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„Unsere Aufgabe ist die Revolution zu verteidigen, egal wo auf der Welt wir sind.“ – Interview mit People´s Bridge

Vielleicht wollt ihr euch als erstes vorstellen; was für eine Organisation seid ihr, was für Arbeiten macht ihr?

People´s Bridge: Mit unserem Namen Peoples Bridge, auf deutsch „Brücke der Völker“ möchten wir auch den Anspruch an die Arbeiten, die wir machen, zeigen. Unsere Aufgabe sehen wir darin, eine Brücke zu schlagen zwischen der Revolution in Rojava und den Menschen in Europa.

Wir möchten deshalb hier in Europa über die Themen in Nord- und Ostsyrien aufklären. Hier richten wir uns besonders auch an die werktätige Linke und Migrant:innen aus Nord- und Ostsyrien.

Wir veröffentlichen regelmäßige Berichte der Ereignisse in Nord- und Ostsyrien auf Sozialen Medien. Zusätzlich veröffentlichten wir einen Newsletter namens „Avaşîn“ (dt: Blauwasser), in dem wir auch fortschrittlichen Bewegungen aus der Region die Möglichkeit geben, ihrer Stimme einen Ausdruck zu verleihen – wie zum Beispiel der TKŞ (Tevgera Komûnîst a Şoreşger/ die Bewegung revolutionärer Kommunist:innen). Aber auch berichten wir dort über die allgemeinen Entwicklungen in Rojava ausführlicher. 

Dabei möchten wir uns aber in unserer Solidarität nicht nur auf die Völker in Nord- und Ostsyrien beschränken. Wir möchten auch einen Beitrag dazu leisten die Solidarität zwischen den Völkern im Mittleren Osten zu stärken. Deshalb ist es für uns auch wichtig, uns mit dem palästinensischen Volk zu solidarisieren, dass einem Genozid durch Israel ausgesetzt wird. Denn es sind besonders die beiden Staaten Türkei und Israel die eine Einheit gegen die Völker im Mittleren Osten bilden, weshalb wir den kurdischen und palästinensischen Befreiungskampf unterstützen.

Neben der Öffentlichkeitsarbeit in Europa verfolgen wir auch in Zukunft das Ziel, Projekte zu organisieren, die den Menschen direkt vor Ort nützten. Hier stellt sich vor allem die Frage: Wie schaffen wir es Europa, neben dem politischen Druck auch in Rojava selbst bleibende Unterstützung zu organisieren? Wie schaffen wir es zum Beispiel, die durch den andauernden Krieg zerstörte Infrastruktur wieder aufzubauen? Oder wie schaffen wir es, die Entwicklung eines eigenen Bildungssystems zu unterstützen?

Zusätzlich möchten wir hier in Europa auch zu einer Ansprechstelle für Migrant:innen aus Nord- und Ostsyrien werden. Im Zuge des Terrors der faschistischen IS-Banden sind Millionen Menschen nach Europa geflüchtet. Wir möchten sie vor allem als politische Kraft zur Unterstützung der Rojava Revolution gewinnen, aber auch ihre Probleme in Europa angehen.

Könnt ihr die aktuelle Lage in Rojava beschreiben, was sind die aktuellsten Entwicklungen?

People´s Bridge: Die Revolution in Rojava begann 2012 mit dem Rückzug der Soldaten des Assad-Regimes aus den kurdischen Teilen Nord- und Ostsyriens. Seitdem hat sich die Situation in der Region grundlegend geändert. Die faschistischen IS-Banden konnten zerschlagen werden. Mit dem Sieg über die faschistischen IS-Banden hat sich für die Selbstverwaltung die Aufgabe gestellt, die Erfolge der Revolution zu sichern, ihre Instituitionen aufzubauen und die verschiedenen Völker Nord- und Ostsyriens gleichberechtig in die Selbstverwaltung einzubeziehen.

Gleichzeitig sind die faschistischen IS-Banden territorial zerschlagen, das bedeutet aber noch nicht, dass in der Region Frieden eingekehrt ist. Immernoch existieren Zellen der IS-Banden, daneben befinden sich zehntausende IS-Mitglieder in den Gefängnissen der Selbstverwaltung und bilden eine tickende Zeitbombe. Ein großes Problem ist hier zum einen, dass viele Länder ihre Staatsangehörigen, die IS-Mitglieder sind, und sich in den Gefängnissen befinden ,nicht zurücknehmen, sondern die Verantwortung auf die Selbstverwaltung abwälzen. Zu diesen Ländern zählen auch Deutschland, Frankreich und Großbritannien.

Der weitere Grund ist die instabile Lage durch die andauernden Angriffe des türkischen Staates. Denn durch die Angriffe des türkischen faschistischen Staates sind viele Kräfte der Selbstverwaltung gebunden und können den Kampf gegen die IS-Banden nicht effektiv führen.

Der faschistische türkische Staat versucht durch seine Angriffe die Revolution in Rojava zu zerschlagen. Dazu hat er in den letzten Jahren verschiedene Bodenoffensiven durchgeführt, und Regionen wie Afrin und Serêkaniyê besetzt. Zudem greift die Türkei gezielt politisch und militärisch wichtige Persönlichkeiten der Revolution an, um die Revolution zu schwächen. Viele wichtige Menschen starben dieses Jahr, wie die MLKP-Kommandanten Zeki Gürbüz, Özgür Namoglu, Osman Nuri Ocakli oder die beiden Vorsitzenden der Selbstverwaltung Qamişlos Yusra Derwês oder Lîman Siwês.

Zudem hat der türkische Staat eine weitere neue Bodenoffensive angekündigt die bisher auf sich warten lässt, da die imperialistischen Staaten USA und Russland nicht ihre Zustimmung geben. Dadurch führt die Türkei aktuell einen Krieg niedriger Intesität durch Drohen-, Luft- und Artillerieangriffen. Die Angriffe der Türkei richten sich hier vor allem auf zivile Infrastruktur. Durch die Angriffe der Türkei sind mindestens zwei Millionen Menschen ohne Strom und Wasser. Die Angriffe erfolgen gezielt auf Gas-, Strom- und Wasserwerke. Dadurch droht in der Region eine humanitäre Katastrophe. 

Trotz der schwierigen Situation und dem andauernden Kriegszustand sehen wir aber auch, dass die Bevölkerung von Nord- und Ostsyrien hinter der Selbstverwaltung steht. Nach den türkischen Angriffen kommt es immer wieder zu Demonstrationen in den Städten gegen die Angriffe und auch die Beerdigungen von Gefallenen zeigen den Willen der Bevölkerung sich nicht dem Terror des türkischen faschistischen Staates zu beugen. Die Selbstverwaltung hat mit dem neuen Gesellschaftsvertrag der Ende letzten Jahres eingeführt wurde außerdem gezeigt, dass sie weiterhin an dem Aufbau der Selbstverwaltung und einem demokratischen Leben in der Region arbeitet.

Was sind die Aufgaben die sich aus der aktuellen Lage in Rojava ergeben? Was sind Aufgaben für uns als Internationalist:innen in Europa?

People´s Bridge: Zum einem muss unsere Antwort auf die aktuelle Lage in Rojava eine praktische internationale Solidarität sein. Wir müssen einen aktiven Kampf gegen die fehlende Versorgung mit Wasser oder Strom führen. Wir müssen die Möglichkeiten der Selbstverwaltung stärken diese und weitere lebensnotwendigen Dinge selbst zu produzieren. Wir können uns zum Beispiel überlegen wie wir es schaffen, dass die Häuser mit Strom versorgt werden und nicht mehr von den großen Elektizitätswerken abhängig sind. Das könnten wir zum Beispiel dadurch lösen Solaranlagen nach Rojava zu bringen und so einen praktischen Beitrag zu der Garantierung der Versorgung vor Ort zu leisten. 

Wir müssen aber hier auch klar sehen, dass so nicht alle Probleme gelöst werden können, wenn wir es nicht schaffen die Angriffe des türkischen Staates zu stoppen, hier sollten wir unsere hauptsächliche Aufgabe drinnen sehen in Europa. Das kann bedeuten das wir Öffentlichkeitsarbeit machen und über die Verbrechen des türkischen Staates aufklären und zum Beispiel auch die Nutzung der Türkei von Wasser als Kriegswaffe bekannt machen. Wir müssen es schaffen in den breiten Teilen der werktätigen Linken und in der Gesellschaft über die Selbstverwaltung in Nord- und Ostsyrien aufzuklären und sie als Unterstützer:innen gewinnen. 

Besonders müssen wir aber auch die Rolle der westlichen Staaten in ihrer Unterstützung des türkischen Staates entlarven. Es sind deutsche Waffen, die für die Bodenoffensiven durch die Türkei genutzt wurden. Die USA öffnet immer wieder für die Türkei den Luftraum für Bombadierungen. Gleichzeitig holen die westlichen Staaten die IS-Anhänger aus ihren Ländern nicht zurück. Hier muss unsere Aufgabe sein politischen Druck auszuüben, breite Bündnisse aufbauen, um die Unterstützung der imperialistischen Staaten, wie Deutschland, Frankreich, USA, für die Türkei zu beenden. 

Die Aufgabe, die uns die Situation in Nord- und Ostsyrien gibt, lässt sich damit zusammen fassen, das unsere Aufgabe ist die Revolution zu verteidigen, egal wo auf der Welt wir sind.

Was werden eure nächsten Schritte und Projekte sein? 

People´s Bridge: Im Moment geht es darum, die Revolution zu verteidigen.

Hierzu rufen wir alle auf, sich an der Verteidigung zu beteiligen – die Form der Aktion kann verschieden sein. Solange wir aber etwas tun, präsent sind, so zeigen wir auch den Leuten vor Ort, dass sie nicht alleine sind und die Moral hochzuhalten, ist ein wichtiger Faktor im Krieg. 

Perspektivisch wollen wir eine Anlaufstelle für Kurd:innen aller vier Teile Kurdistans werden, speziell aber Rojavas, wo eine erfolgreiche Revolution erkämpft wurde. Kurd:innen aus Rojava, die nach Deutschland kamen, um dem faschistischen IS zu entkommen, finden sich in prekären Lebenssituationen wieder und genau diese Leute wollen wir erreichen. Schließt euch uns an und lasst uns für die Revolution arbeiten, egal, wo wir uns befinden!