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Mit Leib und Seele für den Kampf – Die Geschichte von Erkut Direkçi

Am Freitag, den 12.12.1997 um 22:45 Uhr, atmet er nicht mehr.“

Sein Kampf gegen die Krankheit hat ein Ende genommen, aber sein Kampf für die Freiheit, für Gerechtigkeit, für das Leben, den führen so viele fort. In dem neu übersetzen Buch „Mit Leib und Leben für den Kampf – Die Geschichte von Erkut Direkçi“ erfahren wir von Erkuts Mutter sehr viel über Erkut, Erkuts Leben und Erkuts Kampf. In dem folgenden Text möchte ich euch Erkut ein wenig vorstellen, der mit seiner besonderen Art folgenden Generationen ein Vorbild war und uns allen auch in Zukunft ein Vorbild sein sollte. Allerdings möchte ich euch auch allen ans Herz legen, das Buch über den Genossen Erkut zu lesen und die Erinnerung an ihn Aufrecht zu erhalten.

Erkut Direkçi wuchs in Ankara auf. Schon zu Beginn seiner politischen Entwicklung, machte er schon als herausragender Organisator auf seine Fähigkeiten aufmerksam.  Er war sehr intelligent und vor allem seine agitatorischen Fähigkeiten haben sich sehr schnell gezeigt. Als Kommunist voller Hingabe, hatte er einen großen Sinn für Gerechtigkeit. Er arbeitete intensiv an der Universität und konnte zahlreiche Student:innen, mit seiner Hingabe und seinen argumentativen Fähigkeiten, für die gerechte Welt und den Sozialismus begeistern. Sein Verantwortungsgefühl gegenüber Menschen mit Behinderungen zeichnete ihn besonders aus. Mehrere Jahre arbeitete er als Freiwilliger in einem Rehabilitationszentrum für Menschen mit Behinderungen. Ein Mensch mit Liebe zum Menschen. Ein junger Mann der sich das beste für alle Menschen dieser Welt gewünscht hat und all seine Fähigkeiten und all seine Zeit auch dafür nutzte diese Liebe weiter zu geben.

In der faschistischen Türkei jedoch, ist der Kampf für eine gerechte und befreite Welt jedoch ein Dorn im Auge der Herrschenden. Die Kapitalisten brauchen keine Personen wie Erkut, die alle Menschen um sich in einen Bann ziehen. Die eine solche Kraft ausstrahlen, welche sich auf deren Mitmenschen überträgt  und Hoffnung schafft. Genau solche Menschen wie Erkut sind eine Gefahr für ihre Herrschaft, weil die Fähigkeit, das Feuer der Menschen um einen herum zu entfachen, die eigentliche Kraft unserer Klasse widerspiegeln kann.

So kam es, dass Erkut am 15. Oktober 1995 auf einer Gewerkschaftskundgebung, festgenommen wurde. Ein illegales Banner sei entrollt worden und er habe sich in der Nähe dieses Banners aufgehalten. Die Repression traf ihn auf einen Schlag. Die Haltung des Staatsapparats zeigte sich klar und deutlich. Direkt am Abend des 15. kam es zu einer Hausdurchsuchung bei Erkut und während die Beamten vor Ort noch geheuchelte Beschwichtigung der Eltern betrieben, erfuhren sie doch in den folgenden Tagen, die Willkürlichkeit der Polizei. Erkut wurde vorgeworfen ein illegaler Aktivist gewesen zu sein und Propaganda unter Blinden betrieben habe um diese in die Irre zu führen. Ohne handfeste Beweise und Belege wurde Erkut nun in Haft gehalten, während seine Eltern von draußen alles versuchten um ihren Sohn wieder zu Hause in den Arm schließen zu können. In dem Prozess gegen Erkut zeigte er sich von seiner stärksten Seite. Die Anwesenden waren beeindruckt von ihm und waren sich sicher, dass er mit so einer Verteidigungsrede freigelassen werden würde. Doch die Faschisten hält keine Beweispflicht und kein Gesetzesbuch auf ihre Opposition hinter Gittern verschwinden zu lassen. So wurden die Verhandlung immer wieder vertagt, während Erkut weiterhin in Haft bleiben musste. In den Worten von Ergül Direkçi, Erkuts Mutter: „Es schien, als sei die Entscheidung bereits vor dem Prozess gefallen.“

Hungerstreik und Erkuts Krankheit

Als sich die Haftbedingungen unter der damaligen Regierung drastisch verschlechterten, organisierten sich auch die politischen Gefangenen in den Gefängnissen und versuchten öffentlich die Situation in den Gefängnissen zu skandalisieren. Um ihrem Protest Ausdruck zu verleihen stellten sie Forderungen auf:

  •         Beendigung der unmenschlichen willkürlichen Praktiken in den Gefängnissen.         
  •         Schließung des Gefängnisses, das wegen seiner Isolationsfolter als Eskişehir-Sarg bekannt ist.         
  •         Beendigung der Unterdrückung und der Einschüchterung von Besucher:innen.         
  •         Faire Gerichtsverfahren, uneingeschränkte Verteidigungsrechte, uneingeschränkte Besuchsrechte für Rechtsanwält:innen.         
  •          Jede:r soll in der Stadt vor Gericht gestellt werden, in der er oder sie verhaftet wurde, damit die Familien die Fahrtkosten bezahlen können.         
  •         Der Grundsatz der Rechtsstaatlichkeit soll für alle gleichermaßen gelten, nicht nach der Willkür der Regierungen, sondern in dem vom Gesetz festgelegten Umfang.         
  •         Die Beendigung der willkürlichen Gewalt durch Soldat:innen auf dem Weg zu Gerichten und Krankenhäusern.

Das alles waren Forderungen, welche eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein sollten. „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ ist schlussendlich halt doch nur eine Floskel der bürgerlichen Ordnung um Gerechtigkeit zu inszenieren, während genau die Menschen, welche den Weg zu einer gerechten Welt ebnen und geebnet haben ohne Gnade verfolgt, gefoltert und ermordet werden.

Um diesen Forderungen Kraft zu verleihen, schloss sich Erkut einem Hungerstreik im Gefängnis an. Die Bereitschaft alles zu geben um den Kampf für die Forderungen Kraft zu verleihen, sogar seinen eigenen Körper und seine Gesundheit zu vernachlässigen, unterstrich nochmal die Stärke, welche Erkut im politischen Kampf immer wieder aufs Neue bewiesen hatte.

In Einem von vielen Briefen Erkuts an seine Mutter schrieb er:

„Die kommenden Tage werden die verstaubten Gerichtsarchive ans Licht bringen. Dachtest du, es würde nicht ans Tageslicht kommen? 

Unsere Tapferen wurden getötet

Wir haben sie mit unserer Liebe wiederbelebt

Wir haben uns so sehr vertieft

Wir haben gelernt, uns gegenseitig zu stärken

Wir sind jetzt eine große Familie

Die Gräber sind voll… 

Die Kerker sind voll…

Wir haben uns wieder vermehrt

Wir sind jetzt eine große Familie

Weil wir Mut haben! 

Liebe haben!

Kraft haben!

Wir haben das letzte Wort!“

Dein dich liebender Sohn, Erkut

Die Zitate, welche den Kampf der Gefangenen hier beschreiben könnten sind so viele. 

Den Hungerstreik hatte Erkut nicht ohne Kosten vollzogen. Einer seiner engsten Genossen, sein Lehrer und enger Freund, oder wie es Ali Toprak in einem Brief an Erkut schreibt, einer der größten Lehrmeister der Partei MLKP (Marxistisch-Leninistische Partei Türkei/Kurdistan) Hüseyin Demircioğlu gab sein Leben im Todesfasten. Erkut selbst hatte mit starken gesundheitlichen Folgen des Hungerstreiks zu kämpfen. Nach Wochen ohne ordentliche ärztliche Behandlung oder Untersuchung, geschah dies erst nachdem sich sein Zustand extrem verschlechtert hatte. Der Lebertumor der bei ihm gefunden wurde war bösartig und nach weiterem Druck durch die Familie und Ärzt:innen wurde Erkut entlassen. Allerdings verschlechterte sich sein gesundheitlicher Zustand weiter. Die Entlassung war zu spät erfolgt. Auf Direktive seiner Partei MLKP, verließ er die Türkei um in Deutschland bessere medizinische Versorgung zu bekommen. Jegliche Hilfe kam für Erkut zu spät. Ein Junger Kommunist, der jeden Menschen dem er über den Weg lief beindruckte. Ein Mensch der aus Liebe zur Menschheit alles gegeben hat und ein Vorbild, das uns durch die Willkür des türkischen Faschismus genommen wurde aber uns in Zukunft so nah sein wird, als hätten wir ihn persönlich kennengelernt.

 „Als wir das Zimmer betreten, holt unser Kind tief Luft. Der glückliche Ausdruck auf seinem Gesicht nimmt zu. Am Freitag, den 12.12.1997 um 22:45 Uhr, atmet er nicht mehr.“