Solidarität mit Kurdistan gegen die Invasionsdrohungen der Türkei

Die türkische Regierung hat ihre Absicht erklärt, eine weitere Front in ihrem völkermörderischen Krieg gegen Kurdistan zu eröffnen. Diesmal hat sie angeblich die nordsyrische Stadt Kobane ins Visier genommen, um die besetzten Gebiete, die sie nach der Invasion von Afrin 2018 und der Besetzung von Serekaniye und Gire Spi 2019 hält, miteinander zu verbinden.

Die Regierung von Recep Tayyip Erdogan, die in ihrem Vernichtungskrieg gegen die Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) in Südkurdistan (Nordirak) nicht einmal durch den offensichtlichen Einsatz verbotener chemischer Waffen vorankommt, hat ihre Aufmerksamkeit erneut auf Rojava gerichtet.

In diesem historischen Moment ist es für alle kommunistischen, sozialistischen, demokratischen und antifaschistischen Bewegungen unerlässlich, zur Verteidigung Kurdistans zu mobilisieren. Die Volksverteidigungseinheiten (YPG) und die Frauenverteidigungseinheiten (YPJ) sowie die mit ihnen verbündeten kommunistischen Abteilungen des Internationalen Freiheitsbataillons (IFB) sind zweifelsohne bereit eine heldenhafte Verteidigung durchzuführen.

Die Tatsache, dass Kobane – das Kernland der Kurd:innen in Nordsyrien – möglicherweise als Ziel ausgewählt wurde, unterstreicht, dass Erdogan versuchen will, das zu beenden, was der Islamische Staat (Daesch) vor sieben Jahren begonnen hat. Kobane wurde zu einem Sammelpunkt für die weltweite Solidarität mit den tapferen Kämpfer:innen der YPG und YPJ, die die Stadt in einer erstaunlichen Kriegsführung verteidigten, die die Welt an die Schlacht von Stalingrad erinnerte. Wenn Stalingrad der Anfang vom Ende für die Nazi-Invasoren war, so war Kobane der Anfang vom Ende für Daesch.

Erdogan und die türkische Regierung, die die Hauptunterstützer von Daesch waren, haben diese islamistischen Reaktionäre jedoch unter verschiedenen Bannern und Flaggen neu verpackt. So entstanden Kräfte wie die Syrische Nationalarmee (SNA), die unter der Flagge der syrischen Opposition und der Türkei ethnische Säuberungen durchführten. Sie begründen dies mit der angeblichen Beseitigung des „PKK-Terrorismus“. In Wirklichkeit besetzen sie syrisch-kurdische Gebiete, plündern Ressourcen, vertreiben gewaltsam die einheimische Bevölkerung und verwirklichen Erdogans neoosmanische Träume.

Die Verteidigung Kurdistans ist für alle linken und antiimperialistischen Bewegungen von entscheidender Bedeutung, denn sie bedeutet die Verteidigung eines unterdrückten Volkes gegen die Versuche es zu unterjochen. Leider haben wir bisher nicht die gleiche Solidarität mit der kurdischen Befreiungsbewegung erlebt wie zum Beispiel mit der palästinensischen Bewegung. Palästina ist in der Tat eine Sache, die unsere volle Solidarität verdient, aber seine Freiheit ist letztlich ohne die Freiheit der kurdischen Nation nicht zu erreichen und umgekehrt genauso. Kurdistan und Palästina sind die beiden offenen Wunden der postosmanischen imperialistischen Zerstückelung des Nahen Ostens. Es ist daher bedauerlich, wenn einige linke Kräfte dem einen Kampf den Vorzug vor dem anderen geben oder sogar einen der beiden in einem Akt politischer Feigheit und Opportunismus ganz unter den Tisch fallen lassen.

Kurdistan zu verteidigen bedeutet die antichauvinistische Bewegung des Nahen Ostens zu verteidigen. Sie ist zum Teil eine Bewegung für die nationale Befreiung, aber auch eine Bewegung, die sich in Richtung Sozialismus orientiert. Es ist eine Bewegung nicht nur für Kurd:innen, sondern auch für die Minderheiten und Nationen der Region wie Assyrer:innen, Turkmen:innen, Las:innen, Armenier:innen und unzählige andere, die zum reichen kulturellen Gefüge Mesopotamiens und Westasiens beitragen.

Einige antiimperialistische Kräfte im Westen scheuen sich ihre Solidarität mit Kurdistan, insbesondere Rojava, zu bekunden, weil es eine taktische militärische Zusammenarbeit zwischen der YPG und der YPJ einerseits und den Vereinigten Staaten andererseits gibt. Die Einmärsche in Afrin, Serekaniye und Gire Spi haben jedoch überdeutlich gezeigt, dass die USA absolut keine Lust haben ihre vermeintlichen kurdischen „Partner“ tatsächlich zu verteidigen.

Washington hat bereits deutlich gemacht, dass seine Mission in Syrien eng gefasst ist (d.h. auf den Islamischen Staat konzentriert), und obwohl es seinen Unmut darüber äußern mag, dass die Türkei eine neue Invasion ermöglicht, wird es sie nicht daran hindern. Darüber hinaus haben die USA der Türkei nicht nur grünes Licht für den Kampf gegen die PKK in Südkurdistan gegeben, sondern sie unterstützen diese Mission auch aktiv durch nachrichtendienstliche und logistische Mittel und setzen Kopfgelder auf PKK-Führer aus, die sie als „Terroristen“ betrachten.

Wir dürfen nicht vergessen, dass jede türkische Invasion in Kobane oder einem anderen Teil von Rojava eine NATO-Invasion wäre. Es sieht auch so aus, als würde sie mit der Unterstützung Russlands erfolgen, das hofft, im Gegenzug Zugeständnisse in Idlib zu erhalten. Dies zeigt uns deutlich, dass alle ausländischen Mächte in Syrien versuchen, die Oberhand zu gewinnen, und zwar auf Kosten des syrischen Volkes, das weiterhin unter der imperialistischen Einmischung zu leiden hat.

Die jüngsten Äußerungen des stellvertretenden PKK-Befehlshabers Cemil Bayik über die Notwendigkeit einer Versöhnung und von Verhandlungen zwischen der Verwaltung von Rojava und der Regierung in Damaskus scheinen in dieser Hinsicht vernünftig zu sein. Auch wenn noch unklar ist inwieweit die Regierung von Bashar al-Assad bereit ist auf den chauvinistischen Charakter des syrischen Staates zu verzichten, scheint dies auf diplomatischer Ebene die beste Möglichkeit zu sein den Invasionsdrohungen der Türkei zu begegnen.

Wir im Westen sollten wachsam sein gegenüber den rassistischen und völkermörderischen Ambitionen der Türkei und bereit sein, uns an Solidaritätsaktionen mit unseren Genossinnen und Genossen zu beteiligen, die an der Front stehen und bereit sind, ihr Blut für nationale Befreiung, Sozialismus und Freiheit zu vergießen.

Gast-Übersetzt von Marcel Cartier, Herausgeber des Onlineblogs Red Star Over Kurdistan, Hip-Hop-Künstler und Journalist. Cartier schrieb diesen Kommentar für die Nachrichtenagentur Etkin (etha26.com)

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