
Folglich hat die „Unsterblichkeit“ jene Voraussetzung unabhängig vom „Unsterblichen“: „Die Fahne fällt nicht“, wenn es Menschen gibt, die die Fahne weitertragen und sie sind „Lichter auf unserem Weg“, wenn Menschen diesen Weg gehen.

III. „Unsterblichkeit“ gehört dazu

Ivana Hoffmanns „Unsterblichkeit“ war wie ein Schlag ins Gesicht vieler Revolutionär*innen, weil sie und danach noch viele weitere Herzen der Revolution die Frage nach dem Umgang nach „Unsterblichen“ wieder in die Mitte der revolutionären und radikalen linken Bewegung getragen hat.
Wie sie in ihrem Brief ausgeführt hatte, war sie sich bewusst in dem, was sie tat. „Ich will ein Teil der Revolution in Rojava sein, ich will mich weiter entwickeln, ich will in diesen 6 Monaten den Kampf, der alle unterdrückten Völker miteinander verbindet, kennenlernen und vor allen Dingen die Revolution in Rojava, wenn es sein muss mit meinem Leben zu verteidigen.“ Das „begrenzte“ Revolutionärsein mit niedriger Opferbereitschaft ist typisch für die imperialistischen Zentren, in denen die „Revolution weit vorkommt„. „Es gibt noch nicht einmal eine revolutionäre Kampfpartei„, „die Arbeiter*innenklasse ist noch weit im Einfluss der gelben Gewerkschaften un bürgerlichen Parteien„, „Der Kapitalismus und der bürgerliche Staat sind noch zu stark“ werden zu Ausreden für „begrenztes“ Revolutionärsein. Eigentlich sind diese Feststellungen Gründe, das konforme und „begrenzte“ Revolutionärsein zu überwinden. 

Während für Frauen*, Arbeiter*innen und Kinder dieser Welt Tod aus imperialistischer und patriarchaler Hand zum Alltag gehören, muss die revolutionäre Hinterfragung derer, die sich als Repräsentant*innen dieser „Opfer“ sehen, noch stärker und dynamischer aussehen.

Die kommunistische Kommandantin Yeliz Erbay schreibt in ihrem Brief „Ein neues Jahr im Wettstreit mit der Unsterblichkeit“, den sie zu ihrem eigenen Geburtstag schreibt: „Dem Tod einen Wert geben… Ich denke, dies ist eine der Qualitäten, die eine*n Kommunist*in von den Gedanken und Praxis der „einfachen“ Menschen abhebt. Sich nicht fürchten, wovor „man“ sich fürchtet, sich dem nähern, wovon „man“ sich entfernen will. […] Dem Tod gerecht werden. Nicht „einfach“, sondern kämpfend und die Fahne unserer Ideale hebend. Es ist so „normal“ für Kommunist*innen, die jede Minute ihres Lebens organisieren, auch ihren „Tod“ organisieren zu wollen. […] Ich möchte mein Leben als Frau beenden mit einem Tod, den Feind und Freund*in nicht vergessen. Eine Unterschrift, die nicht zu löschen ist. […] Ist der Tod von mir ein zu großes Opfer, während fünf meiner Schwestern auf Grund von Männergewalt jeden Tag in meiner Region sterben? Keineswegs!“ Yeliz Erbay hat sich mit ihrer Genossin Şirin Öter nicht ergeben, als ihre Wohnung in Istanbul von türkischen faschistischen Polizisten und Soldaten umzingelt wurden und ist unsterblich geworden, nachdem sie bis zu ihrer letzten Kugeln kämpften. 

Die „Unsterblichkeit“ gehört zur „revolutionären Art des Lebens“ wie eine Zelle zum Körper. Denn wie Ulrike Meinhoff schon sagte, ist „jedes Herz eine revolutionäre Zelle“. „Man trägt die Revolution nicht auf den Lippen um von ihr zu reden, sondern im Herzen um für sie zu sterben.“ (Che Guevara)

Unsere Märtyrer sind unsterblich!
Şehîd namirin!

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