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„Ökologie muss ein Thema sein für alle Revolutionär:innen“ – Ein Interview zur Earth Social Conference

Unsere Genossin Rike hat an der Earth Social Conference teilgenommen, die vom 5.-10.12. in Kolumbien stattfand. In diesem Interview sprechen wir mit ihr über die Ziele und Ergebnisse der Konferenz, darüber, warum es eine Alternative zum Weltklimagipfel COP braucht, und wie es in den kommenden Jahren weitergehen soll.

Hallo Rike. Du warst im Dezember bei der Earth Social Conference in Kolumbien. Kannst du uns zum Einstieg erstmal erklären, was die Earth Social Conference ist?

Hallo zusammen. Ich freue mich sehr, dass ich an der Konferenz teilnehmen konnte und jetzt in einem Interview davon berichten kann. Die Earth Social Conference (kurz: ESC) wurde als Gegenkonferenz der zur COP (United Nations Climate Change Conference, auch als Weltklimagipfel bekannt)  organisiert. Die COP ist die Weltklimakonferenz, auf der jedes Jahr Vertreter der Staaten, aber auch zahlreiche Lobbyisten und bürgerliche NGOs zusammenkommen, um über Maßnahmen zur Eindämmung der Klimakrise zu beraten. Was sich im ersten Moment vielleicht sinnvoll anhört, ist allerdings nichts anderes als Greenwashing und leere Versprechungen. Auf der COP wird viel geredet, aber Erfolge bleiben aus. Die CO2-Emissionen haben sich seit der ersten COP im Jahr 1995 fast verdoppelt. Wenn auf der COP Vereinbarungen getroffen werden, bleiben sie unverbindlich und werden nicht eingehalten. Das gilt sowohl für Ziele zur Verringerung des CO2-Austoßes als auch für Zusagen zu Finanzhilfen an Ländern, die besonders von der Klimakatastrophe betroffen sind. Das einzige, was auf der COP gut läuft, sind Unternehmensdeals. Die „zivilgesellschaftlichen Akteure“, die an der COP teilnehmen, sind heute größtenteils Lobbyisten und Manager.

Es wird jedes Jahr offensichtlicher, dass auf der COP nicht mal versucht wird, gerechte Antworten auf die Klimakatastrophe zu finden. Die Earth Social Conference hat sich deshalb zum Ziel gesetzt, eine Alternative zur COP aufzubauen und COP so boykottieren. Die ESC ist dabei nicht nur ein Ort für Vernetzung und Diskussionen, sondern soll auch internationale Entscheidungsfindung und Koordinierung innerhalb der Klimabewegung schaffen. Deshalb wurde auch explizit dazu aufgerufen, dass Organisationen stimmberechtige Delegierte schicken. Neben Vertreter:innen von Organisationen konnten aber auch Aktivist:innen an der Konferenz teilnehmen. Alle Teilnehmer:innen sind sich einig, dass Profitmaximierung einer klimagerechten Welt im Weg steht, und sind bereit, die Veränderung, die wir brauchen, in die eigene Hand zu nehmen.

Ist die Earth Social Conference etwas Neues?

Die diesjährige ESC ist die erste ihrer Art, allerdings gibt es eine lange Tradition von Gegengipfeln, sowohl gegen COP als auch gegen andere imperialistische Gipfel wie G7 oder G20. In der Klimabewegung gab es bereits 2020 mit dem Glasgow Agreement den Anlauf, eine Alternative zur COP aufzubauen und eigene politische Ziele und Strategien der Klimabewegung zu entwickeln. 210 Organisationen unterzeichneten das Glasgow Agreement, allerdings fehlte insgesamt der Wille, die Vereinbarung auch in die Tat umzusetzen. Man begnügte sich quasi mit der Unterschrift, sodass die Ambitionen des Glasgow Agreements weit über die tatsächlichen Ambitionen der Unterzeichner:innen hinaus gingen. Auch die Corona-Bedingungen erschwerten den Prozess.

Die Earth Social Conferece hat sich den Anspruch gesetzt, aus den Erfahrungen von Glasgow, aber auch anderen Gegengipfeln zu lernen. Beispielsweise, indem auf der ESC Entscheidungen getroffen werden können oder es bereits im Vorfeld der Konferenz online Veranstaltungen gab, um eine Grundlage für die Diskussionen auf der Konferenz zu legen.

Kannst du uns einen kurzen Einblick in den Ablauf der Konferenz geben? Was habt ihr in den fünf Konferenztagen gemacht?

An den ersten drei Konferenztagen gab es ein Programm aus verschiedenen Workshops. Alle Konferenzteilnehmer:innen hatten im Vorhinein die Möglichkeit Workshops einzureichen. Die Workshops beschäftigten sich unter anderem mit feministischen Perspektiven auf die Klimakrise, der Macht des Finanzsystems, Aufgaben der Jugend im Kampf gegen die Klimakrise, dem Zusammenhang von Ökologie und Arbeit oder der Notwendigkeit revolutionärer Ansätze im Kampf gegen die Klimakatastrophe. Einige der Veranstaltungen fanden hybrid statt, sodass Interessierte aus der ganzen Welt teilnehmen konnten. Alle Workshops sollten sich um einen oder mehrere Pfeiler der Konferenz drehen: Vision/Programm, Theory of Change, Strategie oder Organisation. Das hat mal mehr, mal weniger gut geklappt, aber zumindest eine gewisse Orientierung in den eingereichten Workshops gegeben. An den letzten beiden Konferenztagen haben wir dann nächste Schritte diskutiert. Zum einen ging es darum, wie COP im nächsten Jahr boykottiert werden kann, zum anderen haben wir Vorschläge für eine internationale Koordinierung innerhalb der Klimabewegung erarbeitet.

In den fünf Tagen habt ihr sicherlich viel diskutiert. Kannst du uns einen groben Einblick in die Diskussionen auf der Konferenz geben? Was waren wichtige Themen und was ist dir besonders aufgefallen?

Es haben ca. 50-60 Personen aus Kolumbien, Venezuela, Peru, Mexiko, USA, Portugal, Deutschland, Italien, Schweiz, Österreich, Baskenland, Dänemark, Türkei, Australien und Indonesien in Präsenz an der Konferenz teilgenommen. Alle Visa von Aktivist:innen aus Afrika wurden abgelehnt, sodass von dort keine Beteiligung in Präsenz stattfinden konnte. Online haben sich Aktivist:innen aus noch deutlich mehr Ländern beteiligt. 

Von verschiedenen indigenen Organisationen aus Lateinamerika über XR, Debt for Climate oder FFF bis hin zu explizit revolutionären Organisationen war eine große Bandbreite von Gruppen und Perspektiven vertreten. Entsprechend breit und vielseitig waren auch die Diskussionen. Es wurde genauso über konkrete Kämpfe von Indigenen zum Schutz ihres Landes diskutiert wie über die Frage nach der Notwendigkeit einer Revolution oder Ansätze einer Welt nach dem Kapitalismus. 

Insgesamt teilten viele Teilnehmer:innen die Einschätzung, dass sich die Klimabewegung aktuell in der Defensive befindet und wieder an politischer und gesellschaftlicher Macht gewinnen muss. In der deutschen Klimabewegung erleben wir ja aktuell eine gewisse Orientierungslosigkeit und eine Suche danach, wie es weitergehen soll. Eine ähnliche Stimmung hat man auch auf der Konferenz spüren können.  Damit einher ging aber auch eine Offenheit gegenüber verschiedenen Ansätzen und Ideen, einschließlich revolutionärer und sozialistischer Gedanken. Es wurden auch einige konkrete Vorschläge diskutiert, z.B. einen Aufstand der Jugend zu organisieren oder durch Aktionen öffentliche Entscheidungsträger zu entlarven und zu delegitimieren. Außerdem haben wir uns konkrete Gedanken darüber gemacht, wie ein Boykott der COP aussehen kann und welche Schritte notwendig sind, um die ESC zu einer echten Alternative zur COP zu machen.  

Auch Young Struggle hat zwei Workshops auf der Konferenz angeboten. Kannst du uns mehr darüber erzählen?

Wir hatten das Glück, für unsere Workshops auf der Konferenz eng mit Polen Ekoloji zusammenarbeiten zu können. Polen Ekoloji ist eine Ökologieorganisation aus der Türkei und Nordkurdistan, die in den vergangenen Jahren wichtige Beiträge zur Entwicklung marxistischer Positionen in Ökologie-Fragen geleistet hat und damit mehr Klarheit und Perspektive in die oft sehr unklar antikapitalistischen Diskussionen in der Klimabewegung bringen kann. Gerade als sozialistische Jugendorganisation können wir viel von ihnen lernen.

Wir haben also zwei Veranstaltungen mit Polen Ekoloji gemeinsam angeboten. In einer Podiumsdiskussion, an der sich auch online beteiligt werden konnte, haben wir die Zusammenhänge von Krieg, anti-kolonialem Befreiungskampf und Ökologie im mittleren Osten beleuchtet. Dafür haben neben uns und Polen Ekoloji auch Vertreter:innen von Masar Badil, Green Trees Rojava und der Ökologie Akademie in Rojava gesprochen. Die Diskussion hat klar gemacht, dass Ökologie eigentlich nicht trennbar ist von Kolonialisierung, Krieg und Imperialismus. Wir haben deshalb die Klimabewegung dazu aufgerufen, nicht nur unter sich Bündnisse zu schließen, sondern auch den Schulterschluss mit anti-imperialistischen Kräften zu suchen.

In einem zweiten Workshop haben wir uns mit Emekoloji, der Ökologie der Arbeit, beschäftigt. Dieses Konzept wurde von Polen Ekoloji zusammen mit verschiedenen marxistischen Akademiker:innen entwickelt, und beschäftigt sich damit, wie der Einfluss des Menschen auf die Umwelt und auch ökologische Zerstörung durch die Arbeiter:innen selbst vermittelt wird. Damit wird z.B. klar, dass sog. „Berufskrankheiten“, also gesundheitliche Schäden der Arbeiter:innen durch ihre Arbeit, Anzeichen für kommende ökologische Zerstörung sind. Wir haben außerdem eine Auseinandersetzung mit „Just Transition“ bzw. „Green Transition“ Ansätzen vorgenommen und festgestellt, dass nur ein Wechsel des Chefs am Verhältnis von Arbeit und Ökologie im Kapitalismus nichts ändern wird. Ein weiterer wichtiger Punkt unserer Diskussion war, in der politischen Arbeit zu berücksichtigen, dass Produktionsketten heute den gesamten Globus umspannen. Z.B. kann man in mehreren Ländern der Produktionsketten Aktionen machen oder sich gegen eine Verlagerung der Produktion ins Ausland für mehr Profite wehren.

Was ist deine Einschätzung: War die Konferenz erfolgreich?

Ja, insgesamt war die Konferenz erfolgreich. Natürlich besteht Luft nach oben, aber es wurden wichtige Schritte nach vorne gemacht. Eine Stärke der Konferenz war z.B., dass konkrete Perspektiven für weiteren Konferenz und den Boykott der COP gefasst wurden und dass mehrere Organisationen und Einzelpersonen Interesse an einer gemeinsamen Koordinierung ihrer Arbeiten gezeigt haben. Außerdem konnten wir viel voneinander lernen, neue Kontakte knüpfen und bestehende vertiefen.

Was wünschst du dir für die nächste ESC?

Es ist sehr wichtig, einen Gegengipfel zur COP zu etablieren, denn die Zerstörung unseres Planeten lässt sich im Kapitalismus nicht aufhalten. Wir müssen also selbst zusammenkommen, stärker werden und so letztlich die Voraussetzungen schaffen, um ein System, das den Menschen dient, an die Stelle des Kapitalismus zu setzen. Damit ESC wirklich zu einer Alternative zur COP werden kann, muss die Konferenz aber bekannter werden und mehr Organisationen aus der Klimabewegung, aber auch darüber hinaus, müssen sich daran beteiligen. Es ist außerdem wichtig, dass alle Beteiligten eine klare Vorstellung von den Zielen der Konferenz haben und auch für sich selbst Ansprüche und Ziele setzen, sodass die Konferenz bestmöglich genutzt werden kann.

Zum Abschluss würden wir gerne wissen, was du aus der Konferenz mitnimmst. Was hast du gelernt? Was möchtest du an Young Struggle, aber auch die Klimabewegung in Deutschland generell weitergeben?

Ich denke, wir haben alle noch nicht ganz verstanden, was es bedeutet, revolutionäre Politik in Zeiten von ökologischer Zerstörung zu machen. Es ist ja nicht nur die Klimakrise, die die Lebensgrundlage der Menschen bedroht, sondern z.B. auch das Artensterben oder der Verlust von fruchtbaren Böden. Zahlreiche Entwicklungen sind im Gange, die sich nicht wieder zurückdrehen lassen und die Möglichkeiten für zukünftiges menschliches Leben auf diesem Planeten immer weiter einschränken. Für viele Menschen ist das auch keine Frage von fünfzig oder hundert Jahren, sondern sie verlieren schon heute ihr Leben und ihre Existenzgrundlage. Zeit ist mit Blick auf die Zerstörung des Planeten ein wichtiger Faktor. Auf der anderen Seite hilft es uns auch nicht, in Panik oder Alarmismus zu verfallen. Revolutionäre und kommunistische Kräfte sind insgesamt schwach, auch wenn es einen gewissen Aufschwung gibt. Revolution und Sozialismus haben Voraussetzungen, von denen wir heute doch noch ein ganzes Stück entfernt sind. Wir müssen also realistisch sein, sowohl was den Zustand unseres Planeten angeht als auch den Zustand revolutionärer Kräfte. Wir müssen mehr darüber nachdenken, was das für unsere Arbeit bedeutet. Tun wir wirklich alles, was wir können? Schaffen wir all die Voraussetzungen, die wir heute schaffen können? Daran müssen wir uns messen.

Abgesehen davon hat sich auf der Konferenz gezeigt, dass die Zustimmung für revolutionäre Positionen in der Klimabewegung zwar wächst, aber bei weitem noch nicht überall angekommen ist. Auch viele Aktivist:innen sind dieses Jahr zur COP gegangen, von den NGOs ganz zu schweigen. Es gibt immer noch ein gewisses Vertrauen in dieses System und den Glauben, durch Druck auf Politiker:innen etwas ändern zu können, obwohl immer und immer wieder das Gegenteil bewiesen wurde. Daran müssen wir etwas ändern und ein für alle Mal zeigen, dass COP der falsche Ort ist, wenn man wirklich etwas gegen die Klimakrise tun möchte.

Letztlich habe ich viel aus des Diskussionen mit den unterschiedlichen Konferenzteilnehmer:innen mitgenommen. Sowohl konkretes Wissen, aber auch ein besseres Verständnis voneinander. Nicht alle blicken so auf die Welt wie wir. Andere haben vielleicht ähnliche Positionen, aber benutzen andere Begriffe als wir. In anderen Kontexten stehen gerade andere Themen im Vordergrund. Dafür gewinnt man nur ein Gefühl, wenn man miteinander spricht. Trotz aller Unterschiede gab es aber einen gemeinsamen Willen, etwas zu verändern, auch wenn die Frage nach dem Wie noch konkretisiert werden muss.

Das Wichtigste ist aber: Ökologie muss ein Thema sein für alle Revolutionär:innen! Allein das Maß an Umweltzerstörung zwingt uns, das Thema ernst zu nehmen. Aber es ist nicht nur das. Klimakrise und Umweltzerstörung bringen weiterhin viele, v.a. junge Menschen dazu, nach Alternativen zum Kapitalismus zu suchen. Der Sozialismus wird diese Alternative sein!