Exklusives Interview: Die MLKP Antwortet auf Fragen

In diesem exklusiven Interview beantwortet der Sekretär der Kurdistan-Organisation der Marxistisch-Leninistischen Kommunistischen Partei der Türkei und Kurdistans (MLKP) eine Vielzahl von Fragen zur aktuellen Situation im Nahen Osten, darunter die Haltung der Partei zum Chauvinismus innerhalb der türkischen Linken, die Widersprüche innerhalb Rojavas(Westkurdistan), die regionale Rolle der USA, das Verhältnis der MLKP zur Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) und vieles mehr.

F: In der Türkei gibt es viele kommunistische Parteien und linke Organisationen, die den kurdischen nationalen Befreiungskampf nicht unterstützen. Was ist Ihre Perspektive hinsichtlich dieser Tendenz innerhalb der türkischen Linken?

Kurdistan wurde als Ergebnis des 1. imperialistischen Teilungskrieges in vier Teile geteilt. Das Gebiet, das wir heute Rojava nennen, wurde der französischen Kolonialverwaltung zugeteilt und Başûr (Südkurdistan) blieb in den Händen der britischen Kolonialverwaltung. Bakur (Nordkurdistan) kam unter türkische und Rojhilat(Ostkurdistan) unter iranische Staatsverwaltung. Nachdem die französischen und britischen Imperialisten Syrien und den Irak verlassen hatten, wurden Rojava und Başûr der bürgerlichen arabischen Herrschaft dieser Länder überlassen. Das Land Kurdistan wurde in vier verschiedene Kolonien aufgeteilt. Bakur ist die größte dieser Kolonien und hat auch am meisten unter der Kolonialherrschaft gelitten. Die türkischen Kolonialisten leugneten die kurdische nationale Identität, verboten die kurdische Sprache und vertrieben und assimilierten hunderttausende Kurd*innen aus ihrer Heimat. Tausende von kurdischen Dörfern wurden niedergebrannt. Zehntausende Kurd*innen sind völkermörderischen Massakern zum Opfer gefallen.

Es gab viele kurdische Aufstände gegen die Kolonialherrschaft und die daraus resultierende verleugnende, assimilatorische, völkermörderische Politik. Der von der PKK 1984 begonnene Guerillakampf wurde in den türkischen Staatsquellen als 30. kurdischer Aufstand verzeichnet.

Der kurdische nationale Befreiungskampf ist ein Aufstand gegen Kolonialismus und Verleugnung. Diejenigen, die sich von diesem gerechten und legitimen Kampf fernhalten, nähern sich objektiv dem türkischen Staat, egal welche politische Identität sie sich zuschreiben. Mit anderen Worten, diejenigen, die sich von den Kurd*innen distanzieren, bewegen sich auf den bürgerlichen türkischen Kolonialstaat zu. Der bürgerliche türkische Kolonialstaat übt seine ideologische und politische Hegemonie über den türkischen Werktätigen durch das Gift des Chauvinismus aus. Das Joch über Kurdistan ist der Hauptgrund dafür, dass die Grundrechte und Freiheiten, die politische Freiheit in der ganzen Türkei durch die Repressionen des faschistischen Staates unterdrückt werden. In der Türkei ist die nackte Wahrheit klar sichtbar: dass die Werktätigen der unterdrückenden Nation nicht frei sein können, bis sie die Freiheit der unterdrückten Nation gewinnen. Deshalb ist der Kampf gegen das koloniale Joch über Kurdistan nicht nur die Aufgabe der Kurd*innen, sondern der Vorhutkommunist*innen, Sozialist*innen und revolutionären Demokrat*innen der unterdrückenden Nation.

Doch viele Parteien, Organisationen oder Zeitschriftenkreise, die im Namen von Sozialismus und Kommunismus, Marxismus, Marxismus-Leninismus oder Antiimperialismus agieren, distanzieren sich von der PKK und dem kurdischen nationalen Befreiungskampf oder positionieren sich gegen sie. Es ist klar, dass diese Haltung türkischer Chauvinismus unter einer sozialistischen Maske ist. Sozialer Chauvinismus ist nichts als Wasser auf die Mühlen des türkischen Kolonialismus aus den Reihen der türkischen Arbeiter*innenklasse und der Werktätigen.

Einige behaupten, dass der kurdische nationale Kampf den Klassenkampf verdeckt. Nach dieser Ansicht führt gerade der kurdische nationale Befreiungskampf dazu, dass der türkische Staat den Chauvinismus schürt, die türkische Arbeiter*innenklasse daran hindert, sich mit ihren eigenen ökonomisch-demokratischen Forderungen zu befassen und die Probleme der Klasse von der Tagesordnung fallen lässt. Abgesehen davon, dass diese Sichtweise einen niederen Ökonomismus verbirgt, verdeckt sie auch die Tatsache, dass der Kampf gegen den Kolonialismus die Hauptachse des Klassenkampfes ist. Solange sich die Arbeiter*innenklasse der Türkei nicht mit der kurdischen nationalen Befreiung gegen den Kolonialismus vereinigt, kann sie sich nicht von der türkischen Bourgeoisie und ihrem Staat befreien.

Einige behaupten, dass der kurdische nationale Befreiungskampf den Interessen des Imperialismus dient. Nach dieser Ansicht würden die Imperialisten den türkischen Staat spalten und seine Unabhängigkeit abschaffen wollen und den kurdischen nationalen Befreiungskampf mit dieser Absicht benutzen. Dies ist ein bodenloser Sozialchauvinismus. Die Türkei ist einer der Wächter der Interessen des Imperialismus in der Region. Unter der Herrschaft der Imperialisten wurde Kurdistan in vier Kolonien aufgeteilt. Aus diesen Gründen hat der kurdische nationale Befreiungskampf einen objektiven antiimperialistischen Charakter. Dieser Kampf kann vorangetrieben werden, indem die Arbeiter*innenbewegung mit der kurdischen nationalen Befreiungsbewegung vereint wird.

Einige andere jedoch lehnen die bewaffneten Formen des kurdischen nationalen Befreiungskampfes ab. Sie meinen, dass der Staat durch den bewaffneten Kampf die Möglichkeit bekommen würde, Repression gegen die gesamte Gesellschaft auszuüben und so die Kämpfe der Arbeiter*innen und Werktätigen brutal anzugreifen. Wenn die Waffen vergraben würden, dann hätte der Staat auch keinen Vorwand mehr, um anzugreifen. In dieser Hinsicht ist der bewaffnete Kampf nicht die Ursache, sondern die Folge. Andernfalls können die Kolonialherrschaft und der Faschismus nicht beseitigt werden. In dieser Hinsicht ist der kurdische nationale Befreiungskampf kein Hindernis, sondern eine Chance. Diejenigen, die sich zur Vorhut der Arbeiter*innenklasse bekennen, können diese Gelegenheit nutzen und damit den Klassenkampf auf eine höhere Stufe heben. Der Ursprung des Faschismus in der heutigen Türkei ist das koloniale Joch über Kurdistan. Solange dieses Joch nicht gebrochen wird, kann auch die faschistische Diktatur nicht gebrochen werden. Deshalb gehen der antifaschistische Kampf und der antikoloniale Kampf ineinander über.

Einige sagen: „Lasst uns gemeinsam die Revolution machen und den Sozialismus schaffen; nach der Revolution werden wir die nationale Frage auf einen Schlag lösen.“ Sie behaupten, dass sie Revolution machen werden, indem sie sich von einer der brennendsten Fragen des Klassenkampfes, dem kurdischen Befreiungskampf, fernhalten. Auf diese Art und Weise kann jedoch höchstens der Syndikalismusgemacht werden. Wir können sie in die Gruppe der schüchternen Sozialchauvinisten einordnen.

Konkret können wir ein paar interessante Beispiele aufführen. Die Kommunistische Partei der Türkei (TKP) und die Revolutionäre Volksbefreiungspartei/-Front (DHKP-C) sind die typischsten Beispiele.

Die TKP hat erklärt, dass das Selbstbestimmungsrecht der Völker nicht mehr gilt und revidiert Lenin in diesem Punkt offen. Sie ist so tief in den Sozialchauvinismus gesunken, dass sie der türkischen Bourgeoisie näher steht als dem kurdischen nationalen Befreiungskampf und behauptet sogar, dass der kurdische nationale Befreiungskampf den Kampf gegen den Imperialismus schwächt.

Die DHKP-C verteidigt das Selbstbestimmungsrecht der Völker, bezichtigt aber den nationalen Befreiungskampf der Kurd*innen des „Nationalismus“. „Die Revolution wird die kurdische nationale Frage sowieso lösen, aber jetzt ist es notwendig, gemeinsam gegen den Imperialismus zu kämpfen.“ Diese Aussage entspringt dem Unverständnis und der Ablehnung der Tatsache, dass Nordkurdistan eine Kolonie ist und der türkische bürgerliche Staat ein Kolonialstaat ist.

Es ist eine seltsame Realität, dass beide nicht sehen, dass der revolutionäre Krieg, den die Guerilla seit 40 Jahren gegen die NATO-affiliiertetürkische Bourgeoisie und die zweitgrößte NATO-Armee führt, Antiimperialismus ist.

Zwei revolutionäre Strömungen, die eine reformistisch, die andere kleinbürgerlich, können sich im Sozialchauvinismus dramatisch treffen.

F: Was ist Ihrer Meinung nach der richtige Weg für einen*einer türkischen Kommunist*in, sich zur kurdischen Frage zu verhalten?

Wir müssen vor allem eines betonen: Der richtige Weg des Verhältnisses eines*einer türkischen Kommunist*in zur kurdischen Frage ist in der Regel sein Bruch mit der türkischen Bourgeoisie. Wer diesen Bruch nicht vollzieht, verfällt unweigerlich in Chauvinismus oder Sozialchauvinismus. Chauvinismus oder Sozialchauvinismus können weder mit Kommunismus noch mit Revolution in Einklang gebracht werden. In allen kritischen Situationen führen sie nur dazu, zur Reserve der eigenen Bourgeoisie zu werden. Die Erfahrung, die den Zusammenbruch der Zweiten Internationale verursachte, oder zahlreiche andere Erfahrungen haben diese Realität bestätigt.

Ganz allgemein gesagt ist die erste Bedingung und Grundlage für ein „richtiges Verhältnis zur kurdischen Frage“ die Perspektive eines*einer „konsequenten Demokrat*in“. Notwendig für den konsequenten Demokratismus eines*einer türkischen Kommunist*in ist es, alle Rechte, die er*sie seinem*ihrem eigenen Volk zugesteht, auch allen anderen Nationen zuzugestehen, die assimiliert wurden und deren nationale Existenz verleugnet wurde, allen voran den Kurd*innen. Jedes Volk, dessen Existenz verleugnet wurde und das seiner Rechte beraubt wurde, hat das Recht, sich zu verteidigen. Die bewaffnete Verteidigung der eigenen nationalen Existenz und Rechte ist völlig gerecht, legitim und revolutionär; sie ist Teil der Selbstverteidigung. Die Guerillas Kurdistans führen einen revolutionären Krieg, einen gerechten Krieg. Die von der NATO unterstützte türkische Bourgeoisie und die TSK (Türkische Streitkräfte) führen einen ungerechten, konterrevolutionären, reaktionären und versklavenden Krieg. Sie führen den Krieg, um die regionale Kolonisierung aller vier Teile Kurdistans und die imperiale regionale Ordnung aufrechtzuerhalten. Aus diesen Gründen werden die Kolonialherren der Region von der NATO, den USA und der EU politisch, militärisch, diplomatisch in jeder Hinsicht unterstützt.

In revolutionärer Hinsicht ist die Antwort auf diese Frage vom politischen Standpunkt aus noch auffälliger. Das kurdische Volk befindet sich in der Position der Vorhut der Völker in der Region und der regionalen Revolution. Es führt zum Beispiel einen großen Aufstand gegen den türkischen bürgerlichen Staat, der der Herrschaftsapparat der kollaborierenden Monopolbourgeoisie ist und die Arbeiter*innenklasse der Türkei ausbeutet. Sie führt schon seit Jahrzehnten einen revolutionären Krieg. Die Arbeiter*innenklasse der Türkei hat in ihrer gesamten Geschichte noch nie einen so starken revolutionären Verbündeten gehabt. Der kurdische nationale Befreiungskampf ist das eindrucksvollste Beispiel für eine regionale Revolution, für die Aktualität der vereinigten Revolution der Türkei und Kurdistans. Die Beziehung zum kurdischen nationalen Befreiungskampf ist heute der sicherste revolutionäre Maßstab. Es ist nicht nur der sicherste Maßstab dafür, ein Revolutionär zu sein, sondern auch dafür, ein*eine internationalistische*r Revolutionär*in zu sein. Diese Kriterien werden noch tiefgründiger und aussagekräftiger, wenn wir die klare Position der PKK, die den kurdischen nationalen Befreiungskampf anführt, gegen den bürgerlichen Nationalismus sowie die kooperativen Beziehungen, die sie mit den marxistisch-leninistischen Kommunist*innen und Revolutionär*innen aufbaut, und ihre internationalistische Perspektive und Orientierung auf die Befreiung Kurdistans mit der vereinigten revolutionären Aktion der Völker in der Region berücksichtigen.

F: Können Sie die Bedeutung der VereintenRevolutionären Bewegung der Völker (HBDH) erklären? Welchen Grad an Einigkeit erhoffen Sie sich mit den anderen Parteien in diesem Bündnis zu erreichen?

Die HBDH wurde von acht revolutionären Parteien und Organisationen, die für die Revolution in der Türkei und Kurdistan kämpfen, mit dem Ziel der revolutionären Einheit zwischen dem kurdischen nationalen Befreiungskampf und der Arbeiter*innenbewegung der Türkei gegründet. Nur durch eine solche Einheit kann der Faschismus besiegt und das koloniale Joch gebrochen werden. Die Einheit der revolutionären Vorhut der Arbeiter*innenklasse und der Unterdrückten gibt unseren Völkern Zuversicht und Hoffnung. Unsere Partei hofft, durch diese Einheit die Vereinte Revolutionäre Führung zu verwirklichen und verfolgt das Ziel, neben dieser Einheit eine noch breitere antifaschistische Front zu bilden. Die Vereinigte Revolutionäre Führung bedeutet, Strategie und Taktik im Kampf gegen Faschismus und Kolonialismus unter einer einheitlichen Führung zu vereinheitlichen und den Willen der revolutionären Organisationen zu einem gemeinsamen Willen zu vereinen und im Kampf erscheinen zu lassen.

F: Die Beziehung zwischen Ihrer Partei und der Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) ist ziemlich eng. Aber Sie vertreten unterschiedliche Ideologien, wobei die PKK den demokratischen Konföderalismus befürwortet. Verursacht das irgendwelche Probleme zwischen Ihren Organisationen?

Die PKK definierte sich in ihren Gründungsjahren als marxistisch-leninistisch. Obwohl sie auch heute noch den Sozialismus verteidigt, ist es ein kleinbürgerlicher Sozialismus, eine Mischung aus Anarchie und utopischem Sozialismus, weit entfernt vom wissenschaftlichen Sozialismus. Die PKK lehnt die Diktatur des Proletariats ab, noch mehr lehnt sie einen Staat der Arbeiter*innenklasse und der Unterdrückten ab. Während die Bourgeoisie einen Staat hat, bedeutet die Ablehnung einer staatlichen Organisation der Unterdrückten ihre Entwaffnung. Der Konföderalismus kann nur als ein Verhältnis unter Gleichen verwirklicht werden. Es ist eine utopische Erwartung, dass autonome Regionen unter der Herrschaft des Kapitals und ihrer verschiedenen bürgerlichen Staaten und innerhalb der verschiedenen Grenzen dieser Staaten eine konföderale innere Einheit verwirklichen können. Selbst wenn dies bis zu einem gewissen Grad realisierbar ist, setzt es die Akzeptanz der Herrschaft des bürgerlichen Staates der herrschenden Nation voraus. Diese Strategie bringt weder die nationale Befreiung noch die soziale Befreiung. Natürlich denken wir in diesen Fragen anders als die PKK, aber auch ein nationaler Status, der auf politischer Autonomie basiert, stellt eine Errungenschaft für den nationalen kurdischen Befreiungskampf dar. Ein solcher Status stellt einen großen Schritt bei der Erlangung der politischen Freiheit dar. Aus diesem Grund stellt die Anerkennung eines auf politischer Autonomie basierenden nationalen Status für Kurdistan nur eine begrenzte nationale Souveränität dar, aber aufgrund der revolutionär-demokratischen Konsequenzen, die sich daraus ergeben, unterstützt unsere Partei diese Forderung.

Unsere Partei glaubt, dass die kurdische nationale Frage durch eine „Union der Volksrepubliken“ gelöst werden kann, die die unabhängige Organisation der kurdischen Nation als Staat beinhaltet. Dies bedeutet eine Einheit von zwei Volksrepubliken, die völlig gleichberechtigt sind. Unsere Partei definiert sich im kurdischen nationalen Befreiungskampf als „sozialistisch-patriotisch“. Dies verdeutlicht den Kampf für die nationale Befreiung Kurdistans und zeigt gleichzeitig den kurdischen Arbeiter*innen und Werktätigen den Weg zur sozialistischen Befreiung. Im Kampf gegen Kolonialismus und Faschismus sieht unsere Partei die Zusammenarbeit mit der PKK, die für die nationale Befreiung Kurdistans kämpft, als eine strategische Aufgabe. Unsere Partei sieht sich als die kommunistische Vorhut des nationalen Befreiungskampfes Kurdistans. Deshalb sind unsere unterschiedlichen Auffassungen vom Sozialismus kein Hindernis für den gemeinsamen Kampf mit der PKK gegen Faschismus und Kolonialismus. Aus diesem Grund ist ihre Verteidigung des demokratischen Konföderalismus, auch wenn sie in dieser Phase ein Thema der Diskussion ist, kein Problem, das uns dazu bringt, im Kampf gegen Faschismus und Kolonialismus unterschiedliche Wege zu gehen.

F: Warum ist es für Ihre Partei wichtig, sich an der Verteidigung von Südkurdistan (Nordirak) zu beteiligen?

Unsere Partei definiert sich als die kommunistische Vorhut der Türkei und Kurdistans. Mit anderen Worten: Sie beschränkt sich nicht auf Bakur (den Norden) Kurdistans, sondern erklärt sich als kommunistischer Vertreter aller vier Teile Kurdistans. Die Verteidigung von Başûr (dem Süden) Kurdistans gegen die koloniale türkische Besatzung ist ebenso unsere Aufgabe wie die Aufgabe der PKK. Unsere Partei betrachtet es als eine natürliche Handlung ihrer Existenzbedingung, in allen Teilen Kurdistans Krieg gegen den Kolonialismus zu führen und erreichte Positionen zu verteidigen.

Inzwischen befindet sich unsere Partei im Rahmen der revolutionären Vorbereitung in den Medya-Verteidigungsgebieten zusammen mit der PKK. Der Kampf gegen jeden Angriff auf diese Zonen bedeutet auch, dass sich unsere Partei verteidigt.

Der türkische bürgerliche Kolonialstaat versucht, durch die Angriffe auf Haftanin und Gare revolutionäre Positionen zu zerstören und die eigene koloniale Existenz in Südkurdistanaufrechtzuerhalten. Es ist eine der Aufgaben der Kommunist*innen im Kampf gegen Faschismus und Kolonialismus, sowohl die revolutionären Positionen zu verteidigen als auch gleichzeitig zu verhindern, dass ein Teil Südkurdistans unter die Herrschaft der türkischen Bourgeoisie fällt.

Der türkische Kolonialstaat versucht, die Rojava-Revolution zu zerstören und die Verbindung zwischen Rojava und der Guerilla durch die Abschaffung der Medya-Verteidigungsgebiete zu kappen. Deshalb ist die Verteidigung von Haftaninauch die Verteidigung der Rojava-Revolution.

Deshalb ist es für unsere Partei wichtig, einen Verteidigungskrieg gegen Angriffe auf Haftanin, Gare oder jedes andere Gebiet in Südkurdistan zu führen.

F: Ihre Partei war einflussreich bei der Gründung des IFB (Internationales Freiheitsbattaillon) in Rojava. Wie sehen Sie die Situation in Rojava heute, mehr als 8 Jahre nach dem Beginn der Revolution?

Die Rojava-Revolution ist das Ergebnis der Volksaufstände im Mittleren Osten. Die Imperialisten und reaktionären Kräfte, die in regionaler Konkurrenz zueinander stehen, griffen entsprechend ihrer Interessen in die Volksaufstände ein. Die Rojava-Revolution war die revolutionäre Intervention in diese Aufstände.

Bekanntlich haben die bürgerlichen Publizist*innen den Zusammenbruch der UdSSR, die sich im Namen des Sozialismus in eine verrottete Hülle verwandelt hatte, der Volksrepubliken und des sozialistischen Albaniens sowie das Abbiegen auf den kapitalistischen Weg in China und Vietnam als „Ende der Geschichte“ bezeichnet und den Sozialismus für immer in der Geschichte begraben. Laut den postmodernen Vertreter*innen der bürgerlichen Ideologie war die „Revolution“ nur ein Traum, das Ende der „großen Erzählungen“ war gekommen. Die Revolution in Rojava war trotz all ihrer Einschränkungen ein praktischer Beweis dafür, dass die „großen Erzählungen“ und die Revolution kein Traum sind.

Deshalb konnte es natürlich nicht nur die Aufgabe der Völker von Rojava sein, die Revolution zu verteidigen und zu entwickeln. Die kurdische Freiheitsbewegung führte die Revolution in Rojavaan, aber es ist eine Revolution der gesamten fortschrittlichen Menschheit, ein Aufschrei der Unterdrückten gegen den Imperialismus und jede Art von Reaktion. Deshalb mussten alle, die sich fortschrittlich, revolutionär, sozialistisch, anarchistisch und kommunistisch nennen, diese Revolution verteidigen. Es war auch sehr wichtig, zu zeigen, dass die internationale Einheit der Unterdrückten nicht nur Geschichte ist.

Währenddessen ist der IS als ein Produkt der reaktionären Einmischung der Imperialisten und regionalen Reaktionäre in den Volksaufstand in Syrien entstanden. Wenn die Revolution in Rojavader fortschrittliche Ausdruck der Wut der Unterdrückten ist, ist der IS die reaktionäre Verkörperung dieser Wut durch den Einfluss der Imperialisten und ihrer Handlanger.

Der IS sah in der Rojava-Revolution das Haupthindernis für die Errichtung der eigenen reaktionären Herrschaft und griff sie deshalb an. Der IS war nicht nur eine Plage für Rojava, sondern für die ganze Menschheit. Dieser Angriff und der Widerstand dagegen entsprangen nicht einem Konflikt zwischen Kurd*innen und Araber*innen, es war ein revolutionärer Krieg gegen die Reaktion. Aus diesem Grund musste die gesamte fortschrittliche Menschheit ihren Platz an der Seite der Rojava-Revolution gegen den IS einnehmen. Die revolutionäre Verteidigung gegen den Angriff des IS auf Kobanê hat unsere Partei als das „Stalingrad“ von heute charakterisiert. Die Verteidigung von Kobanê ist auch als eine zeitgenössische Version des Kampfes der Republikaner*innen gegen den Faschismus in Spanien definiert worden. Mit der gleichen Zähigkeit, Entschlossenheit und dem gleichen internationalen Bewusstsein, mit dem die Kommunist*innen in Stalingrad gegen den Hitlerfaschismus kämpften und Spanien gegen den Faschismus verteidigten, musste Kobanêverteidigt werden. Als Voraussetzung dieser internationalistischen Perspektive wurde die gesamte fortschrittliche Menschheit aufgerufen, Kobanê zu verteidigen, so wie die Kommunist*innen internationale Bataillone im Kampf gegen den Faschismus in Spanien aufriefen. Die IFB in Rojava hat diesen Aufruf verkörpert.

Wie beschrieben, definiert sich unsere Partei als die Marxistisch-Leninistische Kommunistische Partei der Türkei und Kurdistans. Für den Teil unserer Partei, der für Kurdistan steht, ist unsere Teilnahme an der Rojava-Revolution und ihre Verteidigung nicht Solidarität, sondern ihre eigentliche Aufgabe. Für den Teil unserer Partei, der für die Türkei steht, ist die Teilnahme an der Rojava-Revolution gleichzeitig eine internationalistische Aufgabe. Es gibt viele fortschrittliche, revolutionäre und sozialistische Parteien in der Türkei, die sich nur als Vertreter des werktätigen Volkes in der Türkei definieren. Das IFB hatte auch eine große Bedeutung in dem Sinne, dass diese Parteien an der Verteidigung der Rojava-Revolution teilgenommen und damit ihre internationalistischen Aufgaben erfüllt haben.

Dies sind die wichtigsten Gründe, warum unsere Partei eine so aktive Rolle beim Aufbau des IFB gespielt hat.

F: Viele Linke und Kommunist*innen im Westen sind von einigen Ereignissen in Rojava enttäuscht gewesen. Zum Beispiel hat der Öldeal zwischen den SDF und einer US-amerikanischen Ölfirma Delta Crescent viel Verwirrung gestiftet und kam für viele als Schock. Wie reagieren Sie auf diese Ereignisse?

Der IS-Angriff auf Kobanê wurde mit einem großen revolutionären Widerstand beantwortet. Dieser revolutionäre Widerstand hat bei den Völkern der Welt Widerhall gefunden. Überall auf der Welt gingen Millionen von Menschen für Kobanê auf die Straße. Dutzende von Ländern bildeten eine Anti-IS-Koalition, die nichts gegen den Vormarsch des IS ausrichten konnte, während der Widerstand der kurdischen Revolutionär*innen eine große Sympathie der Völker der Welt gewonnen hat. Überall gab es Aufrufe, die kurdischen Revolutionäre zu unterstützen. Die USA und die internationale Koalition waren gezwungen, auf diesen Aufruf zu reagieren, sonst wären ihre Anti-IS-Ziele völlig ins Leere gelaufen.

Ab einem bestimmten Zeitpunkt beteiligten sich auch die USA an der Verteidigung aus der Luft. Für beide Seiten war dies ein militärisch-taktisches Bündnis. Zu keinem Zeitpunkt nahm diese Allianz einen politischen Charakter an. So wurde die Autonome Administration, die ein Drittel von Syrien kontrolliert, nicht einmal zum Genfer Gipfel eingeladen.

Die USA wollen nicht nur den IS besiegen, sondern auch den Iran einkreisen, den Einfluss Russlands begrenzen und Israel schützen, daher wollen sie ihre Existenz in Syrien aufrechterhalten und die einzige Kraft, auf die sie sich stützen können, sind die SDF. Die revolutionäre Verwaltung von Rojava spürte die Notwendigkeit einer militärisch-taktischen Allianz mit den USA, um die Revolution gegen die Angriffe der Türkei und des Assad-Regimes aufrechtzuerhalten. Der Deal mit dem Ölkonzern ist eine Folge dieses erzwungenen taktischen Bündnisses. Dieser Deal hat keine politische Seite und nur einen begrenzten wirtschaftlichen Einflussbereich.

F: Denken Sie, dass die Verwaltung der Autonomen Administration in Rojava dem Umgang mit der US-Regierung zu viel Aufmerksamkeit schenkt?

Das Bündnis zwischen der Autonomen Administration und den USA hat kein stabiles Fundament, weil beide Seiten gezwungen sind, mit begrenzten Zielen gemeinsam zu handeln. Auf der einen Seite brauchen die USA die SDF, auf der anderen Seite setzen sie den Angriffen des türkischen Staates zur Zerstörung der Autonomen Administration von Rojava Grenzen. Es sollte nicht vergessen werden, dass die Türkei ein NATO-Mitglied ist, das unter dem Kommando der USA steht. Die Beziehung zwischen der Türkei und den USA ist nicht militärisch-taktisch, sondern strategisch. Die USA wollen sowohl die Autonome Administration kontrollieren als auch die Türkei beschwichtigen. Deshalb wollen sie die Autonome Verwaltung von Rojava für den türkischen Staat „akzeptabel“ machen. Das bedeutet, dass die USA vor allem darauf aus sind, den revolutionären Inhalt der Autonomen Administration zu entleeren, ihre Verbindungen zur Guerilla zu kappen und sie in eine Art Başûr zu verwandeln. Wenn die Autonome Administration nicht die notwendige Wachsamkeit an den Tag legt, droht ihr die Liquidierung. Es muss immer bedacht werden, dass die USA ein imperialistisches Land sind und die Autonome Administration jederzeit für ihre imperialistischen Interessen fallen lassen würden. In dieser Hinsicht hat die Autonome Administration ihre revolutionär-demokratische Orientierung nicht verloren. Mit anderen Worten, man kann nicht sagen, dass sie dem US-Imperialismus verpflichtet ist, aber diese Gefahr besteht immer. Gegen diese Gefahr ist es notwendig, die revolutionäre Front zu stabilisieren und die demokratische Organisation des Volkes zu entwickeln. Während die Kommunist*innen, die in Rojava kämpfen, an der Verteidigung teilnehmen, beteiligen sie sich auch an der Aufbauarbeit der Revolution und entlarven die Politik des Imperialismus, um die Menschen über die möglichen Gefahren aufzuklären.

F: Glauben Sie, dass es durch die Präsidentschaft von Joe Biden eine bedeutende Veränderung in der Region geben wird?

Ein Präsidentenwechsel in den USA führt zu keinen wesentlichen Änderungen in Bezug auf den Schutz imperialistischer Interessen, aber er kann zu Änderungen in Bezug auf die Wahl der politischen Mittel führen, die für diese Interessen eingesetzt werden. Es ist bekannt, dass die Beziehung zwischen dem NATO-Mitglied Türkei und Russland zu Widersprüchen zwischen den USA und der Türkei geführt hat. Die Biden-Administration wird versuchen, die Türkei unter Druck zu setzen, damit sie sich von Russland entfernt und sich fest in die NATO eingliedert. Dennoch wird dies nichts an der Politik des US-Imperialismus für seine grundlegenden Interessen in der Region ändern. Die USA wollen die Türkei wieder und auf einer neuen Grundlage zum Wächter der Region machen. Damit einhergehend ist keine wesentliche Änderung der Politik des US-Imperialismus in der Region zu erwarten, die sich mit den Zielen der Schwächung des russischen Einflusses, der Einkreisung des Iran und des Schutzes Israels zusammenfassen lässt.

In Bezug auf die Beziehung zur Autonomen Administration von Rojava kann man sagen, dass die USA die Revolution inhaltlich entleeren und Rojava weiterhin in ein Başûr verwandeln wollen. Es sieht so aus, als ob die Biden-Administration im Gegensatz zu Trump, der eine Politik der Beschwichtigung und Versöhnung mit der Türkei verfolgt hat, einen Weg der Zähmung einschlägt. Die US-Politik der Begrenzung Russlands und der Zähmung der Türkei könnte der Autonomen Administration im Vergleich zur Vergangenheit einen größeren Handlungsspielraum verschaffen. Dieser Manövrierraum birgt ebenso viele Risiken wie er Chancen bietet. Der US-Imperialismus wird unter seinem militärischen Schutzschirm eine erpresserische Politik gegen die revolutionären Inhalte betreiben. Die Autonome Administration muss es verstehen, die Widersprüche zwischen allen imperialistischen und reaktionären Mächten in der Region für die Revolution zu nutzen und sich dabei nicht auf Manöver, sondern auf die organisierte Kraft des Volkes zu stützen. Sie muss die Sphäre des Gemeineigentums erweitern, um die soziale Basis der Revolution zu stärken.

F: Wie sehen Sie die Revolution im Nahen Osten im Allgemeinen? Hat Ihre Partei eine Perspektive über die Türkei und Kurdistan hinaus?

Der Nahe Osten befindet sich aufgrund seiner Abhängigkeit vom Imperialismus, des Mangels an politischer Freiheit, ungelöster nationaler Fragen und religiöser/konfessioneller Konflikte in einer tiefen politischen Krise. In der Phase der imperialistischen Globalisierung, der wachsenden Ausbeutung, der beschleunigten Enteignung des Kleinbürgertums, der zunehmenden Beteiligung der Frauen an der Erwerbsbevölkerung, der wachsenden Urbanisierung und der wachsenden Zahl von Student*innen sind weitere Elemente der Krise entstanden. Die Volksaufstände im NahenOsten waren ein Indikator dafür, dass sich eben diese neuen Elemente der Krise in eine revolutionäre Krise verwandelten.

Da die sozioökonomische Basis im Stadium der imperialistischen Globalisierung immer mehr angeglichen wird, konnte sich ein Aufstand, der in Tunesien begann, plötzlich im gesamten Nahen Osten ausbreiten. Dies zeigt, dass es möglich ist, dass sich die Revolution im Nahen Osten zu einer vereinten Revolution entwickelt.

Dennoch kann ein Volksaufstand ohne revolutionäre Führung wie ein Steppenfeuer aufflammen und erlöschen. Sie kann infolge imperialistischer Einmischung unter die Kontrolle konkurrierender Imperialisten oder unter die Kontrolle politisch-islamischer Organisationen wie des IS oder der Muslimbruderschaft geraten. Deshalb müssen wir vor allem über die Bildung einer revolutionär-demokratischen Führung sprechen, wenn wir über die Revolution des Nahen Ostens sprechen. Sicherlich ist dies eine praktische Frage und wird von jeder revolutionären Partei im Nahen Osten gelöst werden, die die revolutionären Aufgaben ihrer Länder meistert.

In der Stufe der imperialistischen Globalisierung geht der Kampf gegen den Imperialismus Hand in Hand mit dem Kampf gegen den Kapitalismus. Die Befreiung des Nahen Ostens vom Imperialismus wird nur durch die Befreiung vom Kapitalismus möglich. Zweifellos kann jedes Land Schritte in diese Richtung unternehmen, wie es in Rojava der Fall ist, aber damit die Revolution nachhaltig ist, ist eine regionale Zusammenarbeit zwischen den Völkern des Nahen Ostens notwendig. Der sicherste Weg dafür ist, dass anstelle der Existenz einzelner Länder eine revolutionäre demokratische Föderation des Nahen Ostens mit dem Ziel der Errichtung des Sozialismus aufgebaut wird.

Auch in Anbetracht der aufgelaufenen nationalen Fragen ist eine revolutionär-demokratische Föderation des Nahen Ostens die richtige Richtung. Die Lösung der kurdischen nationalen Frage ist der deutlichste Beweis dafür. Die Einheit des viergeteilten Kurdistans erfordert zwangsläufig, dass die Staaten Irak, Türkei, Iran und Syrien aufgelöst und neue Staaten auf der Grundlage der nationalen Gleichheit geschaffen werden. Ein föderaler Zusammenschluss dieser neuen revolutionären demokratischen Staaten wird das gesamte Bild des Nahen Ostens verändern. Dies allein wäre eine sehr wichtige Etappe der Revolution im Nahen Osten.

Unsere Partei glaubt, dass regionale Revolutionen nicht nur im Nahen Osten, sondern an vielen Orten der Welt möglich sind und dass daraus regionale Föderationen entstehen können. Wie im Nahen Osten sind auch auf dem Balkan, im Kaukasus, in Lateinamerika usw. regionale Revolutionen und Föderationen möglich. Unsere Partei hat eine revolutionär-demokratische Föderation des Nahen Ostens mit dem Ziel des Sozialismus in ihr Programm aufgenommen und sieht auch generell regionale Revolutionen und Föderationen als eine Entwicklung zur Weltrevolution.

Quelle:https://redstaroverkurdistan.blogspot.com/2021/06/an-interview-with-marxist-leninist.html

Übersetzt aus dem Englischen ins Deutsche von Young Struggle