Aus Israel – Palästina: Solidaritätserklärung mit Young Struggle

Anmerkung: Unabhängige kommunistische Jüd:innen aus Israel – Palästina verfassten ein Solidaritätspapier mit Young Struggle im Kontext der Konflikte mit Zionisten in den Migrantifa Strukturen. Die Übersetzung erfolgtedurch LinkePoC, eine Organisation von BIPOC aus der Schweiz, welche auch jüdische Genoss:innen, und verschiedene Perspektiven, einschliesst.

Wir möchten unsere Solidarität mit unseren Genoss:innen von Young Struggle äussern. Wir verurteilen nachdrücklich deren Ausschluss aus den Aktivitäten der Migrantifa Stuttgart. Antisemitismus ist in der Tat eine der Grundpfeiler des europäischen und US-amerikanischen Kapitalismus, und unserer Meinung nach erhält er nicht von allen Seiten die Aufmerksamkeit, die er haben sollte. Wir möchten jedoch betonen, dass die Kritik am jüdischen Nationalismus für sich genommen nicht antisemitisch ist, und dass der gemeinsame Kampf gegen jede Form von unterdrückendem Nationalismus und Kolonialismus – wie etwa auch dem türkischenNationalismus – nicht nur im Interesse der unterdrückten Bevölkerung der jeweiligen Form von Nationalismus liegt(wie dem palästinensischen oder kurdischen Volk), sondern,dass dieser Kampf auch im Interesse des jüdischen, türkischen Proletariats usw. liegt.

Fotos von den schreibenden Genoss:innen, 1. Mai Nazareth

Über Antisemitismus und das israelische Regime

Immer wieder stellt sich innerhalb der internationalen kommunistischen Bewegung die Frage des Antisemitismus,sowie seiner Beziehung zum palästinensischen Kampf für grundlegende Menschen- und Gemeinschaftsrechte. Und es ist höchste Zeit, dass wir, unabhängige Kommunist:innen jüdischer Herkunft in Israel-Palästina, diese Probleme ansprechen und versuchen, einen Grossteil der Mystik um diese Themen zu zerstreuen.

Antisemitismus geht der Bourgeoisie voraus. Er existiertebereits in feudalen Zeiten und war eine wichtige Säule des ideologischen Überbaus der Kirche. Die Bourgeoisie erbte ihnund nahm ihn auch als wesentlichen Teil seiner Ideologie auf. Er ist somit ein wesentliches Element der europäischen Kultur. Das materielle Interesse der herrschenden Klassen in den letzten zwei Jahrtausenden an ihm bestand darin, einAblenkungsmanöver auszuüben, um den Klassenzorn von Bäuer:innen und Arbeiter:innen gegen Jüd:innen, und nicht gegen die eigentlichen Unterdrücker – die Bosse – zu lenken. Dies ermöglichte es der tatsächlichen europäischen herrschenden Klasse, die keineswegs jüdisch ist, sich dem Klassenkampf der Massen zu entziehen.

Antisemitismus ist auch älter als der biologischer Rassismus, wurde aber natürlich von den modernen biologischen Rassist:innen, insbesondere von den Nazis, begeistert angeeignet.

Im heutigen amerikanischen Diskurs ist es üblich, Jüd:innenin die „weisse“ (europäische) „Rasse“ einzuschliessen, und Jüd:innen mit nichtjüdischen Europäer:innen zu verschmelzen. Diese Denkrichtung führt oft dazu, dass sich antisemitische Lügen einschleichen, insbesondere wenn Jüd:innen für verschiedene Dinge verantwortlich gemacht werden, die nichtjüdische Europäer:innen getan haben, wie zum Beispiel die Sklaverei. Die trägt auch zur jahrhundertealten antisemitische Idee bei, dass Jüd:innen„Privilegien“ haben, dass sie alle reich sind und so weiter.

Es ist auch üblich, dass sich antisemitische Personen hinter der falschen Unterstützung des (gerechten) palästinensischen Kampfes gegen das israelische Regime verstecken. Es ist in der Tat so, dass das israelische Regime rassistisch und faschistisch ist, und Palästinenser:innen sowohl als Individuenals auch als Gemeinschaft unterdrückt. In der Tat versuchten Teile der zionistischen Bewegung, die europäische „weisse“ Identität und die koloniale Haltung nachzuahmen. Dies macht Jüd:innen jedoch nicht weiss.

Solche Einstellungen dienen dem israelischen Regime dazu, dass es dann jede gegen ihn erhobene Kritik leicht als „Antisemitismus“ bezeichnen kann. Alle israelischen Jüd:innen als faschistische Kolonisator:innenen zu malen bedeutet jedoch, eine mechanische, nationalistische und sachlich falsche Position einzunehmen. Die jüdische Arbeiter:innenklasse in Israel-Palästina ist keine Gruppe „weisser“ Kolonisator:innen. Teile davon wurden für faschistische Positionen gewonnen, ja, aber viele eben nicht.

Viele Linke sind auch in die rechte, reaktionäre, antisemitische Falle geraten, indem sie behaupten, Jüd:innenseien erstranging gegenüber Israel loyal und für seine Handlungen verantwortlich, was impliziert, dass Jüd:innen der Gesellschaft, in der sie leben, fremd sind, oder sogar ihr gegenüber verräterisch sind. Jüd:innen ausserhalb Israels sind weder für die Handlungen des israelischen Regimes verantwortlich, noch sind dies die vielen israelischenJüd:innen, welche gegen dieses Regime sind. Jüd:innen mit dem israelischen Regime zu verschmelzen, ist ein gängiger antisemitischer Trick, der dem israelischen Regime wiederum ironischerweise dient, indem er ihm erlaubt, zu behaupten, dass jede Kritik an seinen (schrecklichen) Handlungen eine ungerechte Kritik an Jüd:innen als Ganzes ist.

Andererseits muss auch beachten werden, dass die israelische Gesellschaft wie jede andere bürgerliche Gesellschaft,unglaublich rassistisch ist. Dies beschränkt sich keineswegs auf Rassismus gegenüber Palästinenser:innen, sondern schliesst auch Rassismus zwischen verschiedenen jüdischen Ethnien mit ein, insbesondere gegen äthiopische Jüd:innen(Rassismus, der die Haltung der Amerikaner:innen gegen Schwarze nachahmt), sondern auch gegen in Israel lebende russische Jüd:innen. Es gibt auch Rassismus gegen afrikanische Asylbewerber:innen, der wiederum von der in den israelischen Kontext importierten US-Klan-Ideologie inspiriert ist. Viele hier wehren sich gegen diese Formen vonRassismus und gegen das Regime, das diesen verfestigt.

Kommunist:innen müssen sich Rassismus und Antisemitismus widersetzen, wann und wo immer diese ihrenhässlichen Kopf zeigen, egal in welcher Gestalt. Dies ist besonders wichtig im Kontext des palästinensischen Kampfes für individuelle und Gemeinschafts-Rechte gegen das mörderisch unterdrückende israelische Regime. Kommunist:innen müssen sich klar und offen allen Versuchen widersetzen, alle Jüd:innen für die Handlungen des israelischen Regimes verantwortlich zu machen, und sich den antisemitischen Versuchen klar und offen widersetzen, Jüd:innen als verantwortlich für verschiedene Verbrechen zu bezeichnen, die von nichtjüdischen Europäern im Laufe der Geschichte begangen wurden. Andernfalls wird das israelische Regime gestärkt und es wird unehrlichenantisemitische Elementen gedient, die daran interessiert sind, alle Jüd:innen zu diffamieren.

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